Zusammen mit der Formel 1 starten in Bahrain auch die beiden wichtigsten Junior-Formeln an den Start: die Formel 2 und die Formel 3. Voraussichtlich wird der Fokus dieser unregelämäßigen Reports hier im Blog dieses Jahr vor allem auf diesen beiden Serien liegen, aber für einen Blick in die Formula Regional- oder die F4-Serien sollte auch immer mal wieder Zeit und Gelegenheit sein. Ganz innovativ: auf die neue Formel 3-Saison schauen wir zwischen den ersten beiden Rennwochenenden schwerpunktmäßig, heute soll es allein um die höchste Stufe der Leiter hinauf zur F1 gehen: wir schauen uns die Fahrer und Teams der anstehenden Formel 2-Saison an.
The class of '23 📸#F2 #RoadToF1 pic.twitter.com/S0PQ7V7C8B
— Formula 2 (@Formula2) March 2, 2023
Kurz zum Kalender und zum Rennformat: hier hat sich wenig geändert. Auf dem französischen Circuit Paul Ricard findet dieses Jahr kein F1-Rennwochenende statt, also fällt das auch für die Formel 2 flach. Neu im Kalender ist der teure Ausflug nach Melbourne im April – toll für das Event dort und vielleicht auch für die Piloten, sofern sie nicht an die Geldbeutel ihrer Sponsoren oder Eltern denken müssen. Das Format mit zwei Läufen pro Wochenende hat sich bewährt und wird beibehalten. Weiterhin wird die Quali am Freitag ausgetragen, das Hauptrennen am Sonntag startet in dieser Reihenfolge, mit einem Reifenwechsel-Boxenstopp, und gibt volle Punkte. Beim Sprint am Samstag werden die Top Ten der Quali umgedreht und es ist kein Reifenwechsel erforderlich – hier bekommt der Sieger 10 Punkte. Für die schnellste Runde gibt es in beiden Rennen einen, sofern der Pilot in den Top Ten das Ziel erreicht. Nach 14 Events mit 28 Rennen wissen wir, wer Meister ist, vielleicht schon vorher, wer in die Formel 1 aufsteigt. Denn das Finale wird leider wieder nach knapp drei Monaten Pause Ende November in Abu Dhabi ausgetragen.
Technisch handelt es sich um eine Einheits-Formel, aber man hört immer wieder von doch recht unterschiedlich guten Mechachrome-Motoren. Wichtig ist aber vor allem, was die Teams aus dem vorhandenen Material machen. Für die Fahrer ist die Formel 2 technisch schwierig: keine Servolenkung, aber recht schnelle und auch schwere Autos – und vor allem Pirellis, die stark abbauen und durchaus mal noch von dem berühmten „Cliff Edge“ fallen können, wenn man sie falsch behandelt. Das ist vor allem für die Rookies eine große Umstellung, die meisten brauchen wenigstens eine halbe Saison, um sich richtig darauf einzustellen.
Schauen wir zuerst auf die Top-Teams: Das Meisterteam des Vorjahres war MP Motorsport, die in den letzten Jahren viel Personal von Prema abgeworben haben – dieses Mal auch zwei Piloten: Dennis Hauger, F3-Champion von 2021, geht mit dem niederländischen Team in seine zweite F2-Saison, er hat sich letztes Jahr mit viel Pech unter Wert verkauft. Jehan Daruvala geht schon in seine vierte Saison auf diesem Level, ist immer wieder für Siege gut, aber hat nie die nötige Konstanz für eine Titel-Challenge an den Tag legen können. Ob ihm das mit MP besser gelingt als mit Prema 2022?
