Nach der Rundstrecke von Sonoma kehrt die NASCAR an diesem Wochenende zwar wieder in gewohnte, allerdings keinesfalls bekannte Gefilde zurück: Der Kentucky Speedway ist nämlich auf der einen Seite im Club der überrepräsentierten Cookie-Cutter-Intermediate-Ovale zu finden, andererseits steht er jedoch nach 2011 erst zum zweiten Mal überhaupt im Kalender.

Der Kentucky Speedway ist damit das jüngste Mitglied der jährlichen Mammut-Reise der NASCAR quer durch die Vereinigten Staaten, doch trotzdem ist das Intermediate-Oval nicht unumstritten: In der direkten Umgebung (im amerikanischen Maßstab) von ca. 300 km gibt es mit Bristol, Martinsville, Charlotte und Indianapolis schon mal vier Strecken, die ich spontan aufzählen kann und damit ist dieser Bereich der USA meiner Meinung nach eigentlich auch genügend abgedeckt. Dass es dann auch noch unbedingt ein 1,5-Meiler ähnlich der Statur von Kansas sowie Chicagoland sein musste, hätte man sich besser auch ein zweites Mal überlegt. Viel lieber hätte ich das zweite Atlanta-Rennen „damals“ – also vor einem Jahr – für ein Rundkursrennen im Chase eingetauscht.

Auf der anderen Seite benötigte es einen sehr langen Atem, um Kentucky überhaupt mit einem Cup-Datum auszustatten: Zunächst musste sich Bruton Smith erbarmen und die Strecke mit seiner Firma Speedway Motorsports Inc. (SMI) aus Privatbesitz kaufen. Damit konnte er einen langjährigen Rechtsstreit zwischen dem vorherigen Owner und der NASCAR endlich beilegen, womit der Weg in den Kalender der höchsten Liga für Kentucky quasi frei war. Doch noch ein weiteres Opfer musste dargebracht werden, da die Saison von Anfang Februar bis Ende November mit 36 (+2) Saisonrennen ohnehin schon aus allen Nähten platzt. So verlor dann Atlanta SMI-intern eine seiner schon länger nicht mehr vollbesetzten Ausgaben zugunsten des neueren Ovals.

Das Gute an der Sache ist, dass jetzt sowohl in Kentucky als auch auf dem Atlanta Motor Speedway nur noch jeweils einmal pro Saison gefahren wird, was die Übersättigung durch die einzelnen Strecken bei zwei Terminen im Jahr etwas in Grenzen hält. Vielleicht wäre das ohnehin der richtige Weg, um den schrumpfenden Zuschauerzahlen zu begegnen: Pro Austragungsort sollte es nur noch ein Saisonrennen geben, wobei wir gerne über beliebte Strecken wie Daytona, Talladega, Bristol, von mir aus auch Phoenix, Texas oder das für die NASCAR-Gemeinde wichtige Charlotte streiten können.

Ob man aber auf Speedways wie Michigan, Pocono, New Hampshire oder Dover zwei Mal pro Jahr antreten muss, ist mal mindestens umstritten. Momentan hat der Sprint Cup übrigens 23 Rennstrecken im Kalender und die Saison könnte somit ohne große Probleme auf maximal 30 Events im Jahr verkürzt werden, was den schwächelnden Ovalen vermutlich wieder vollere Häuser bescheren würde. Die NASCAR muss einsehen, dass ihr Publikum zum einen übersättigt ist und zum anderen bei der momentanen wirtschaftlichen Lage eh jeden Penny zwei Mal umdrehen muss. Als Erstes zieht man sich das Rennen dann lieber im TV rein, anstatt das Komplettpaket für die ganze Familie zu buchen. Die glorreichen Zeiten sind ganz einfach vorbei!

Puh, das war jetzt mal wieder ein kleiner Exkurs, aber das hier ist bekanntlich ein Blog und ich muss mir gelegentlich auch mal meinen Frust von der Seele schreiben. Außerdem kann man als Fan ruhig auch mal kritische Worte äußern. Dieser Artikel bietet sich dafür aber ohnehin sehr gut an, denn zum Rennen von Kentucky kann man wegen der fehlenden Vergangenheit eben eh noch nicht so viel sagen:

Im letzten Jahr gewann Kyle Busch das Eröffnungsevent und führte auf dem Weg zum Sieg gut die Hälfte aller Rennrunden. Nur die beiden Penske-Dodge-Piloten Brad Keselowski und Kurt Busch konnten dem jüngeren Busch-Bruder ähnlich lange die Spitzenplatzierung streitig machen. Keselowski war dabei aber zumindest auf einer anderen Benzinstrategie unterwegs. Mit Jimmie Johnson, Ryan Newman sowie Jeff Gordon fuhren drei Chevrolets in die Top10 und auch das Roush-Fenway-Ford-Trio bestehend aus Carl Edwards, Matt Kenseth sowie David Ragen entsendete drei Piloten in diese Regionen. Weil Kyle Busch das Rennen gewann und dabei vor David Reutimann im Waltrip-Toyota ins Ziel kam, konnten wir eine sehr ausgeglichene Hersteller-Mischung in den Top10 sehen.

