Schon ist Jahresmitte, und passenderweise auch Saisonhalbzeit für die Formel 3 und – nach dem für beide Serien jetzt anstehenden Rennwochenende in Österreich – auch für die Formel 2.
Zum Saisonauftakt so aus, als könnte Joshua Dürksen der Durchbruch in der Formel 2 gelingen: er siegte beim Sprint in Melbourne, wo das Hauptrennen wetterbedingt abgesagt werden musste, und fuhr somit als Meisterschaftsführender nach Bahrain. Dort wurde er auf der Strecke Dritter im Sprint, doch die Disqualifikation folgte schnell: Der Diffusor seines AIX-Renners war zu niedrig eingestellt. Seitdem gab es keinen einzigen Punkt mehr für den Paraguayer. Auch Pepe Marti hatte einen sehr starken Saisonstart: Er siegte im Bahrain-Sprint nach grandioser Aufholjagd vom elften Startplatz, wurde Vierter im Hauptrennen; in Jeddah sammelte er nochmals gute Punkte, doch dann: nichts mehr, während sich sein junger Campos- und Red Bull-Kollege Arvid Lindblad mit zwei Siegen in den Vordergrund rückte.
Nachdem Ende April endlich einmal Richard Verschoor (in seiner fünften F2-Saison) die Tabelle anführte, hat sich inzwischen tatsächlich jemand ganz anderes an die Spitze vorgearbeitet: Alex Dunne aus Irland. Das gelang ihm auch dank zweier Siege in den Hauptrennen in Imola und Bahrain. In Monaco konnte er sich im Gruppen-Qualifying die Pole sichern, hatte dann aber einen schlechten Start, wollte jedoch nicht nachgeben und drehte seinen Titelkontrahenten Luke Browning in Sainte Devote in die Leitplanke. Es folgte eine Massenkarambolage, in die ein großer Teil des Feldes verwickelt wurde, womit der Ire viel Wut – auch von Fans via Social Media – auf sich zog.
Dunne hat sich mit seiner harten Fahrweise auch bei den anderen Piloten nicht besonders beliebt gemacht. So schnell er ist, fährt er doch oft, als ginge es um seine letzte Chance… Möglicherweise war das auch mal so, denn Dunne kommt nicht aus einer finanziell so gesegneten Familie wie viele Konkurrenten. So musste er nach der starken Saison in der italienischen F4-Saison 2022 (Zweiter hinter Kimi Antonelli) zunächst nochmal ein Jahr in der „heimischen“ GB3 einschieben. Doch inzwischen gehört er zum McLaren Driver Development Programme und sollte damit die Chance haben, sich unabhängiger von finanziellen Zwängen zu entwickeln.
Enttäuschend sind bisher die Saison von Oliver Goethe (Red Bull-Junior) und Gabriele Mini (Alpine Academy) verlaufen. Beide kommen nicht richtig in Fahrt, Mini wird seit einigen Rennen sogar durch seinen stärker werdenden Prema-Teamkollegen Sebastian Montoya in den Schatten gestellt, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Immerhin konnte der Italiener, der 2024 knapp den F3-Titel verpasste, in Monaco einen starken zweiten Platz im Hauptrennen feiern.
Nach sechs von 14 Events liegen die ersten sechs Piloten in der Tabelle noch sehr eng beieinander. Auch der F3-Champion des Vorjahres Leonardo Fornaroli macht sich in seiner Rookie-Saison bei Invicta sehr gut, wenn auch nicht ganz so gut wie sein Vorgänger (als F3-Meister und in dem Auto) Gabriel Bortoleto.
Stand:
- Alex Dunne (Rodin, McLaren Development Programme) – 87 Punkte
- Richard Verschoor (MP Motorsport) – 84 Punkte
- Arvid Lindblad (Campos, Red Bull Junior Team) – 79 Punkte
- Jak Crawford (DAMS) – 73 Punkte
- Luke Browning (Hitech TGR, Williams Academy) – 73 Punkte
- Leonardo Fornaroli (Invicta) – 66 Punkte
Nächstes Event: Red Bull-Ring (27.-29.06.)
Formel 3
In der F3 ist das Bild klarer: Ich möchte Rafael Camara noch nicht zum Dominator erklären, aber drei Grand Slams (Pole, Sieg im Hauptrennen und schnellste Rennrunde) in fünf Events sprechen schon eine eindeutige Sprache. Dabei bleibt der Brasilianer ruhig und besonnen – vom Typ her erinnert er mich ein wenig an Oscar Piastri. Camara stand immer im Schatten von Antonelli, der in diversen Nachwuchsserien sein Teamkollege bei Prema war. Nun ist er aus selbigem befreit und kann sich endlich ganz entfalten. Er kann aber auch Fehler machen: in Imola führte er das Hauptrennen lange an, musste nach zwei kleinen Patzern aber erst Sergio Ramos, dann Noah Stromsted passieren lassen. Ich gehe trotzdem davon aus, dass wir in der zweiten Saisonhälfte weitere starke Performance und vielleicht den einen oder anderen Grand Slam von ihm sehen werden.
