Im recht kurzen Abstand zur letzten Ausgabe bestreitet die NASCAR am Wochenende bereits ihr zweites Saisonrennen auf der eigenwilligen Strecke in Pocono. Ab Sonntag bleiben den Piloten nur noch sechs Anläufe, um die Qualifikation für den Chase dingfest zu machen.

Moment mal, war nicht gerade erst ein Cup-Rennen in Pocono? Ganz genau, denn bereits vor acht Wochen war die NASCAR im Nordosten der USA zu Gast und lieferte dort nach einigen erfreulichen Veränderungen die wahrscheinlich beste Pocono-Ausgabe der jüngeren Zeit ab. Als Grund für die erstaunliche Verbesserung können zwei Faktoren ausgemacht werden: Zum einen bekam das „Tricky Triangle“ pünktlich zum ersten 2012er-Besuch eine neue Asphaltdecke spendiert, welche dafür sorgte, dass sich das Feld erstmals seit vielen Jahren nicht so schnell wie sonst kaugummiartig auseinanderzog. Zum anderen verkürzte man beide Saisonrennen nach langer Beratungsresistenz endlich auf 400 Meilen, was dem Fluss des Events zu Gute kam. Statt dreieinhalb bis vier Stunden dauert eine Pocono-Ausgabe jetzt nur noch deren entschlackte drei, was sich eindeutig besser in die sonst üblichen Rennlängen der NASCAR einfügt.

Der neue Asphalt brachte auch neue Geschwindigkeitsrekorde, so erreichten die Fahrzeuge am Ende der längsten Start-Ziel-Geraden des Kalenders satte 212 mph bei einem gesamten Rundenschnitt von um die 180 mph. Die Crew-Chiefs empfanden mit Sicherheit große Freude, als ihre Fahrer sich über das Handling im Kurveneingang der drei, für ein Oval eh schon ausreichend grenzwertig unterschiedlichen Turns beschwerten. Die verlinkte Streckenbeschreibung zum Pocono-Raceway soll an dieser Stelle dann ruhig noch einmal erklären, weshalb der ungewöhnliche und in seiner Form ziemlich einzigartige Speedway so eine Herausforderung in puncto Setup der Wagen darstellt.

Bevor ich hier aber zu sehr mit dem Schwelgen beginne, muss man in Pocono natürlich immer die Möglichkeit im Hinterkopf behalten, dass die erste Saisonausgabe im Juni nur ein positiver Ausrutscher gewesen sein könnte. Im schlimmsten Fall haben sich die Teams ähnlich schnell wie die Borg bei Star Trek an die neuen Gegebenheiten angepasst und sind mit ihren Setups bereits wieder so am Limit unterwegs, dass der berühmte und zähe Kaugummieffekt direkt zurückkehrt.

Ich bin aber trotzdem guter Dinge und hoffe auch, dass die NASCAR-Offiziellen die ungewöhnlich langen Caution-Perioden in den Griff bekommen haben. Vor acht Wochen dauerten die Aufräumarbeiten während der Gelbphasen doch wirklich extrem lange an, was ein sehr kurzweiliges und spannendes Rennen künstlich verlängerte und so überhaupt erst über die 3-Stunden-Marke brachte. Vielleicht war das gewollt, vielleicht auch nicht, alles weitere wäre jetzt Spekulation.

Wobei wir mit dem letzten Wort dann auch direkt beim Thema Rennsieger angekommen sind: Bereits im Juni empfand ich es als äußerst schwierig, einen Favoriten zu benennen, da die letzten acht Ausgaben jeweils zwei Mal von allen vier unterschiedlichen Hersteller gewonnen wurden. Dazu gesellte sich in diesem Jahr Joey Logano, der damit die Marke von Toyota verbessern konnte. Das Rennergebnis sah 5x Chevrolet, 4x Toyota und 2x Ford in den Top10, wobei die japanische Marke vier Wagen in die Top6 bringen konnte. Daraus kann man nun machen was man möchte, ich hätte jedenfalls nicht damit gerechnet, dass Logano tatsächlich in die Victory-Lane fahren würde. Die Chancen dürften bei den Top-Teams am Wochenende dann auch wieder ziemlich ausgeglichen sein.

Der unterrepräsentierte Hersteller Dodge brachte seinen besten Fahrer in Person von Brad Keselowski nur auf Platz 18, was aber einer alternativen und eher nachteiligen Benzinstrategie sowie einer Durchfahrtsstrafe geschuldet war. Mit Bestrafungen haben die NASCAR-Offiziellen im Juni ja nur so um sich geworfen, da einige Team es offensichtlich versäumten, sich nach der Neuasphaltierung über die geänderten Speeding-Lines in der Boxengasse zu informieren. Das sollte an diesem Wochenende natürlich nicht noch einmal vorkommen und wird meiner Auffassung nach auch ein isoliertes Kuriosum bleiben.

Werfen wir noch einen Blick auf den aktuellen Stand in der Meisterschaft und wagen einige Rechenspiele die Chase-Qualifikation betreffend. In den letzten fünf Saisonrennen hat sich der Abstand zwischen Platz 10 und 11 (also die Bubble) von 11 auf 55 Punkte aufgeblasen. Das bringt die derzeitigen Top10 mit großer Wahrscheinlichkeit in die Playoffs:

1. Dale Earnhardt Jr. (+143), 1 Sieg
2. Matt Kenseth (+129), 1
3. Greg Biffle (+121), 1
4. Jimmie Johnson (+116), 3
5. Denny Hamlin (+79), 2
6. Kevin Harvick (+65), kein Sieg
7. Martin Truex Jr. (+65), kein Sieg
8. Tony Stewart (+64), 3
9. Brad Keselowski (+61), 3
10. Clint Bowyer (+55), 1

An einem schlechten Tag kann man im schlimmsten Fall (wie Matt Kenseth in Indianapolis) gut und gerne 30 Punkte verlieren. Eine eventuell noch mögliche Schadensbegrenzung kann diese Marke aber auch auf die Hälfte reduzieren und sollte unbedingt angestrebt werden. Denn egal wie schrottreif das Auto ist, irgendwo finden sich in der NASCAR-Garage immer noch etwas Panzertape und ein Vorschlaghammer.

