Bis 2030 möchte die japanische SUPER GT ihren CO2-Ausstoß um ganze 50% reduzieren. Hierfür hat GTA-Chairman Masaaki Bandoh einen entsprechenden Fahrplan vorgestellt. Die Eckpfeiler: Klimaneutrales Benzin, weniger Reifensätze und möglicherweise gar Hybrid-Fahrzeuge. Wir stellen das Konzept vor.
Wenige Stunden vor dem fulminanten und hochdramatischen Saisonfinale im Mobility Resort Motegi hat Serienchef Masaaki Bandoh das SUPER GT Green Project 2030 vorgestellt. Das Ziel: Eine Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen um ganze 50%. Damit steckt sich die GT Association (GTA) ein höheres Ziel als die japanische Regierung, die den CO2-Ausstoß bis dahin um 46% senken möchte. Um die Klimaneutralität der SUPER GT zu fördern sowie den Ausstoß der Treibhausgase genau zu kalkulieren, wird man mit dem Subkomitee zum Thema Klimaneutralität des japanischen Automobilverbandes JAF (JAF no kabonnyutorau bunkai) eng zusammenarbeiten. Damit nimmt die SUPER GT quasi auch eine Vorreiterrolle in der japanischen Motorsportindustrie ein. Auch andere Serien wie die Super Formula sowie die japanische Superbike-Meisterschaft (All Japan Road Race Championship) planen ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Dabei betonte Masaaki Bandoh aber, dass man darauf abziele, den Motoren-Sound als Grundlegendes Merkmal der SUPER GT beizubehalten. Mit anderen Worten: Eine gänzliche Elektrifizierung in der Zukunft scheint ausgeschlossen.
Einer der Eckpfeiler des SUPER GT Green Project 2030 ist unter anderem die Verwendung von klimaneutralem Benzin. Hierfür hat die Serie am vergangenen Montag erstmals zwei wichtige Test-Sessions abgehalten. Ursprünglich für Ende August geplant, wurden die Testfahrten aufgrund von Lieferverzögerungen von Suzuka nach Motegi nach dem Saisonfinale verlegt. Insgesamt nahmen 22 der 23 geplanten Fahrzeuge teil. So musste der Hoppy Schatz GR Supra der GT300-Klasse nach einem Unfall beim Saisonfinale die Teilnahme absagen. Aus der GT500-Klasse nahmen einzig die Meistermacher von Team Impul sowie ihre Nissan-Gefährten von Kondo Racing nicht teil. Für den Test wurde das aus Biomasse, die nicht aus fossilen Brennstoffen stammen, bestehende klimaneutrale Benzin des deutschen Herstellers Haltermann Carless verwendet, welches „GTA R100“ getauft wurde. Dieses soll auch ab 2023 in allen Fahrzeugen der GT500- und GT300-Klasse zum Einsatz kommen.
Die schnellste Rundenzeit am Montagmorgen fuhr Ronnie Quintarelli (Motul Autech Z) mit 1:37.285. Am Nachmittag führte Katsumasa Chiyo (Craftsports Motul Z) mit 1:37.453 die Zeitenliste an. Damit war die Tagesbestzeit rund zwei Sekunden langsamer als der am Wochenende zuvor in der Qualifikation aufgelegte neue Rundenrekord von Tadasuke Makino (1:35.194), wobei die Teams selbstredend nicht mit voller Leistung unterwegs waren. Für den Test wurde ein neuer Reifensatz gestellt. Vier weitere gebrauchte Sätze übernahm man vom Saisonfinale. Die ersten Eindrücke fielen sehr positiv auf, wobei ein Höchstgeschwindigkeits-Unterschied von 3-5 km/h festgestellt wurde. Die Fahrer zeigten sich dennoch überrascht. Ronnie Quintarelli dachte etwa, dass es eventuell Probleme geben könnte, da die 2,0l Turbo-Motoren der GT500-Autos „sehr aggressiv designt“ seien. Die Unterschiede beim Fahrgefühl zum herkömmlichen Kraftstoff seien aber so marginal gewesen, dass er sie kaum bemerkt hätte, wenn er nicht im Voraus gewusst hätte, dass er nun mit dem klimaneutralen Benzin unterwegs sei.