In Monaco gelang dieses Kunststück seinem Konkurrenten Nikola Tsolov, und das auch noch mit einem deutlichen Vorsprung von mehr als sieben Sekunden im Ziel. Das war schon eine sehr starke Performance des bulgarischen Red Bull-Juniors. Ebenfalls zum Red Bull-Nachwuchs gehört der Deutsche Tim Tramnitz. Der hat noch nicht so aufsehenerregende Performances abgeliefert, aber immerhin einen Sprint-Sieg in Imola. Dort war er im Reverse Grid voin Platz 2 gestartet und konnte seinen MP Motorsport-Teamkollegen Bruno del Pino in der dritten Runde vor der Tamburello-Schikane sauber überholen. Und Tramnitz ist der konstanteste Punktesammler aus diesem Führungstrio.
Bemerkenswert war auch noch der Gastauftritt von Freddie Slater, F4 Italia-Meister des Vorjahres, in Bahrain. Der konnte beim Debüt im Sprintrennen direkt im Kampf um die Spitze mitmischen und wurde in einem sehenswerte Rennen Zweiter hinter Nikola Tsolov.
Stand:
- Rafael Camara (Trident, Ferrari Driver Academy) – 105 Punkte
- Nikola Tsolov (Campos, Red Bull Junior Team) – 79 Punkte
- Tim Tramnitz (MP Motorsport, Red Bull Junior Team) – 70 Punkte
- Noah Stromsted (Trident) – 56 Punkte
- Tuukka Taponen (ART, Ferrari Driver Academy) – 51 Punkte
Nächstes Event: Red Bull-Ring (27.-29.06.)
Formula Regional European Championship by Alpine
Die FRECA hat erst drei ihrer zehn Events absolviert, im Juli stehen zwei weitere in Budapest und Le Castellet an, dann ist auch hier die Saisonmitte erreicht. Freddie Slater ist nach seinem Titel in der italienischen F4 2024, wo er sogar den Sieg-Rekord von Kimi Antonelli brach, als Favorit in die Saison gegangen. Doch – wie schon so oft zu beobachten war – ist die FRECA keine einfache Serie für Rookies: Slater liegt zwar vorn, aber nur um einen Punkt vor Matteo de Palo, der ein Jahr Erfahrungsvorsprung hat. Der Brite konnte bereits zwei Rennen gewinnen, fiel aber auch zweimal aus. Beim Saisonauftakt in Misano verlor er von der Pole aus den ersten Platz an de Palo, wollte daraufhin in der ersten Kurvenkombination zu viel und geriet mit Jin Nakamura aneinander, beide waren raus. In Spa hatte Slater eine schlechte Quali, startete im Mittelfeld und geriet wieder in der ersten Kurve im Getümmel seiner Teamkollegin Doriane Pin aneinanders – beide waren raus.
Trotzdem führt Slater vor de Palo, der in jedem Rennen gepunktet hat, und das will auch was heißen. Ein paar Punkte zurück folgen die beiden Franzosen Enzo Deligny und Evan Giltaire. Auch diese beiden haben schon FRECA-Erfahrung. Giltaire hatte mich im Winter überrascht, als er in der Formula Regional Middle East enorm stark war und sich – ein gutes Stück vor Freddie Slater – den Titel holte. Ihn hätte ich als ersten Verfolger von Slater erwartet, de Palo dagegen überrascht mich. Beim letzten Event in Zandvoort war wiederum Pedro Clerot der Stärkste und konnte Punkte auf dieses Führungsquartett gut machen. Alles in allem ist diese Saison noch recht offen, auch wenn es gut für Freddie Slater aussieht, geht man davon aus, dass der Rookie-Nachteil sich reduziert und auch die Start-Crashes weniger werden dürften.
Stand:
- Freddie Slater (Prema) – 83 Punkte
- Matteo de Palo (Trident) – 82 Punkte
- Enzo Deligny (R-ace GP) – 75 Punkte
- Evan Giltaire (ART) – 67 Punkte
- Pedro Clerot (Van Amersfoort) – 65 Punkte
Nächstes Event: Hungaroring (03.-05.07.)
F4 Italia
40 Pilotinnen und Piloten treten in diesem Jahr in der stärksten nationalen Formel 4-Serie an. Und das Event in Monza Mitte Juni war das erste, bei dem sie auch alle gleichzeitig auf die Strecke gehen konnten. Zuvor, in Misano und Vallelunga, musste das Feld in Gruppen und auf vier statt drei Rennen aufgeteilt werden, da die Streckenlizenzen nicht so viele Fahrzeuge erlauben. Wie 2021 (Bearman), 2022 (Antonelli) und 2024 (Slater) schickt sich auch dieses Jahr wieder ein Prema-Pilot an, die Serie zu dominieren: Kean Nakamura Berta hat seine ersten fünf Läufe am Stück gewonnen, erst im letzten Laut von Vallelunga zeigte er eine Schwäche und verlor nach einem suboptimalen Start von der Pole in der ersten „richtigen“ Kurve seinen Frontflügel.
