Die lange Pause nach dem Doubleheader-Saisonstart in Sausi-Arabien ist überstanden, die Formula E nimmt wieder Fahrt auf – im krisengeschüttelten Chile.
Hong Kong hat man wegen der dortigen heftigen Unruhen gegen Maßnahmen der Regierung sicherheitshalber aus dem Kalender gestrichen (stattdessen wird das vierte Rennwochenende in Marrakesch ausgetragen), in Chile tritt man trotz der dort andauernden Proteste an, die teils auch gewaltsam verlaufen sind, aber in einer Verfassungsreform münden sollen. Ob ein ePrix, der ja doch auch ein bisschen Glitzer-Event ist, in einer Hauptstadt, die gerade durch soziale Ungleichheit und die Erhöhung von Ticketpreisen für die Metro aufgerüttelt wird, das richtige Zeichen setzt, wage ich zu bezweifeln, aber er findet statt und so wollen wir uns hier trotz allem auf den Sport konzentrieren.
Gefahren wird zum zweiten Mal im Parque O’Higgins, was sicherlich bei der Sicherheitslage günstiger ist als der Innenstadt-Kurs aus dem Jahr des ersten Besuchs in Santiago. Der musste damals verworfen werden, weil Bürger mit der Inanspruchnahme von Parkanlage entlang des Flusses Mapocho nicht einverstanden waren. Der Parque O’Higgins ist dagegen ohnehin mehr eine Art Event-Location mit Multifunktionsarena, Freizeitpark und Tennisplätzen. Zufällig verfügt er auch über eine mit Betonplatten ausgelegte Fläche von 600×60 Metern, auf der man wunderbar eine Start-Ziel-Gerade samt Boxengasse und noch ein paar Kurven unterbringen kann.
Der Kurs wurde im Vergleich zum Vorjahr etwas modifiziert. Start/Ziel und die Boxengasse tauschen die Seiten, damit man eine neue Kurvenkombination 1/2 einbauen kann, die bessere Überhol- und Kontermöglichkeiten bieten soll: anstatt einer mittelschnellen Rechts gibt es jetzt eine 90°-Linkskurve gefolgt von einer ca. 180°-Rechts. Kann funktionieren, auch wenn die alte Kurve eigentlich nicht schlecht war. Tricky ist hier jedenfalls der Materialwechsel von groben Betonplatten auf relativ frischen Asphalt.

Danach geht es – wie im Vorjahr – dreimal links herum, außen in der ersten dieser Kurven ist die Attack Mode Activation Zone, die funktionierte dort im Vorjahr wunderbar. Der Links-Rechts-Knick T6/7 sorgte im Vorjahr für einige Ausrutscher: er war relativ zügig zu durchfahren und leitet vor allem auf ein langes Vollgasstück, sodass die Fahrer den Schwung mitnehmen wollen. Zudem gibt es in diesem Bereich Licht-Schatten-Wechsel und das ein oder andere Blatt von den Bäumen entlang der Strecke.
Es folgt ein langgezogener Vollgas-Bogen, aus dem die enge Schikane gestrichen worden ist – eine Lehre aus dem Bern ePrix, auch wenn das Problem dort vor allem war, das die enge Schikane direkt auf die Startgerade folgte. Trauern muss man aber nicht um diesen Verlust. Etwa 750m geht es nun mit Höchstgeschwindigkeit in einem leichten Linksbogen, so lange Geraden bzw. Vollgas-Stücke sieht man selten in der Formula E. Am Ende des Bogens steuern die Fahrer eine leicht spitzwinklige Linkskurve an, die die beste Überholmöglichkeit darstellen dürfte, vor allem wenn ein Pilot im Attack Mode ist.
Und auch danach gibt es nochmal Kontermöglichkeiten: weiterhin führen zwei Haarnadeln zurück auf die Startgerade, die im Vergleich zum Vorjahr aber auch gespiegelt wurden – erst rechts, dann links herum. Der Kurs scheint durchaus für ein unterhaltsames Rennen zu taugen. Das aktuelle Layout und im Vergleich dazu die Vorjahresvariante kann man sich hier ansehen.
