Viel Sportwagen-Motorsport gibt’s am kommenden Wochenende zu sehen, darunter auch die Fortsetzung des Duells Audi vs. Peugeot; nach Le Mans richtet sich nun das Hauptaugenmerk auf die Meisterschaftstitel.
Drei Wochen nach den 24 Stunden von Le Mans geht der Intercontinental Le Mans Cup in seine nächste Runde, wie bei allen Europa-Rennen gemeinsam mit der Le Mans Series. Das wird sich im nächsten Jahr wohl ändern, wenn die ILMC zur FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft wird und Patrick Peters LMS wieder separat laufen soll. Dieses eine Mal jedoch (und dabei wird es wohl bleiben, denn Spa und Silverstone sind die wahrscheinlichere Wahl als europäische WEC-Läufe) treten beide Serien gemeinsam mit entsprechend großem Feld auf dem vor einigen Jahren renovierten Kurs vor den Toren von Imola an.
Leider dürfte die Kombination aus dem großen Feld mit fünf Klassen und der durch den Umbau eher gefährlicher gewordenen Strecke alles andere als eine optimale Kombination sein. Gerade solche Knicke, wie es sie auf der langen und schnellen Start/Ziel-Passage mehrfach gibt, haben sich bei den vergangenen ILMC-Events als Gefahrenherde beim Überrunden herausgestellt.
Entscheidend dürfte sein, dass die Fahrer der verschiedenen Kategorien im Briefing Absprachen treffen, an die sich auch alle halten; das gilt insbesondere für die Fahrer der schnelleren Prototypen, von denen einige ihre Herangehensweise ändern und mehr Rücksicht nehmen müssen. Einige der Audi-Fahrer haben in Le Mans die Schuld für die schweren Unfälle auf die GT-Piloten und Amateure geschoben, doch vor allem sie selbst und ihre LMP1-Kollegen müssen Verantwortung übernehmen und im Zweifelsfall auch mal zurückstecken.
Das Teilnehmer-Limit für den italienischen Kurs liegt bei 53 Fahrzeugen, und ursprünglich schien es, als müsse man einige FLM-Teams ausladen. Doch in der vergangenen Woche hagelte es – auch prominente – Absagen. Dass Guess Racing (Grund: angeblich Elektrikprobleme) und Aston Martin (Grund: der AMR-One ;-)) wieder absagen würde, war abzusehen. Hinzu kommen jedoch auch noch Oreca, die ihren Peugeot 908 nach Le Mans erst wieder ordentlich aufbauen müssen; Quifel-ASM, die nach zwei Motorschäden in Folge lieber am Zytek-Aggregat arbeiten wollen; Hope Racing mit dem noch nicht ganz ausgereiften Hybrid-LMP1; und auch der in Le Mans verunfallte Gulf-Aston Martin Vantage wurde zurückgezogen.
Besonders bei Oreca ist die Absage überraschend, hätte das Team doch durchaus noch Chancen auf die Team-Meisterschaft in der ILMC gehabt. Vorn liegen in der Wertung allerdings das Audi Sport Team Joest und Peugeot Sport Total, und zwar denkbar knapp mit 50 zu 49 Punkten – allerdings: in der Herstellerwertung ist der Stand umgekehrt: Peugeot (103) deutlich vor Audi (69), die bislang in jedem Lauf weniger Punkte sammelten. Für Peugeot dürfte es besonders wichtig sein, beide Titel zu holen, um nach der erneuten Niederlage bei den 24h wenigstens etwas vorzuweisen zu können. Möglich wäre natürlich bei dem Titelgewirr, das leider auch in der zukünftigen WM bleibt, eine Meisterschaft für beide Konkurrenten…
Bernhard/Fässler und Kristensen/McNish fahren die beiden komplett neuen Audi R18 (der Le Mans-Siegerwagen kommt ins Museum), Bourdais/Davidson und Montagny/Sarrazin die Peugeots. Ein eventueller Vorteil für eines der beiden Werke ist schwer zu ermitteln. Peugeot wird sicher nicht mit einer strikt auf geringen Luftwiderstand getrimmten Abstimmung à la Le Mans ins Rennen gehen, entsprechend werden Verbrauchs- und Topspeed-Vorteil sowie der Nachteil in schnellen Passagen kleiner sein. Dennoch bleibt der 908 ein zum Übersteuern neigendes Fahrzeug mit schmalerem Performance-Fenster, wie die Fahrer inzwischen erklärt haben. Auch Audi wird auf ein Setup für mehr Downforce setzen. Heiß soll es am Sonntag nicht werden (es sind auch Schauer zu erwarten), also sollte auch die Klimaanlagen-lose Cockpitbelüftung nicht an ihre Grenzen stoßen.