Im Voraus haben alle drei Hersteller (Nissan, Honda, Toyota) das Benzin zwar schon im Labor auf dem Prüfstand gehabt. Dies waren aber die ersten echten Probefahrten. In der Super Taikyu hatte NISMO in der GT4-Variante des neuen Nissan Z bereits klimaneutrales Benzin unter Rennbedingungen bei den Fuji 24 Hours erprobt. Ronnie Quintarelli glaubt, dass dies ein Vorteil beim Nachjustieren des Engine Mappings und den generellen Vorbereitungen gewesen sein dürfte. Ukyo Sasahara (Red Bull Mugen NSX-GT) teilte die Eindrücke des Italieners und betonte, dass die Motoreinstellungen natürlich noch nicht perfekt seien. Zwar sei die Motorleistung etwas geringer als beim herkömmlichen Benzin gewesen, das generelle Fahrgefühl sei aber sehr natürlich gewesen. Auch Hiroaki Ishiura (Zent Cerumo GR Supra) konnte kaum Unterschiede feststellen. Anfangs hielt er die Leistung etwas zurück und bemerkte, dass der Hochschaltzeitpunkt etwas tiefer als beim Saisonfinale lag. Anschließend konnte er aber fahren, ohne irgendwelche störenden Faktoren zu spüren.
Ziel des Tests war es auch die Leistungsunterschiede zwischen dem klimaneutralen sowie dem herkömmlichen Benzin festzustellen, weshalb mit beiden Treibstoffen gefahren wurde. Die Zeitenliste ist deshalb nicht sonderlich repräsentativ. So stammte die GT300-Bestzeit am Montagmorgen von Ryuichiro Tomita (Tanax Gainer GT-R), der mit dem herkömmlichen Kraftstoff eine 1:46.827 fuhr. Schnellster der klimaneutral betankten Boliden war der Leon Pyramid AMG (1:47.045). Die schnellste Zeit am Nachmittag fuhr Seiji Ara im Studie BMW M4 (1:46.766). Dieser konnte ebenfalls keine Probleme beim Fahrgefühl mit seinem GT3-Boliden feststellen, erklärte aber, dass die Beschleunigung weniger kraftvoll war – ein Punkt, der nach Rücksprache mit BMW mit Feinjustierungen aber ausgeglichen werden könne. Subaru BRZ R&D Sport-Pilot Takuto Iguchi ist einer der wenigen Fahrer, die bereits erste Erfahrungen in der Super Taikyu mit klimaneutralem Benzin sammeln konnten. Interessanterweise kommentierte er, dass er keine Leistungsverluste spürte und fragte sich lediglich, ob es eventuell Unterschiede beim Verbrauch gebe könne. Einzig Ryuichiro Tomita bemängelte, dass die geringere Leistung eine Auswirkung aufs Fahrgefühl hatte. So fehlte es seinem Nissan GT-R NISMO GT3 etwas an Power in den höheren Drehzahlregionen. Da dieser von einem Turbo-Motor angetrieben wird, hatte er das Gefühl, dass das Backfire aus dem Auspuff etwas stärker als sonst ausfalle.
Alles positiv also? Nicht ganz. Alle Fahrer beklagten sich über einen merkwürdigen und aggressiven Geruch aus den Auspüffen. Dieser soll insbesondere beim Hinterherfahren, aber auch in der Boxengasse stark spürbar gewesen sein. Einige weniger Fahrer beklagten sich gar über Augenreizungen, wenn sie zu dicht hinter einem anderen Fahrzeug fuhren und die Abgase ins eigene Cockpit gerieten. Seiji Ara erklärte etwa, dass er versuchte die Luftzufuhr im Cockpit seines BMW-Boliden zu verändern – ohne Erfolg. Hondas SUPER-GT-Projektleiter Masahiro Saiki hat eine Erklärung für das Phänomen. Der Geruch soll daran liegen, da der klimaneutrale Kraftstoff noch nicht richtig verbrannt wurde. Laut Saiki soll es ein ähnliches Geruchsproblem bei den entsprechenden Testfahrten der Super Formula gegeben haben. Zugleich könnte man die rohen Materialien wechseln, die für die Herstellung des Kraftstoffes verwendet werden, was gleichzeitig aber auch eine Kostenfrage wäre. Wenn man es schaffe, das klimaneutrale Benzin vollständig zu verbrennen, sollte vom aggressiven Geruch nichts mehr übrigbleiben, so Saiki.