Hohe Temperaturen prägten das Rennen im Vorjahr: Während die späteren Titelkämpfer Vergne und Buemi patzten, siegte Sam Bird vor Pascal Wehrlein und Daniel Abt. Für Wehrlein war es damals erst der zweite FE-Lauf und er machte mit einer starken Performance von sich reden, musste am Ende aber wegen Überhitzungsproblemen seines Mahindra zurückstecken.
Sam Bird war mit seinem Virgin-Audi auch beim Auftakt der aktuellen Saison stark unterwegs und gewann den ersten Lauf in Ad Diriyah vor Andre Lotterer (Porsche) und Stoffel Vandoorne (Mercedes). Lauf zwei gewann Alexander Sims (BMW Andretti) vor Lucas di Grassi (Audi Abt-Schaeffler) und nochmal Stoffel Vandoorne. Heißt im Endeffekt: beide Podien wurden antriebsseitig komplett von deutschen Herstellern belegt. Und für BMW hätte es sogar einen Doppelsieg gegeben, wäre nicht Maxi Günther, der als Zweiter durchs Ziel kam, nachträglich bestraft worden.
Mit Mercedes und Porsche sind zwei der deutschen Hersteller erst frisch eingestiegen, BMW ist im zweiten Jahr des vollen Werks-Engagements. Das zeigt, wie gut vorbereitet diese drei in die Formula E gekommen sind bzw. was für starke Ingenieursteams dort im Hintergrund arbeiten. Jaguar hat sich nach mäßigem Debüt über mehrere Jahre hocharbeiten müssen, bis im Vorjahr der erste Sieg gelang. Nach dem harten Wettrüsten in Le Mans mag die FE für Porsche mit ihren eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten dagegen sogar eine Unterforderung sein…
Wir werden sehen, ob die deutschen Marken nun die FE dominieren – oder ob das nur Anfängerglück war (etwas Glück bzw. Pech der anderen kam schon dazu). Was eine Porsche-Mercedes-Audi-BMW-Dominanz mittelfristig für die Formula E bedeuten würde, muss man abwarten, aber hoffen wir mal, dass Nissan, Jaguar, Mahindra und DS auch noch den einen oder anderen Erfolg feiern in dieser Saison, damit sie nicht die Lust verlieren. Stärkster Pilot ohne einen deutschen Antrieb aus war übrigens Oliver Rowland mit den Rängen 4 und 5 für Nissan (und das im zweiten Lauf von Startplatz 17!).
Wer weiß, vielleicht kommt ja alles ganz anders und wir erleben in Santiago bei erneut heißen Temperaturen (36°C laut aktueller Vorhersagen) ein völlig anderes Bild. Nur als Erinnerung: im Vorjahr schien BMW anfangs extrem stark, doch sie konnten es nicht in konstant gute Ergebnisse umsetzen und büßten auch ihren Anfangsvorsprung schnell ein.
Der ePrix wird- wie gewohnt – mit allen relevanten On-Track-Sessions am Samstag ausgetragen. Das Qualifying startet um 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit, das Rennen um 20 Uhr. Eurosport zeigt das Rennen live und vorher eine Aufzeichnung der Qualifikation ab 19:05 Uhr. Das Rennen wird auch vom ZDF als Livestream übertragen, ebenfalls ab 20 Uhr.
Eins noch: Ich hoffe schwer, dass die Monstrosität eines Podiums, die man in Ad Diriyah – wohl zugleich als Konzertbühne – aufgestellt hatte, dort bleibt und kein FE-Standard wird. Inmitten riesiger Videowände sind da die „echten“ Fahrer völlig untergegangen – und von solcher Großmannssucht bin ich wirklich kein Fan.
(Bilder: Formula E Media)
