Nach einem hektischen Talladega-Finale kehrt die NASCAR wieder auf ein Intermediate-Oval zurück: Das traditionelle Southern 500 in Darlington läutet in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine Serie von Flutlichtrennen ein, welche in drei Wochen nach dem Coca-Cola 600 Ende Mai das erste Saisondrittel abschließt und auf die endgültig der Sommer folgt.

Der Darlington Raceway atmet Geschichte, denn er ist seit der Gründungsphase der NASCAR im Cup-Kalender vertreten. 1950 wurde das erste jährliche Southern 500 auf der eigenwillig geformten Strecke ausgetragen und 1957 kam wie bei so vielen Ovalen ein weiteres Saisonrennen dazu. Seit 2005 gibt es allerdings nur noch das Frühjahrsrennen, weil man in Darlington über die Jahre ein wenig von der großen Aura eingebüßt hatte und zuletzt nicht mehr beide Termine ausverkaufen konnte. 2009 erfolgte dann quasi der Restart des legendären Southern 500, auch um der Kritik zu begegnen. Diese Wiedereinführung – wenn auch nicht am gewohnten Labor-Day-Wochenende – dürfte aber die meisten Die-Hard-Fans nach der vierjährigen Pause wieder versöhnt haben.

Das Intermediate-Oval mit einer Länge von 1,366 Meilen ist nicht zuletzt wegen seiner ungewohnten Form bekannt geworden: Darlington sieht aus der Luft wie ein großes Ei aus und besitzt dementsprechend natürlich zwei ganz unterschiedliche Turns. Wer mehr zu den Hintergründen erfahren möchte, dem empfehle ich die oben verlinkte Streckenbeschreibung. An dieser Stelle also nur kurz: Kurve 1 und 2 sind mit 25° überhöht und zudem weiter als die engeren Turns 3 und 4 mit nur 23° Banking.

Für den Anspruch der Fahrer und Crew-Chiefs an das Setup bedeutet diese Kurvenform auf jeden Fall ein ähnlich stressiges Wochenende wie in Pocono. Entweder der Wagen liegt in Turn 1 und 2 super oder eben in Turn 3 und 4, also benötigt man einen Kompromiss bei der Abstimmung. Perfekt kann das Auto in Darlington nicht liegen und genau das macht die Strecke für alle Beteiligten auch so reizvoll, denn weil die Ideallinie auch noch extrem weit oben an der Mauer liegt, führt das bei schlechtem Handling viel schneller zu Mauerkontakten als auf anderen Ovalen.

Diese Besonderheit hat der Strecke ebenfalls einen Spitznamen eingebracht: die „Lady in Black“ nennt man den Darlington Raceway auch. Da im Laufe von 500 Meilen viele Fahrer die SAFER-Barrier touchieren, färben die Reifen die Mauer schwarz ein; daher also der Begriff. Die Streifen, welche sich die Piloten dabei an ihren rechten Fahrzeugseiten abholen, werden als „Darlington Stripes“ bezeichnet und normalerweise kommt nicht einmal das Siegerauto ohne unlesbare äußere Sponsorenaufkleber in die Victory-Lane. Das Rennen ist lang und da leidet halt schon mal die Konzentration.

Das dürfte auch bei den europäischen Fans der Fall sein, denn Darlington findet unter Flutlicht in der Nacht von Samstag auf Sonntag statt und seitdem man 2005 die Distanz wieder um 100 Meilen aufgestockt hat, dauerten die Rennen in den vergangenen sieben Jahren immer so zwischen 3,5 und etwas mehr als 4 Stunden. Die 3:34-Niedrigwasser-Marke von 2008 stellt da allerdings schon fast eine Ausnahme dar, eher dürfte man bei einem Rennstart um ca. 1:45 Uhr nicht vor halb 6 im Bett sein.

Interessant und vor allem kürzer wird es aber, wenn sich die Caution-Müdigkeit der letzten Wochen fortsetzt und das ist nicht ganz unwahrscheinlich. Sogar in Talladega war es bis zur Schlussphase ungewöhnlich lange ziemlich ruhig, bis einigen Piloten offenbar die Sicherungen durchgebrannt sind. Es kommt also darauf an, wie gut die Teams das Handling der Wagen im schwierigen Darlington hinbekommen. Außerdem ist die Strecke seit der letzten Neuasphaltierung 2008 wesentlich ebener, was man beim Vergleich des Rennens von 2011 mit dem ersten CoT-Rennen von 2007 auch deutlich erkennen kann. Lediglich die Schläge eingangs der Turns sind wieder etwas zurückgekehrt.

Nach Talladega lohnt es sich nun auch wieder, einen Blick auf die Siegkandidaten des Wochenendes zu werfen: Der Vorjahres-Champion war mit Regan Smith eine echte Überraschung, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass er seinen Triumph wiederholen kann!

Eher sehe ich da Joe Gibbs Racing in der Victory-Lane, denn das Team konnte 2008 (Kyle Busch) und 2010 (Denny Hamlin) zwei der vier Ausgaben seit Einführung des CoT gewinnen. Hamlin landete in Darlington seit seinem Debüt 2006 bisher immer in den Top13 und zeigte auch dieses Jahr schon zwei Mal, dass er weiterhin ein Siegfahrer ist. Bei seinem Teamkollegen sieht man in Darlington eher die typische Kyle-Busch-Statistik der On/Off-Ergebnisse, denn entweder er gewinnt bzw. fährt solide in die Top10 oder das Rennen ist eine Vollkatastrophe à la jenseits der Top30! Sein Sieg in Richmond und der zweite Platz aus Talladega sollten ihm jedoch den nötigen Schwung für ein erfolgreiches Wochenende mitgeben.

