Die kurze Verschnaufpause zu Beginn der zweiten Saisonhälfte ist vorbei, ESPN übernimmt die Berichterstattung und nur noch sieben Rennen verbleiben den Piloten im „Race to the Chase“ auf dem Weg zu den Playoffs. An diesem Wochenende wildert die NASCAR dabei in fremdem Revier, wenn der legendäre Indianapolis Motor Speedway auf dem Programm steht.

Irgendwie erscheint es mir immer noch gewöhnungsbedürftig, wenn die NASCAR-Motoren auf dem weiten Areal des Indianapolis Motor Speedway aufheulen, denn eigentlich ist der traditionsreiche Kurs im Norden der USA absolutes IndyCar-Land – alleine der Name verrät es ja dann schon. Seit 1994 ist allerdings auch die aktuell größte und populärste Motorsport-Serie der Vereinigten Staaten auf dem 2,5-Meilen-Oval unterwegs und dass trotz seiner Länge nicht mit Restrictor-Plates! Der Grund dafür ist das für Stockcar-Verhältnisse ungewöhnliche Indy-Layout, denn ähnlich wie Pocono bietet Indianapolis ultralange Geraden und dazu vergleichsweise enge, nur gering überhöhte Kurven. Damit bekommen die Ingenieure wieder eine interessante Herausforderung im Ringen mit der Abstimmung, da man einen funktionierenden Kompromiss zwischen Abtrieb und maximaler Geschwindigkeit finden muss. Weiteres zur Strecke kann im oben verlinkten Artikel nachgelesen werden.

Die letzten neun Jahre haben klar gezeigt, dass die Teams mit Chevrolet-Befeuerung am besten für das Rennen aufgestellt sind/waren. Seit 2003 stand kein anderer Hersteller in der Indy-Victory-Lane, was ja schon für die Leistung der Motoren spricht. Wenn man dazu die letzten Rennen von Daytona und Talladega betrachtet, dann fällt auf, dass die Motorenbauer von Hendrick Motorsports sowie Earnhardt-Childress Racing Technologies immer besonders stark in Erscheinung treten, wenn viel Topspeed gefragt ist.

Das Team von Rick Hendrick gewann außerdem nicht weniger als vier dieser neun Ausgaben (3x Jimmie Johnson, 1x Jeff Gordon), wodurch Johnson (3) und Gordon (4) auch die Siegerlisten am Brickyard anführen, während die Saisons 2010 und 2011 dann mit Jamie McMurray und Überraschungsmann Paul Menard wieder zwei ECRT-angetriebene Wagen ganz vorne sahen. Generell hatte man den Eindruck, dass Earnhardt-Ganassi Racing sich auf dieser Strecke eigentlich nur selbst schlagen konnte. Juan Pablo Montoya hat das 2009 und 2010 eindrucksvoll bewiesen, als er beide Rennen an der Boxengasse wegen Speeding bzw. einer bescheidenen Reifenstrategie verlor.

Ebenfalls gut unterwegs in Indianapolis ist auch der Ex-IndyCar-Pilot Tony Stewart, welcher den Brickyard schon aus seinen frühen Jahren im Top-Motorsport kennt. Zwei Siege für (das damals noch mit Chevy-Power ausgerüstete Team) Joe Gibbs Racing zeigen aber gleichzeitig auch, dass die Mannschaft vom „Coach“ ebenfalls gut mit der Strecke klarkommt. Wie anfangs erwähnt, kam es in dieser Saison auf dem Pocono Raceway ja zudem schon einmal auf eine ganz ähnliche Abstimmungsarbeit an und dort gewann sehr überraschend ausgerechnet Joey Logano das Rennen.

Toyota hat in Indianapolis bisher allerdings noch kein einziges Cup-Rennen gewonnen, doch aufgrund der aktuellen Performance der japanischen Marke in Form von JGR und auch Michael Waltrip Racing sollte man dennoch nicht zu sehr auf einen Chevy-Sieg wetten. In diesem Zuge möchte ich auch noch auf Ford hinweisen, die ihren letzten Sieg auf dem Brickyard tatsächlich 1999 holten, was schon ein wenig überraschend ist. Der momentane Tabellenführer Matt Kenseth wird sich aber vermutlich gemeinsam mit seinem Teamkollegen Greg Biffle nicht daran stören, zumal die Aggregate von Roush-Yates jetzt auch nicht gerade als schwach bekannt sind. Das Sommer-Rennen von Daytona vermittelt da einen guten Eindruck von der aktuellen PS-Stärke!

Ganz andere Sorgen hat man ja derweil bei Penske Racing, wo nach der unbefristeten Suspendierung von AJ Allmendinger erneut Sam Hornish Jr die #22 pilotieren wird. (Hier noch eine kleine Info für Interessierte: Den Fall Allmendinger möchte ich an dieser Stelle nicht weiter aufgreifen und verweise daher auf unseren gestrigen Podcast, in welchem wir uns dem Thema bereits ausführlich gewidmet haben.) Ich könnte mir momentan lediglich bei Brad Keselowski vorstellen, die Kohlen für Dodge aus dem Feuer zu holen. Der letzte Sieg des unterrepräsentierten Herstellers liegt immerhin vergleichsweise nicht ganz so weit zurück und datiert aus dem Jahr 2002.