Prema hatte nach den Jahren 2020 und 2021, in denen sie jeweils den Team- und den Fahrertitel holten, letztes Jahr eine schwache Saison, in der es immer mal wieder hakte. Das diesjährige Lineup ist vielversprechend, sodass sich zeigen dürfte, ob es an den Fahrern lag, oder ob im Team etwas nicht passt. Oliver Bearman steigt nach nur einem Jahr in der F3 (in dem er bis zum Ende eine Titelchance hatte) in die höchste Nachwuchsliga auf. Vermutlich wird er – wie alle Rookies – ein paar Rennen brauchen, um sich auf das neue Auto und den Reifenverschleiß einzustellen. Sein F3-Debütrennen in der Wüste von Bahrain gewann er aber letztes Jahr um ein Haar, hätte er sich nicht in den letzten Runden noch eine Zeitstrafe wegen Track Limits eingehandelt. In der Garage nebenan steht Mercedes-Junior Frederik Vesti, der 2019 mit Prema die Formula Regional Europe gewann und letztes Jahr über weite Strecke eine gute F2-Debütsaison mit ART hatte, einschließlich eines Sieges und vier weiterer Podien. Leider hatte der Däne im Saisonfinale einige punktelose Rennen, was ihn im engen Top Ten-Kampf zurückwarf.
Vesti wird bei ART durch den amtierenden F3-Champion Victor Martins ersetzt, der als Teil der Alpine Academy eine wichtige (und berechtigte) französische Hoffnung ist. Das gilt aber auch für seinen Teamkollegen Theo Pourchaire, der nach dem F2-Vize-Titel 2022 doch wieder zurückkehrt, auch wenn das zunächst zweifelhaft schien. Für den Sauber-Junior ist der Druck hoch, denn es gibt nur noch einen Weg, sich zu verbessern, und das ist der Titel. Mit 19 ist er allerdings immer noch sehr jung – und sogar zwei Jahre jünger als sein Rookie-Teamkollege Martins! Wenn ART es schafft, zwei gute Autos bereitzustellen, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war, dürften beide im vorderen Bereich der Tabelle zu finden sein.
Auch bei Hitech (nun mit neuem Partner unter dem Label Hitech Pulse-Eight) fährt eine französische Hoffnung, die aber in den Red Bull-Stall gehört: Isack Hadjar, der letztes Jahr eine sehr starke F3-Saison fuhr und auch lange um den Titel mitkämpfte. Auch Teamkollege Jak Crawford ist ein Red Bull-Junior, hier wird also der interne Kampf von besonderer Bedeutung sein. Beide haben viel Potenzial, bei Hadjar sehe ich noch etwas mehr Sprengkraft, aber da beide Rookies sind, sehe ich sie nicht direkt im F2-Titelkampf.
Das sollte auch für Zane Maloney gelten, auch wenn der 2022 eine Bomben-Rookiesaison in der F2 hinlegte und nach verhaltenem Start am Ende voll auftrumpfte und die letzten drei Feature-Rennen gewann (plus ein zweiter Platz in dem davor), und noch an Ollie Bearman vorbeizog, um Vizemeister zu werden. Ob auch die F2-Rookiesaison des Barbadiers so explosiv sein wird, wird sich zeigen, er ist jedenfalls mit Carlin bei einem guten Team untergekommen. Außerdem hat Red Bull den Youngster über den Winter verpflichtet. Dank einem neuen Mehrheitseigentümer läuft das britische Team nun unter Rodin Carlin. Sein Teamkollege wird Enzo Fittipaldi sein, der bereits eine ganz spannende Karriere hinter sich hat: nach starken F4 und Formula Regional-Kampagnen mit Prema versackte er in der F3 mit HWA Racelab und Charouz und schlug dann zunächst den Weg Richtung Amerika ein, versuchte sich kurz in der Indy Pro 2000-Meisterschaft, aber auch das ohne sofortigen Erfolg. Dann stieg er zur Saisonmitte 2021 mit Charouz direkt in die Formel 2 ein und hatte 2022 mit diesem Team ein ziemlich starkes Jahr: sechs Podien, auch dank eines glücklichen Händchens bei der Strategie, sind für ihn und Charouz bemerkenswert. Wird er daran 2023 mit Carlin und gegen einen vielversprechenden Teamkollegen anknüpfen können? Red Bull glaubt wohl daran und hat auch ihn in den Junior-Kader geholt.