Wie jedes Wochenende fragt man sich auf Toyota-Seite natürlich, ob Michael Waltrip Racing nicht wieder der Marken-Konkurrenz von JGR ein Schnippchen schlagen kann. Das wage ich aber nicht ganz einzuschätzen, denn da haben wir 2012 schon alle möglichen Zielankunfts-Kombinationen gesehen. Auf jeden Fall darf man die Truppe nie unterschätzen, vor allem mit einem so Darlington-erfahrenen Mann wie Mark Martin (Sieg 2009 noch für Rick Hendrick) am Steuer.

Klar auf der Rechnung muss man natürlich auch eben jenes Team namens Hendrick Motorsports haben, wo neben dem erwähnten Martin auch Jeff Gordon im ersten CoT-Rennen von Darlington 2007 siegreich blieb. Zwar ist das Oval die typische Gordon-Top5-Strecke (2004 bis 2010 7x in Folge), doch für eine Fahrt in die Victory-Lane kommen derzeit wohl eher Jimmie Johnson und Dale Earnhardt Jr in Frage. Junior ist momentan in der Form seines Lebens: Seit Saisonbeginn kam er nie außerhalb der Top15 ins Ziel und ein Sieg ist schon länger in greifbarer Nähe. Interessant ist auch die Zukunft von Kasey Kahne, der nach seinem miesen Start ins Jahr nun schon eine kleine Top8-Serie über die letzten vier Saisonrennen aufbauen konnte. Ihn sehe ich aber auch eher auf der Höhe von Gordon, nämlich als wahrscheinlichen Top5-Kandidat.

Bei der Tochter-Mannschaft von Stewart-Haas Racing brennt momentan ein wenig der Beton, nachdem Talladega sich als Desaster entpuppte. Das sarkastisch-kritische Interview von Tony Stewart wird ihm zu meiner Verwunderung keine Strafe seitens der NASCAR einbringen. Ich sage das nicht, weil ich finde, dass er bestraft gehört, sondern eher weil ein mildes Vorgehen so gar nicht die Art der Offiziellen ist. Zumindest für das Darlington-Wochenende kann man aber wieder hoffen, denn Ryan Newman kam in den letzten neun Ausgaben immerhin sieben Mal in den Top9 (6x Top6) ins Ziel.

Was die Ford-Truppe angeht, so rechne ich mit einem soliden Top10-Ergebnis der beiden Meisterschaftsführenden Greg Biffle und Matt Kenseth für Roush-Fenway Racing, um das Super-Standing auch weiterhin zu verteidigen. Zwar scheinen beide Fahrer derzeit sowas wie ein Abo auf die Top5 abgeschlossen zu haben, doch in Darlington haben sie seit Einführung des CoT eher geschwächelt. Carl Edwards ist in Talladega aus dem Chase gerutscht und muss sich schnell wieder zurückschlagen. Insgesamt hat er in Darlington seit 2007 immer bessere Resultate als seine Teamkollegen abgeliefert und wenn es gut läuft, scheint ein Top5-Ergebnis eher für Edwards im Bereich des Möglichen zu liegen.

Der Talladega-Sieger und neue Mr. Wildcard Brad Keselowski war bisher erst drei Mal (7/12/3) in Darlington unterwegs und konnte dabei stets passable Resultate einfahren, vielleicht gelingt ihm in der Nacht von Samstag auf Sonntag ja eine direkte Wiederholungsfahrt in die Victory-Lane.

Gänzlicher Darlington-Neuling ist an diesem Wochenende neben Danica Patrick übrigens auch Aric Almirola und am Steuer der legendären #43 von Richard Petty Motorsports wartet somit ein ganz besonderes Highlight auf ihn. Patrick ist bekanntlich mit der #10 von Tommy Baldwin Racing unterwegs, wo David Reutimann beiseite rücken muss. Letzterer hat aber für seine Danica-Auszeiten bei BK Racing angeheuert und pilotiert dort die #93. Dafür bekommt Stammfahrer Travis Kvapil zwar ersatzweise ein weiteres Auto mit der #73 hingestellt, allerdings muss er das erstmal qualifizieren.

Zum Abschluss folgen an dieser Stelle wie gewohnt noch die Links (PDF) zu den aktuellen Ständen in der Fahrer- und Owner-Wertung sowie die Entry-List und ein TV-Zeitplan für das Wochenende.

Ausstrahlungsdaten

Freitag, 11.05.
14:30 Uhr, Nationwide Series Final Practice, nicht im TV
17:30 Uhr, Sprint Cup Series Practice, SPEED
20:00 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, SPEED
21:30 Uhr, Nationwide Series Qualifying, ESPN2
23:00 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, SPEED
00:30 Uhr, Nationwide Series Rennen (VFW Sport Clips Help a Hero 200), ESPN2

Samstag, 12.05.
01:30 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Bojangles’ Southern 500), FOX

2,325 total views, 13 views today