Gerade in Bezug auf die Mannschaft von Michael Waltrip Racing sagt das ja schon einiges aus, denn im letzten Sommer war man noch weit von der jetzigen Form entfernt und die Fahrt, äh der Gang von Clint Bowyer in die Victory-Lane von Sonoma wird das Momentum sicherlich nicht gerade verlangsamt haben. An diesem Wochenende steigt übrigens der Teamchef Michael Waltrip wieder persönlich ins Cockpit, genauso wie auch sieben Tage später in Daytona. Danach fährt dann erneut Brian Vickers die #55 in New Hampshire, was erstmal ruhige Wochen für Mark Martin bedeutet.

Dann gibt es diese Woche noch Neuigkeiten zu einer wichtigen Personalie: Matt Kenseth hat zum Jahresende bei Roush-Fenway Racing gekündigt und kann sich sogar schon über einen neuen Vertrag für 2013+ freuen: Die Gerüchteküche sortiert ihn ab nächster Saison bei Joe Gibbs Racing ein, ob nun in einem vierten Wagen oder als Ersatz für den umstrittenen Joey Logano ist dagegen noch unsicherer als das JGR-Gerücht selbst schon. Abwarten hilft, doch rechnen wir mal weiter:

Problematisch könnte es mit der Sponsorenabdeckung eines neuen Autos bei Joe Gibbs Racing werden, deshalb würde ich eher Joey Logano im nächsten Jahr ohne Cockpit sehen. Bei Roush-Fenway Racing hat sich mit dem Eigengewächs Ricky Stenhouse Jr derweil schon ein würdiger Nachfolger gefunden, immerhin gewann der Youngster 2011 die Meisterschaft in der Nationwide Series. Ob man aber für ein – auf so hohem Level – unbeschriebenes Blatt eher Geldgeber findet als für den Ex-Meister von 2003 Matt Kenseth, bleibt die Frage. Jack Roush musste die #17 in dieser Saison schon bei mehreren Rennen aus eigener Tasche bezahlen.

Zu den Andretti-Dodge-Gerüchten sage ich mal weniger, denn das ist alles noch sehr sehr vage. Man geht derzeit jedoch davon aus, dass der aussterbende Hersteller einem neuen Flaggschiff-Rennstall mit einer hohen einstelligen Millionensumme unter die Arme greifen würde. Ob das bei einem kolportierten Top-Team-Budget von 20 Millionen US-Dollar pro Wagen je Saison allerdings jemanden außer Robby Gordon hinterm Ofen hervorlocken wird, wage ich zu bezweifeln. Jack Roush könnte das Geld für Stenhouse sicher gut gebrauchen, aber ne, der tritt ja für Ford an…

Was die Gerüchteküche angeht, kann ich in dieser Woche unseren Podcast ganz besonders empfehlen, in dem sich die Kollegen ab Minute 61 der NASCAR-Silly-Season widmen. Ich selbst konnte aufgrund von wiederholten Headset-Problemen leider nicht dabei sein, doch das nächste Mikrofon ist schon bestellt!

Zum Abschluss folgen an dieser Stelle wie gewohnt noch die Links (PDF) zu den aktuellen Ständen in der Fahrer- und Owner-Wertung sowie die Entry-List und der TV-Zeitplan für das Wochenende.

Da der Sprint Cup ein Nachtrennen von Samstag auf Sonntag fährt, musste man das gesamte Rahmenprogramm des Triple-Headers wie üblich einen ganzen Tag nach vorne ziehen. Daher werden die Trucks ihr Rennen zum Zeitpunkt des Erscheinens der Vorschau schon über die Bühne gebracht haben. Im Fernsehen waren am Donnerstag aber eh nur Qualifying und Rennen der Trucks zu sehen und das auch noch zur äußerst Arbeitnehmer-(un)freundlichen europäischen Zeit direkt hintereinander nach 23 Uhr! Dafür bietet der Freitag aber pünktlich zum Feierabend mit mal eben gut 12 Stunden NASCAR am Stück „etwas“ Entschädigung:

Ausstrahlungsdaten

Freitag, 29.06.
15:00 Uhr, Nationwide Series Final Practice, SPEED
17:30 Uhr, Sprint Cup Series Practice, SPEED
19:30 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, SPEED
21:30 Uhr, Nationwide Series Qualifying, SPEED
23:00 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, SPEED
01:00 Uhr, Nationwide Series Rennen (Feed the Children 300), ESPN2

Samstag, 30.06.
01:00 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Quaker State 400), TNT / RaceBuddy

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