Beim dritten Lauf in Monza lag Nakamura-Berta bis zum Restart in der letzten Runde auf Podiumskurs, geriet dann aber ausgangs der ersten Schikane mit seinem Teamkollegen Sebastian Wheldon aneinander, beide landeten im Kies, mit Newman Chi gewann ein weiterer Prema-Pilot. Sebastian Wheldon, der Sohn des 2011 tödlich verunfallten Indy500-Siegers Dan Wheldon, bestreitet seine erste Saison in Europa, nachdem er 2023 bei der klassischen US-amerikanischen Skip Barber-Nachwuchsserie den Titel gewann. Wheldon macht sich als Rookie erstaunlich gut und ist zu diesem Zeitpunkt tatsächlich erster Verfolger seines Teamkollegen Nakamura-Berta.
Der F4 Middle East-Champion aus dem vergangenen Winter war überraschend Emanuele Olivieri, der jetzt in der italienischen Serie zwar auch schon gute Podiumsresultate einfahren konnte, aber weit davon entfernt ist, Nakamura-Berta Konkurrenz zu machen, den er im Winter noch schlagen konnte. Etwas enttäuschend verläuft, wie schon in der Middle East-Serie, die Saison des anfangs mal hoch gehandelten Mercedes-Juniors Alex Powell. Ein zweiter Platz in Vallelunga in einem Lauf, in dem mehrere der stärksten Piloten nicht antraten, war bisher sein Saisonhighlight, das bedeutet aktuell Platz 9 in der Tabelle. Der stärkste Deutsche ist Maxim Rehm auf Rang 17, dem in Vallelunga auch ein guter vierter Platz gelang. Um aber in dieser Serie mit 40 Autos aufzufallen, ist das am Ende zu wenig.
Stand:
- Kean Nakamura-Berta (Prema, Alpine Academy) – 165 Punkte
- Sebastian Wheldon (Prema) – 136 Punkte
- Gabriel Gomez (US Racing) – 114 Punkte
- Salim Hanna (Prema) – 82 Punkte
- Emanuele Olivieri (R-ace GP) – 82 Punkte
Nächstes Event: Mugello (11.-13.07.)
Was sonst noch fährt…
In der F1 Academy führt aktuell die umtriebige Doriane Pin, die schon Ferrari Challenge, GTs und LMP2 (unter anderem in Le Mans) gefahren ist und jetzt parallel die F1 Academy und die FRECA-Saison (zumindest teilweise) bestreitet. Mit drei Rennsiegen liegt sie 20 Punkte vor ihrer ärgsten Kontrahentin, der US-Amerikanerin Chloe Chambers (109:89). Die nächsten beiden Läufe in dem seltsamen Kalender finden im Rahmen der F1 in Zandvoort Ende August statt.
Die IndyNXT-Serie (ehemals IndyLights) führt ein „alter Bekannter“ aus der Formel 2 an: Dennis Hauger konnte hier als Rookie vier der bisher sieben Läufe gewinnen. Beim ersten Ovalrennen der Saison musste er sich seinem australischen Kontrahenten Lochie Hughes (ebenfalls Rookie) geschlagen geben. Mit Caio Collet liegt ein weiterer aus Europa bekannter Pilot auf Rang 3, er konnte auf der Road America seinen ersten Saisonsieg einfahren. Als nächstes ist Mid Ohio am 6. Juli an der Reihe, eine Woche später mit dem Iowa Speedway das nächste Oval.
Die GB3 schickt sich mit ihrem neuen Auto inklusive DRS und einem zur Hälfte internationalen Kalender an, wieder an Bedeutung über die Insel hinaus zu gewinnen. Um die Spitze streiten sich aktuell die beiden Australier Alex Ninovic und Patrick Heuzenroeder (165:157), die meisten Rennsiege hat aber Freddie Slater eingefahren, der zwei der bisher drei Events noch neben der FRECA bestritten hat. Beim nächsten Event auf dem Hungaroring treten beide Serien an, Slater wird aber vermutlich nur eine fahren können und der FRECA den Vorzug geben.
Kacper Sztuka führt die Tabelle im Eurocup-3 an, einer günstigeren Serie auf Formula Regional-Level. Dem talentierten Polen, der 2023 die italienische F4 gewann, fehlt es an Budget, sodass er nach einer leider schwachen F3-Saison einen Schritt zurück machen musste. Die Serie fährt am kommenden Wochenende in Monza.
(Foto: Alpine F1)