Pescarolo und Rebellion werden sich um Sieg und Tabellenführung bei den Benzinern streiten, die Franzosen scheinen hier im Vorteil zu sein. In der LMP2 ist noch alles drin: in der LMS liegt Strakka trotz des schwachen Motors in Lauf 1 vorn (hier zählt ja Le Mans selbst nicht zur Meisterschaft), dahinter liegen allerdings noch neun weitere Teams innerhalb von zehn Punkten. Bei den drei ILMC-Teams dieser Klasse führt Signatech-Nissan mit 18 Punkten vor Level 5 und Oak Racing. Ein Favorit auf den Klassensieg in Imola ist schwer zu benennen, aber die Nissans dürften wieder leicht im Vorteil sein, besonders Strakka ist aber auch stets immer für ein Podium gut.
In der GTE-Pro streiten sich AF Corse (53 Punkte) und BMW (49) um den Team-Titel, Lotus arbeitet noch am neuen Wagen und Luxury Racing fehlen trotz guter Rennen die Ergebnisse. In der Hersteller-Wertung jagen BMW und Ferrari (je 72 Punkte) allerdings Corvette, die nach dem Le Mans-Sieg mit 84 Zählern vorn liegen – der Vorsprung dürfte allerdings wieder schmelzen, denn die Werks-Corvettes treten nur in den US-Runden an und die Larbre-Amateur-Corvette allein kann kaum ausreichend Punkte holen, um die Führung zu halten.
Porsche liegt bereits deutlich zurück, der 911 GT3 RSR kann mit den neuen Modellen der Konkurrenz nicht mehr ganz mithalten, wie die bisherigen Rennen zeigten. Auch in der LMS liegen die Ferrari-Teams AF Corse, Hankook-Farnbacher und JMW deutlich vorn. Beim Ferrari-Heimspiel in Imola dürften die Teams mit den F458 auch wieder stark einzuschätzen sein, und das nicht nur wegen des Heimvorteils. Auch die Haltbarkeit sollte über die Distanz von 6 Stunden ein kleineres Problem sein als über 24. Allerdings wird sich BMW wohl jetzt auch nicht mehr zurückhalten, anders als in Spa, als man wohl einer BoP-Neueinstufung entgehen wollte. Entsprechend dürfte die mit 14 Autos gut besetzte GTE-Pro-Klasse diesmal ein spannenderes Rennen bieten als beim letzten gemeinsamen ILMC/LMS-Lauf.
Die mit ILMC und LMS konkurrierenden Ratel-GT-Serien werden zum zweiten Mal nahe Los Arcos in der nordspanischen Region Navarra an den Start gehen. Der noch junge Kurs zeichnet sich durch eine Reihe technisch anspruchsvoller, winkliger Ecken aus, die sich nur selten mit zügigeren Kurven abwechseln. Nennenswerte Höhenunterschiede gibt es nicht. Im Vorjahr lag diese Kombination am besten den Lamborghini, Kechele/Zonta im Reiter-Murciélago R-SV siegten in beiden Läufen klar.