Bei Dodge kommt momentan dann das Problem dazu, dass man für 2013 noch nicht eine einzige Mannschaft unter Vertrag hat. Penske Racing hat bekanntlich bei Ford unterschrieben und Teamchef Roger Penske ist auch noch nicht sicher, ob er seine eigene Motorenabteilung nicht doch lieber verkaufen soll. Zumindest die Ford-Aggregate wird man bei Penske aber auf jeden Fall aus dem Hause Roush-Yates beziehen.

Bei nur noch sieben verbleibenden Rennen auf dem Weg zum Chase haben die Piloten außerhalb der Top10 nur noch sehr wenige Gelegenheiten, sich mit einer Fahrt in die Victory-Lane für eine der beiden Wildcards in Stellung zu bringen. Da Brad Keselowski als Zehnter in der Meisterschaft schon 46 Zähler Vorsprung auf den nachfolgenden Carl Edwards (2012 bisher ohne Erfolg) außerhalb des Cut besitzt, scheint eine Qualifikation für die Playoffs ohnehin fast nur noch über diese Anzahl der meisten Saisonsiege zwischen Platz 11 und 20 möglich.

Kasey Kahne hat sich vor zwei Wochen in New Hampshire mit dem zweiten Erfolg des Jahres wieder gut positioniert und hat jetzt solange Ruhe, bis entweder Brad Keselowski mit drei Siegen aus den Top10 fällt oder einer der nachfolgenden Piloten mit nur einem Saisonsieg (Kyle Busch, Ryan Newman und Joey Logano) den nächsten Sack zu macht. Bei Paul Menard, welcher sich mitten in diesem ganzen Getümmel befindet, glaube ich dagegen trotz Vorjahreserfolg nicht an mehr als – wenn überhaupt nur – eine 2012er-Fahrt in die Victory Lane.

Für alle Fahrer ab Jeff Gordon auf Platz 17 geht es dann ohnehin nur noch per Wildcard in den Chase und da muss man schon mal eben zwei der nächsten sieben Rennen gewinnen und zusätzlich noch hoffen, dass sich die Piloten vor einem nicht ihrerseits ein weiteres Mal in die Victory-Lane katapultieren. Wenn Gordon oder Juan Pablo Montoya sich mit zwei Siegen in – sagen wir – Indy und Watkins Glen noch für die Playoffs qualifizieren könnten, dann wäre das aber schon ein ziemliches Wunder.

Ich persönlich rechne damit, dass sich der Kampf um die letzten Chase-Plätze ausschließlich zwischen den Fahrern bis einschließlich Rang 13 abspielen wird, vielleicht mit Außenseiterchancen für Ryan Newman. Vor allem bin ich dabei auf Carl Edwards gespannt und ob er nach dem Crew-Chief-Wechsel endlich etwas zulegen kann.

Wie gut das Rennen selbst wird, muss man sehen: Normalerweise würde ich eine Prozession und viel Single-File-Racing erwarten, so wie es auf diesem Typ Strecke üblich ist. Doch da selbst Pocono in diesem Jahr gute Rennaction bieten konnte, bin ich mir da noch nicht so sicher. Viel wird von den Pneus abhängen, die Goodyear für das Oval mitbringt und da ist natürlich die Mischung „Holz“ sehr wahrscheinlich. Ein Reifendebakel wie 2008 möchte man sicher nicht riskieren…

Zum Abschluss folgen an dieser Stelle wie gewohnt noch die Links (PDF) zu den aktuellen Ständen in der Fahrer- und Owner-Wertung sowie die Entry-List und ein Zeitplan für das TV-Programm vom Wochenende.

Weil in diesem Rahmen auch noch ein Rennen der GrandAm-Serie ausgetragen wird, bleibt der Freitag NASCAR-frei. Die Trainingssitzungen der Nationwide Series fanden bereits am Donnerstag statt und ansonsten komprimiert sich der Fahrbetrieb größtenteils am Samstag. Die zweite Liga feiert dabei übrigens ihre Premiere auf dem großen Oval von Indianapolis, nachdem man zuvor lange Jahre den knapp 10 km entfernten Shorttrack namens Lucas Oil Raceway (Ex O’Reilly Raceway Park, Ex-Ex Indianapolis Raceway Park) besuchte.

Interessant ist die Platzierung der RaceBuddy-Logos auf NASCAR.com, die eine Verfügbarkeit des Zusatzservice sogar für das Cup-Qualifying ankündigen. Meiner Meinung nach ist das aber eine Fehlinformation, denn die beiden Logos für ESPN sowie RaceBuddy sind in diesem Fall eine einzige verbundene Grafikdatei und vermutlich lediglich falsch eingebunden. Die Crew von Turner Sports Interactive scheint ihrem Muttersender TNT hier gerade um nichts nachzustehen, mal sehen wie sich die Homepage im nächsten Jahr unter Eigenregie der NASCAR entwickelt. Was beim RaceBuddy noch dazu kommt, ist die teils sehr eigenwillige Belegung mit Geo-Blockierungen, welche auch eher zufallsgesteuert wirkt.

Ausstrahlungsdaten

Samstag, 28.07.
14:30 Uhr, Sprint Cup Series Practice, SPEED (TV um 15:30 Uhr)
16:30 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, ESPN2
18:30 Uhr, Nationwide Series Qualifying, SPEED
20:00 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, ESPN / RaceBuddy
22:00 Uhr, Nationwide Series Rennen (Indiana 250), ESPN / RaceBuddy

Sonntag, 29.07.
18:00 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Curtiss Shaver 400), ESPN / RaceBuddy / Motorvision TV

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