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ELMS: Analyse 4h von Silverstone

von StefanTegethoff
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ALP59994Es war ein aufregender Saisonauftakt für die European Le Mans Series, doch am Ende gab es mit G-Drive Racing einen verdienten und überlegenen Gesamtsieger. Auch in der LMP3-Kategorie fiel die Entscheidung zwar am Ende recht deutlich aus, doch das Rennen war über weite Strecke spannend und zeitweise turbulent – wozu auch das britische Wetter seinen Beitrag leistete. Der GTE-Sieger wurde nachträglich disqualifiziert, was stets einen unschönen Beigeschmack hinterlässt.

LMP2

Als die ELMS-Boliden für Quali und Rennen am Samstag auf die Strecke gingen, schneite es zwar nicht mehr – wie am frühen Morgen beim Training der WEC –, doch die Feuchtigkeit prägte den Renntag der Piloten auch in der europäischen Serie, die in diesem Fall als Support für die Langstrecken-WM auf dem Programm stand. Erst im Laufe des Rennens sollte es abtrocknen. Auf nasser Strecke setzte Mathias Beche den Thiriet by TDS-Oreca mit mehr als einer Sekunde Vorsprung auf die Pole Position, auch weil eine rote Flagge die Runs der Konkurrenz unterbrach. Leo Roussel setzte den Pegasus-Morgan etwas überraschend auf Rang 3, umgeben von den zwei SMP-BR01 und dem G-Drive-Gibson, die man an der Spitze des Feldes erwarten durfte.

GT7D0560Beim Start auf noch feuchter Fahrbahn bog der Pegasus-Morgan von seinem guten Startplatz direkt nach rechts in die Boxenmauer ab, weiter hinten drehten sich gleich mehrere LMP2-Boliden und in Kurve 1 rutschten mehrere Fahrzeuge von der Bahn, konnten aber dank der asphaltierten Auslaufzonen das Rennen fortsetzen – darunter auch der Polesetter: Pierre Thiriet verlor so direkt die Führung und musste in der Folge versuchen, sich wieder vorzukämpfen. Doch die Konkurrenz in der Spitzengruppe war stark und schon noch einer knappen halben Stunde setzte Pierre Thiriet den Oreca-Nissan in die Wand an der Außenseite von Luffield. Es ist ein denkbar schlechter Auftakt für das französische Team. Zwar hat die ELMS in diesem Jahr ein zusätzliches Rennen im Kalender – doch bei nur sechs Läufen ist ein „Nuller“ schwer wieder aufzuholen.

Harry Tincknell dagegen brachte den G-Drive-Gibson (es dürfte das letzte Jahr für das alte, offene Chassis sein) schon nach wenigen Runden in Führung und setzte sich von den Verfolgern ab. Seine Vorarbeit wurde jedoch teilweise zunichte gemacht, als aufgrund der zahlreichen Ausrutscher und Zusammenstöße zwei „Full Course Yellows“ in der ersten Rennhälfte ausgerufen werden mussten. Zwar bleiben bei dieser Geschwindigkeitbeschränkung für alle Fahrzeuge die Abstände auf der Strecke in etwa gleich; werden jedoch Boxenstopps eingelegt, gibt es Verschiebungen. G-Drive Racing, deren Einsatzteam Jota Sport ist, hatte Pech und setzte auf die falschen Zeitpunkte zum Stoppen – so konnte der Ligier-Nissan des Panis Bartez-Teams die Führung übernehmen.
GT7D1073Daran war auch deren Pilot Paul-Loup Chatin nicht unschuldig: Der 24-jährige Franzose, der immerhin schon zweimal in Le Mans angetreten ist, war äußerst zügig unterwegs. Seine schnellste Runde von 1’50.426 aus Runde 19 sollte bis zum Rennende Bestand haben. Doch sein Ersatz, Ex-Nationaltorhüter und Team-Mitbesitzer Fabien Barthez, war nicht so geschwind wie der Nicht-Profi im G-Drive-Auto, der inzwischen sehr erfahrene Simon Dolan. Dolan holte den Rückstand auf Barthez auf und überholte ihn schließlich eingangs Stowe sauber. Ab diesem Zeitpunkt lief alles nach Plan für G-Drive, während der Panis Barthez-Wagen einige Runden später mit Elektronik-Problemen in der (falschen) Boxengasse liegen blieb.