Sollte sich dieser Vorteil bestätigen, sollte das Marc Basseng und Markus Winkelhock im All-Inkl.com-Lamborghini zu Gute kommen, die in der Meisterschaft zur Saisonhalbzeit mit drei Punkten Rückstand auf Rang 2 hinter Michael Krumm und Lucas Luhr im JR Motorsports-Nissan liegen, die allerdings nach dem Silverstone-Sieg mit 35kg Zusatzgewicht ins Navarra-Wochenende gehen.
Dahinter folgt in der Fahrerwertung die Armada der acht Aston Martin-Piloten. Mit denen ist jedes Mal zu rechnen, denn der DBR9 legt bisher eine gute Abschieds-Saison hin. In der Teamwertung stehen die Ränge 1 für Hexis AMR und 3 für Young Driver AMR zu Buche, in der Fahrerwertung liegen die acht Piloten auf den Rängen 3-6; Alex Müller und Tomás Enge schleppen allerdings auch 35kg Erfolgsballast mit sich herum. Mit seinen schnellen Boxenstopps ist aber vor allem auch das französische Hexis-Team immer wieder für Top-Ergebnisse gut.
Beim bisher meist glücklosen MarcVDS-Team gibt es eine Umbesetzung: da Frédéric Makowiecki in Imola für Luxury Racing fährt, wird er in der GT1 durch Bertrand Baguette ersetzt, der noch vor wenigen Wochen Siebter beim Indy 500 wurde, sonst aber in diesem Jahr bisher kaum gefahren ist. Auch über GT-Erfahrung verfügt er nur begrenzt – den Top-Piloten Makowiecki wird er im Ford GT kaum ersetzen können, auch wenn er selbst sagt, so kompliziert könne GT-Rennsport ja nicht sein, wie Romain Grosjeans erfolgreiche GT1-Zeit gezeigt habe. Trotzdem ist es schön, den jungen Belgier auch mal wieder in Europa fahren zu sehen.
Da das Swiss Racing-Team um die Top-Besetzung Wendlinger/Kox seine beiden am Sachsenring demolierten Lamborghini noch immer nicht reparieren konnte, werden auch in Navarra wieder nur 16 Fahrzeuge am Start sein, immerhin mehr als in Silverstone. Angeblich fehlt es an Ersatzteilen für den italienischen Wagen, auch bei All-Inkl.com gehe der Vorrat zur Neige. Der Wagen wurde von Reiter Engineering für die GT1 getunt, die im letzten Jahr auch noch selbst damit antraten, sich aber im Winter zurückgezogen haben.
Inwieweit die Teams die Erfahrungen aus dem letzten Jahr nutzen können, wird sich zeigen, denn 2010 startete man hier im kühleren Oktober; am kommenden Samstag wird es sehr warm, am Sonntag allerdings ist Regen vorhergesagt. An der Balance of Performance für die GT1-Fahrzeuge spielen die Organisatoren ja zum Glück in diesem Jahr kaum noch herum; da es ja auch an neuen Autos mangelt, die angeglichen werden müssten, hat man hier inzwischen ein gutes Niveau gefunden.
Die GT3 tritt gemeinsam mit der GT1 in Navarra an. Für diese Serie ist es allerdings der erste Auftritt hier, im letzten Jahr wurde die spanische Runde noch in Jarama ausgetragen. Wie schon nach dem Saisonauftakt in Portimao hat die FIA auch nach dem zweiten Saisonlauf in Silverstone die Balance of Performance noch einmal großzügig überarbeitet. Das gibt schon mal einen Vorgeschmack auf das, was uns nächstes Jahr mit der Weltmeisterschaft für GT1-, GT2- und GT3-Fahrzeuge erwartet.
Bisher dominieren die beiden Teams, die den neuen BMW Z4 einsetzen, die Saison, wie die Teamwertung zeigt: Das „Need for Speed Team Schubert“ führt mit 83 Punkten (trotz des Wertungsausschlusses der #7 beim letzten Lauf) vor den niederländischen Kollegen von „Faster Racing by DB Motorsport“ (obwohl die in der Algarve nur einen Wagen am Start hatten) mit 75 Zählern – gerade angesichts der genannten fehlenden Ergebnisse ist die deutliche Führung bemerkenswert. Doch der starke BMW passt eben nicht ins Serienkonzept und so wurden vom FIA-Komitee zu den bisherigen 35kg zusätzlich noch einmal 20kg BoP-Ballast beschlossen.