Um dieses Problem werden sich nun die GTA und die jeweiligen Hersteller kümmern. Die Testfahrten fanden unter den Augen des ehemaligen Formel-1- und SUPER-GT-Fahrers Sakon Yamamoto statt, der in die Politik wechselte und als Abgeordneter des nationalen Parlaments sowie weiteren Repräsentanten der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) ein großes Interesse an den klimaneutralen Bemühungen der SUPER GT hat. In der Vergangenheit wurde der Motorsport von der japanischen Regierung als reines Entertainment und nicht zwingend als klassische Sportart abgestempelt. Dies scheint sich aber so langsam zu ändern. So war mit Fumio Kishida beim Formel-1-Grand-Prix in Suzuka im Oktober auch erstmals ein japanischer Premierminister zu Gast. Entsprechend hoch dürfte auch das Interesse am Ziel der GTA sein, den eigenen CO2-Ausstoß um ganze 50% bis 2030 zu reduzieren. Das klimaneutrale Benzin ab 2023 sei hierfür nur der Anfang. Folgende Roadmap wurde von Serienchef Masaaki Bandoh präsentiert.
SUPER GT Green Project 2023 Roadmap
2024
- Einführung von klimaneutralem Benzin (nicht-fossiler Brennstoff aus Biomasse) in den GT500- und GT300-Klassen.
- Reduktion der verfügbaren Reifensätze für 300-Kilometer-Rennwochenden, der aktuellen Standardlänge abseits der Langstreckenläufe, von sechs auf fünf Trockenreifen- sowie von sieben auf sechs Regenreifen-Sätze. Indem die Anzahl der verfügbaren Reifensätze gesenkt wird, sollen die Kosten sowie die insgesamte Produktion, aber auch die Logistikkosten für die Pneus gesenkt werden. Gleichzeitig verspricht man sich Reifen mit einer längeren Lebensdauer sowie weniger Reifenabfälle, was sich ebenfalls positiv auf die Umwelt auswirken sollte.
2024-2026
- Einführung von neuen GT500-Autos auf Basis des aktuellen Class 1 plus alpha-Chassis im Jahr 2024 („plus alpha“ bedeutet in Japan nichts anderes als „modifiziert“, da das GT500-Chassis einige wenige Unterschiede zum ehemaligen DTM-Chassis aufweist). Die neuen Boliden sollen die Entwicklung verschiedener kraftstoffsparender Technologien fördern.
- Weitere Verwendung von klimaneutralem Benzin in der GT500 und GT300.
- Eine weitere Reduzierung der verfügbaren Reifensätze an den 300-Kilometer-Rennwochenenden von fünf auf vier Trockenreifen- und sechs auf fünf Regenreifensätze.
2027-2030
- Einführung von neuen GT500-Boliden im Jahr 2027. Die GTA erwägt den Einsatz von Hybrid-Fahrzeugen. Eine finale Entscheidung soll aber nicht vor Ende 2023 getroffen werden. Die Hybrid-Technologie ist in der SUPER GT nichts neues. So ist seit 2012 in der GT300-Klasse der Toyota Prius von apr mit Hybrid-Technologie am Start. 2014 gewann mit dem Mugen Honda CR-Z GT gar ein Hybrid-Bolide die GT300-Meisterschaft. Zwischen 2014-2016 nutzte Honda auch einen Hybrid-Antrieb mit einer 60 kW MGU-K in ihrem NSX Concept-GT in der GT500-Klasse. Masaaki Bandoh betonte, dass wenn man in diese Richtung gehe, der Hybrid-Antrieb möglicherweise ein Einheitsteil werden könne, da es aufgrund Japans fehlender Ressourcen möglicherweise zu kostenaufwendig und schwierig sein, ein entsprechendes kompetitives Umfeld zu schaffen. Die Nachbehandlung der Batterien würde zudem einen erheblichen Teil des Budgets einnehmen.
- Einführung von einem in Japan hergestelltem synthetischen Kraftstoff (E-Fuel).
Weitere Initiativen bis 2030
- Generelle Reduzierung des Abfalls an den Rennstrecken.
- Förderung des Recyclings von Kunststoffabfällen und mehr.
- Engere Zusammenarbeit mit den regionalen Regierungen der Streckenstandorte. So sollen zum Beispiel die Aktivitäten zum Schutz der Wälder (hier ist die GTA bereits sehr aktiv) fortgeführt sowie weitere Initiativen umgesetzt werden.
- Förderung verschiedener technischer Kooperationen zur frühzeitigen Realisierung der heimischen der inländischen Produktion von E-Fuel sowie die Förderung spezifischer Studien zur Einführung von recycelten Reifen.
Copyright Photos: GT Association (GTA)