Bemerkenswert war auch der Stint des dritten G-Drive-Piloten Giedo van der Garde. Er baute die Führung auf etwa anderthalb Minuten aus und startete noch in der letzten Rennrunde einen Angriff auf die schnellste Zeit des Rennens. Er scheiterte an Chatins Zeit um 40 Tausendstel, doch er knackte die seines Teamkollegen Harry Tincknell um fast drei Zehntelsekunden. Nun macht ein Vergleich der beiden auf Basis zweier Runden, zwischen denen mehrere Stunden mit zunehmender Gummimenge und abnehmender Feuchtigkeit lagen, wenig Sinn – es zeigt aber, wie gut G-Drive / Jota Sport mit seinem Trio für die Saison 2016 aufgestellt ist: Die „Young Guns“ Tincknell und van der Garde gehören zu den absolut schnellsten Piloten im Feld, während Simon Dolan zu den besten der Gentlemen Drivers zu zählen ist. Bezogen auf die schnellsten Rennrunden am heutigen Tag nimmt er einem Sir Chris Hoy eine Sekunde, einem Fabien Barthez zweieinhalb und einem Tracy Krohn gar mehr als fünf Sekunden ab.

GT7D0962Am Ende siegte G-Drive Racing mit 1:35 Minuten vor dem ersten SMP-Fahrzeug mit Coletti / Covelli / Wirth (Letzterer war sehr stark unterwegs). Bereits eine Runde Rückstand hatte auf Rang 3 der SO24! By Lombard Racing-Ligier von Capillaire / Lombard / Coleman. Einen starken vierten Rang sicherte sich Krohn Racing, nachdem Nic Jönsson kurz vor Schluss noch an Mitch Evans im zweiten SMP-Br01 vorbeiziehen konnte. Das SRT41-Projekt um den vierfach amputierten Frédéric Sausset landete am Ende nur auf Rang 32 – doch das Ergebnis ist nicht entscheidend, vielmehr sind die Leistung des Franzosen sowie die Existenz der technischen Möglichkeiten, ihm das Rennfahren zu ermöglichen, bemerkenswert. Auch jemand, der nicht selbstständig in das Auto einsteigen kann, kann dieses trotzdem dank spezieller Handsteuerelemente in 2:08‘5 Minuten um den Kurs bewegen.

LMP3

Die LMP3 sorgte für viel Unterhaltung beim Zuschauer, aber sicherlich auch für viel Frust bei den LMP2-Piloten. Die kleinen Prototypen sind nicht so signifikant langsamer, als dass man sie an jeder Stelle leicht passieren könnte, und vor allem waren sie häufig in Zwei- und Dreikämpfe untereinander verwickelt, was die Aufgabe des Überrundens nicht einfacher gestaltete. Hinzu kamen einige technische Probleme (in einem Maße, wie es bei so frische Autos vertretbar ist) sowie Fahrfehler (wie sie bei den zahlreichen weniger erfahrenen Piloten zu erwarten sind). Doch insgesamt hielt sich alles im Rahmen und die LMP3 bot ein interessantes Rennen.

ALP59984Auch hier siegte am Ende einer der Favoriten: Das von England aus agierende US-Team United Autosport fuhr gleich einen Doppelsieg ein. Brundle / Guasch / England lagen am Ende offiziell eine Runde vor Patterson / Bell / Boyd, was jedoch täuschte, da der Abstand eigentlich geringer war. Alex Brundle war der mit Anstand schnellste Pilot in der Klasse (Bestzeit 1:55‘8) und bewies direkt beim Auftakt, dass er eigentlich in ein höherklassiges Prototypen-Cockpit gehört. Die nächstschnellsten waren seine Teamkollegen Matthew Bell und Sam Boyd (im anderen Auto), die er jedoch bezüglich der schnellsten Rennrunde um mehr als eine Sekunde abhängte. Christian England war bei seinem Comeback im „großen“ Motorsport ebenfalls sehr solide und flott unterwegs. Dritte wurden Trouillet / Petit / Guibbert im Graff-Ligier JS P3.