Das zweite Fahrzeug mit einschränkender Neueinstufung ist der neue Ferrari F458. Das betrifft neben MTech, die aus der britischen GT-Meisterschaft kommen, aber in der EM dieses Jahr bisher kein Glück hatten, vor allem AF Corse, die auf Rang 3 der Gesamtwertung liegen.
Eine der auffälligsten Neueinstufungen betrifft die Audi R8 LMS: um ganze 5,1mm, mehr als 10%, dürfen Sainteloc, United Autosports und WRT die Luftmengenbegrenzer ihrer je zwei Wagen vergrößern. Erst nach dem WRT-Sieg beim Auftakt-Wochenende in der Algarve hatte man den Wagen um 25kg beschwert, nun dreht man an der nächsten Schraube.
Mit je 35kg weniger dürfen Lamborghini und Mercedes an den Start gehen. Dabei lief es für Graff Racing (51 Punkte) und Heico Motorsport (33) bisher nichtmal schlecht, nur Gravity-Charouz hat bisher noch eine Null auf dem Punktekonto stehen, was aber eher an den drei unerfahrenen tschechischen Piloten liegen dürfte als am SLS.
Eine Vergrößerung um 0,8mm plus 25kg Gewichtserleichterung wird den beiden Prospeed-Porsche 911 GT3 R gewährt, die bisher zusammen insgesamt nur 5 Punkte holen konnten. Der Ford GT, der nur von Fischer Racing eingesetzt wird, darf 35kg ausladen; in Silverstone lief es ja schon für einen der beiden Wagen nicht schlecht, bis ein Reifenschaden dazwischenkam.
Ich verstehe den Sinn hinter der Balance of Performance: die verschiedenen Autos sollen auf ein Niveau gebracht werden, um die „Artenvielfalt“ beizubehalten, ein Wettrüsten (bei dem kleinere Tuner nicht mithalten könnten) zu vermeiden und allen Privatteams die Chance zu geben, um Siege zu kämpfen und so im TV ihre Sponsoren präsentieren zu können. Und natürlich sind auch die Rennen meist eng umkämpft, auch in Silverstone gab es schließlich wieder tolle Rennszenen. Aber trotzdem – mit dem oft zitierten „ehrlichen Motorsport“ haben solche drastischen Eingriffe wie momentan in der GT3 nicht mehr sonderlich viel zu tun.
Denn schließlich kommt zur Auto-Gleichmacherei auch noch hinzu, dass gute Fahrer-Duos per Zeitstrafe verlangsamt werden. Das trifft im ersten Navarra-Lauf die beiden DB Motorsport-BMWs von de Boer/Vos (15 Sek.) Catsburg/Kolen (10 Sek.) sowie Martin/Lesoudier (Team LMP-Aston Martin DBRS9, 5 Sek.).
Beim Blancpain Endurance-Rennen in Navarra, wo auch GT3-Fahrzeuge angetreten sind, lieferten Ferrari- und Audi-Teams starke Vorstellungen ab. Vielleicht könnte es also für Audi mit der angesprochenen Restriktor-Vergrößerung auch in der EM zu einem Top-Ergebnis reichen. Oder aber die BMW bleiben vorn – vielleicht Csaba Walter und Claudia Hürtgen als einziger Z4 ohne „Kompensationszeit“. Es ist und bleibt schwer zu sagen…
(Bilder: ACO, SRO, Audi)



1 Kommentare
Tolle Vorschau(en) :-) Übrigens werde ich so langsam ein ziemlich großer Fan vom Langstreckensport, was ich früher überhaupt nicht war… :)
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