Eine weitere Kombination aus einem Rookie und einem Piloten mit F2-Erfahrung finden wir bei DAMS: Ayumu Iwasa, ein weiterer Red Bull-Junior, war 2022 der am Ende bestplatzierte Rookie der Formel 2 – das macht ihn zu einem der Favoriten für die nun anstehende Saison. Zumindest sein Konto von zwei Siegen sollte er aufbessern können. Sein interner Konkurrent ist Arthur Leclerc, der kleine Bruder von Charles, auch ein Pilot mit viel Potenzial – aber in seinen zwei Jahren in der Formel 3 hat er auch immer wieder Fehler und schlechte Quali-Performances abgeliefert (oder auch mal Pech gehabt), sodass es zwar immer wieder für Siege und spektakuläre Aufholjagden bis aufs Podium reichte, aber nicht für ernsthafte Titel-Challenges, obwohl er mit Prema das seit Jahren stärkste Team der F3 im Rücken hatte. Viel Spektakel und explosive Performances werden wir vielleicht auch in der F2 von ihm sehen, aber für ein Top 5-Ergebnis in der Gesamtwertung (sei es dieses oder nächstes Jahr) muss Leclerc konstanter werden.
Virtuosi Racing hatte letztes Jahr das schwächste Jahr seiner Zeit als Formel 2-Team, aber trotzdem konnte der Australien Jack Doohan hier eine starke Debüt-Saison abliefern, wurde am Ende nur knapp von Iwasa im Kampf um den inoffiziellen Rookie-Titel geschlagen. Der F3-Vizemeister von 2021 bleibt beim Team und hofft auf eine noch stärkerer zweite Saison, mit dem Alpine-Junior und F1-Reservisten ist auf jeden Fall zu rechnen. Sein Teamkollege wird Amaury Cordeel sein, von dem kein Eingreifen in den Titelkampf zu erwarten ist. Der Belgier hat im Vorjahr eher durch zahlreich Unfälle und mäßige Driving Standards (Überholen unter Gelb, zu schnell unter Roter Flagge…) von sich reden gemacht: dadurch hatte er sich auch eine Sperre für das Silverstone-Wochenende eingehandelt. In den letzten Saisonrennen konnte er mehrfach die Punkte erreichen, wir werden sehen, ob es 2023 einen Aufwärtstrend in Sachen Pace und Verhalten gibt.
Trident, in der F3 eins der Top-Teams, hat sich in der Formel 2 bisher noch nicht so richtig gut präsentieren können. Liegt es an den Teams oder an den Fahrern? Richard Verschoors Sieg beim Saisonauftakt in Bahrain letztes Jahr scheint dafür zu sprechen, dass das Potenzial im Team drin steckt, er konnte auch noch weitere Podien und gute Punkteresultate einfahren, aber die Konstanz fehlte. Verschoor ist nun weg. An seiner Stelle kehr der Franzose Clement Novalak nach einem schwachen Jahr bei MP zu diesem Team zurück, mit dem er 2021 eine starke F3-Saison hatte. Es ist schwer einzuschätzen, ob ihm eine ergebnistechnische Verbesserung gelingen wird. Mit Roman Stanek bekommt er einen Rookie als internen Konkurrenten, der ebenfalls eine starke F3-Saison mit Trident hinter sich hat. Werden diese beiden Piloten das Team zu guten Resultaten und mehr Konstanz pushen können – oder haben sie selbst nicht das Potenzial dafür?