Bei noch sechs verbleibenden Rennen bedeutet das im Grunde genommen, dass die Top4 sowie alle dreimaligen Saisonsieger und eventuell auch Denny Hamlin sich jetzt verstärkt auf weitere Fahrten in die Victory-Lane konzentrieren sollten. Für jeden Erfolg bekommt man im Chase nämlich drei Bonuspunkte, welche sich im Ernstfall als entscheidend in der Meisterschaft herausstellen können. Den Champion von 2012 (Tony Stewart) und seinen unterlegenen Konkurrenten (Carl Edwards) trennten am Ende exakt null Punkte voneinander und auch da gaben die Saisonsiege dann den Ausschlag. Allerdings muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass Smoke seine insgesamt fünf Erfolge erst im Chase eingefahren hat, während Edwards mit drei Bonuszählern in die Playoffs ging.

Kevin Harvick, Martin Truex Jr. und sein Teamkollege Clint Bowyer sollten dagegen noch die ein oder andere Woche auf Bedacht fahren und nicht alles riskieren, da man mit 0-1 Saisonsiegen ziemlich verloren ist, sollte man aus den Top10 herausfallen. Somit zeigt sich hier eine schnell ansteigende Kurve, betrachtet man die Anzahl der bisher eingefahrenen Erfolge gegenüber der Möglichkeit, sich häufiger auf ausgefallene taktische Spielchen einlassen zu können. So kann zum Beispiel Brad Keselowski gemäß dieser Theorie eigentlich nach Belieben pokern, denn eine Wildcard hat er im Notfall ziemlich sicher in der Tasche.

Für die Piloten außerhalb der Top10 geht es derzeit rechnerisch noch von Woche zu Woche, wobei man übergreifend sagen kann, dass 2-3 Saisonsiege momentan mit einer großen Wahrscheinlichkeit in die Playoffs führen. Die Situation ist nach Indianapolis folgende:

11. Kyle Busch (-55), 1 Sieg
12. Carl Edwards (-61), kein Sieg
13. Kasey Kahne (-64), 2
14. Ryan Newman (-70), 1
15. Jeff Gordon (-79), kein Sieg
16. Paul Menard (-79), kein Sieg
17. Joey Logano (-99), 1

Dahinter werden die Abstände auf Platz 10 beginnend mit Marcos Ambrose über 120 Punkte groß und den Erstgenannten sowie Jamie McMurray, Jeff Burton und Juan Pablo Montoya sehe ich auch maximal nur einen Saisonsieg holen, was aber nie und nimmer reichen wird.

Zwischen Rang 11 und 17 ist die Lage hingegen so eng, dass man eigentlich noch nicht alles auf eine Karte setzen darf. Ausnahmen sind Carl Edwards, Jeff Gordon, Paul Menard und Joey Logano die langsam aber sicher All-In gehen sollten, um ihre letzten Chancen zu wahren und jetzt auf Gedeih und Verderb Saisonsiege zu produzieren.

In einer umgekehrten Analogie zu den Top10 können sich Kyle Busch, Kasey Kahne und Ryan Newman zwar einerseits nicht auf ihren Erfolgen ausruhen, müssen aber andererseits vorsichtig sein, dass sie nicht bedingt durch eine zu riskante Taktik im Rennen punktemäßig von der Konkurrenz überholt werden. Was bringt zum Beispiel Busch sein einer Sieg, wenn er in einem hypothetischen Szenario in zwei Wochen hintereinander mit nur zwei neuen Reifen in der Schlussphase versucht in die Führungsposition zu gelangen, danach aber unter Grün mit abgefahrenen Pneus jeweils zehn Plätze verliert, während Newman immer Zweiter wird?

Da müssen viele Fahrer und Teams immer wieder neu abwägen, was letztendlich in jeder neuen Woche die richtige Entscheidung ist. Für einige Beteiligte wird dies schwierig werden, andere sind schon so gut wie durch und können sich getrost für den Chase in Stellung bringen. Die nächsten sechs Wochenenden werden aber wie immer eine Menge Spannung bereithalten.

Zum Abschluss folgen an dieser Stelle wie gewohnt noch die Links (PDF) zu den aktuellen Ständen in der Fahrer- und Owner-Wertung sowie die Entry-List und ein Zeitplan für das TV-Programm vom Wochenende.

Die Nationwide Series ist in Iowa am Start, während die Trucks den Sprint Cup in Pocono unterstützen. Leider wird aus dem Rahmenprogamm nur das Qualifying der zweiten Liga gesendet, ansonsten kommen nur die jeweiligen Rennen selbst sowie natürlich alle Cup-Sessions im US-Fernsehen.

Ausstrahlungsdaten

Freitag, 03.08.
18:00 Uhr, Sprint Cup Series Practice, SPEED
21:30 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, SPEED

Samstag, 04.08.
16:30 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, ESPN2
18:30 Uhr, Truck Series Rennen (Pocono Mountains 125), SPEED
22:30 Uhr, Nationwide Series Qualifying, ESPN2
01:30 Uhr, Nationwide Series Rennen (U.S. Cellular 250), ESPN2

Sonntag, 05.08.
19:00 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Pennsylvania 400), ESPN / RaceBuddy

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