LMGTE

Turbulent ging es auch bei den Gran Turismos zu, wenn auch auf etwas unschönere Art. In der ersten Rennhälfte führte zeitweise der Ferrari des AT Racing-Teams mit Vater und Sohn Talkanitsa aus Weißrussland; diese wurden jedoch innerhalb kürzester Zeit zweimal von Prototypen unsanft zur Seite geschoben, was zu einem Reifenschaden und damit zu einem signifikanten Zeitverlust führte. Ob das Team bis zum Ende um den Sieg hätte kämpfen können, blieb somit unbeantwortet.

GT7D1205Stattdessen fuhr sich ein anderer Ferrari in die Top-Position: keiner aus dem Hause AF Corse, sondern der gelbe 458 Italia des JMW-Teams. Nachdem sich über weite Strecken die beiden Aston Martin Vantage von Beechdean und Goethe um die Führung gestritten hatten, konnte am Ende das Team von Jim McWhirter triumphieren. Wie G-Drive in der LMP2 sind auch sie – unter den Rahmenbedingungen des Reglements – fahrerisch erstklassig aufgestellt: Rob Smith, der den Start-Stint fuhr, konnte sich zwar nicht gegen die Profis in anderen Autos behaupten, war jedoch einer der schnellsten Bronze-Piloten der Klasse, schneller als beispielsweise ein Christian Ried, Talkanitsa senior (je etwa +1 Sekunde) und Andrew Howard (+3 Sekunden). Auf der anderen Seite gehören der junge Schotte Rory Butcher und der erfahrene Italiener Andrea Bertolini zu den schnellsten im GTE-Feld – schneller als Butcher war an diesem Tag nur Porsche-Werkspilot Richard Lietz, der jedoch auch nichts am schwachen Ergebnis seines Teams Proton Competition (Ränge 7 und 9) ändern konnte.

Doch die tolle fahrerische Leistung der JMW-Piloten sollte am Ende umsonst gewesen sein: Bei der technischen Abnahme nach dem Rennen wurde ein von der Homologation abweichender Frontsplitter festgestellt, sodass der Wagen vom Resultat ausgeschlossen wurde. Das Statement gen ACO, dass man eigentlich für die 24h von le Mans hätte nominiert werden müssen, war somit auch dahin. So geht der Sieg an den Beechdean-Aston Martin von Howard / MacDowall / Turner, die sich im markeninternen Kampf um den vermeintlichen zweiten Rang durchgesetzt hatten.

ALP50065Im anderen Aston Martin geriet Richie Stanaway im direkten Zweikampf um Rang 3 drei Kurven vor Schluss im Bereich Vale mit Alessandro Pier Guidi im AT Racing-Ferrari unsanft aneinander; Pier Guidi rutschte ins Aus, Stanaway beendete die Runde und das Rennen mit defekter Aufhängung zunächst auf Rang 3. Doch nach dem Rennen wurde ihm für sein Manöver eine Vier-Minuten-Strafe aufgebrummt, sodass der AT-Ferrari, den Pier Guidi noch über die Linie schleppte, zunächst auf Rang 3, dann dank der Disqualifikation von JMW sogar noch auf Rang 2 nach vorn rutschte – ein verdientes Resultat im Lichte des starken Rennens und des erlittenen Pechs, wenn auch auf unschönem Umweg. Den dritten Rang erbten Cameron / Griffin / Scott im besseren der beiden AF Corse-Ferraris. Korrektur: der Stanaway-Aston Martin bleibt auch mit den Strafminuten auf dem Podium, fällt nur auf Rang 3 zurück. Das AF Corse-Trio bleibt auf Rang 4.

Der nächste Lauf der European Le Mans Series wird am 15. Mai in Imola ausgetragen.  

(Bilder: ELMS Media)

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