Der angesprochene Richard Verschoor wechselt für seine dritte F2-Saison zu den Landsmännern von Van Amersfoort Racing, die letztes Jahr neu in F2 und F3 eingestiegen sind. Die Team-Resultate waren hier nicht so gut wie in der Formel 3, aber man hatte es auch mit mehreren Fahrerwechseln – und dem oben genannten Amaury Cordeel – zu tun. Verschoor ist ein Fahrer mit einigem Potenzial, aber nicht so viel Budget, was ihn immer wieder ausgebremst und zu Teamwechsel gezwungen hat. Wären da nicht eine Punkte-Flaute von Imola bis Silverstone und ein aberkannter Sieg wegen zu wenig Sprit im Tank in Spielberg gewesen, hätte er letztes Jahr in den engen Top Ten der Gesamtwertung mitmischen können. Vielleicht kann er das dieses Jahr nachholen – es ist Verschoor auf jeden Fall („For sure“) zuzutrauen, dass er sein Konto von zwei Siegen aufstockt. Sein Teamkolege wird Juan Manuel Correa sein, der nun im Laufe seines Comebacks wieder in der F2 angekommen ist. In dieser Serie war er 2019 Teil des tödlichen Unfalls von Antoine Hubert und trug auch selbst schwere Verletzungen davon, musste einige Tage nach dem Crash sogar wegen künstlich beatmet werden. Er baut sich als zweites Standbein aber auch eine Karriere im Sportwagen-Bereich auf und wird mit Prema die WEC und Le Mans bestreiten. Das bringt aber auch ein paar Terminkollisionen mit sich: zumindest bei der ersten wird die Formel 2 den Vorrang bekommen, in Sebring lässt er sich vertreten.
Die einzige größere Änderung bei den teilnehmenden Teams ist, dass das noch recht junge deutsche PHM-Team die Assets und den Startplatz von Charouz erworben hat. Da man aber noch von deren Basis aus operiert, läuft das ganze unter dem „PHM Racing by Charouz“-Label. Hier wird F2-„Stammpilot“ Roy Nissany seine fünfte Saison in der Serie in Angriff nehmen, neben dem US-amerikanischen Rookie Brad Benavides, der schnell durch die Juniorserien aufsteigt, obwohl er noch nirgends nennenswerte Erfolge gesammelt hat.
Der zweite Pilot, der seit Jahren zum Inventar der Serie gehört, ist der Schweizer Ralph Boschung: auch in seiner sechsten F2-Saison (2020 stieg er erst zum Saisonende ein) wird er wieder für Campos an den Start gehen. Letztes Jahr verpasste er mehrere Rennen wegen Nackenproblemen, fuhr ansonsten aber einige gute Quali- und Rennresultate ein, darunter zwei vierte Plätze beim Opener ihn Bahrain. Sein Teamkollege ist der Inder Kush Maini, der als Rookie aus der F3 aufsteigt.
Zum engeren Favoritenkreis gehören für mich vor allem die starken „Rückkehrer“ Pourchaire, Doohan und Iwasa. Vesti könnte mit Prema auch in diesen Kreis vorstoßen. Vor allem aber gibt es viele spannende Rookies; hier ist die Frage, wer sich am schnellsten auf die neue Serie einschießen kann: Ollie Bearman aus der Ferrari Academy ist ein spannender Prospect, der schnell aufgestiegen ist, ebenso die Red Bull-Junioren Zane Maloney und Isack Hadjar. Alpine-Junior Victor Martins war bisher immer ein Fahrer-Typ, der eher zwei Jahre in einer Serie brauchte, dafür aber auch richtig stark war. Das ist auch in der Formel 2 eine wahrscheinliche Performance-Kurve für ihn. Arthur Leclerc dürfte uns einige spektakuläre Rennen bieten, aber für eine Titel-Chance müsste Konstanz kommen, die bisher nicht da war. Dark Horses für die Top 5 könnten Ralph Boschung (wenn er seinen Nacken in den Griff kriegt), Enzo Fittipaldi und Richard Verschoor sein, wenn es mit Van Amersfoort passt. Wie schon letztes Jahr wird auch dieses Mal wieder der Kampf der insgesamt sechs (!) Red Bull-Junioren in der Serie ein spannender Nebenkriegsschauplatz sein, denn hier geht es natürlich auch immer um einen potentiellen F1-Platz bei Alpha Tauri.
(Quelle Beitragsbild: Williams)



