Es fehlte in dieser Daytona-Nacht vermutlich nicht viel und ich hätte anstatt dieser Analyse jetzt einen Nachruf schreiben müssen! Die NASCAR hat beim Unfall von Austin Dillon wohl ihren – bei dieser Heftigkeit – letzten Warnschuss erhalten und muss an einigen Stellen dringend etwas tun. Dass Dale Earnhardt Jr in überragender Manier sein zweites Saisonrennen gewann, ging dabei etwas unter, wenn auch zu Recht.
Es war eigentlich das typische Restrictor-Plate-Finish, das man auf einer Strecke wie Daytona häufig sieht: 20 bis 30 Fahrer kämpfen in der letzten Runde auf gut drei Reihen nebeneinander um den Sieg und dass es dabei kracht, gehört irgendwie zum Charakter dieser Rennen – man erwartet es durch den Hype der Medien geradezu. Big-One hier, Big-One da! Wann wird er kommen, der ominöse Massencrash? Ob das so gut ist, darüber lässt sich streiten und genau deshalb sind wir heute hier. Normalerweise kostet so ein Big-One halt mal ein paar Millionen Dollar und man quittiert es mit einem Achselzucken. Aber sobald wieder einer dieser sogenannten Freak-Accidents auftritt, in denen es dann richtig schiefgeht, muss man im Worst-Case Menschenleben auf diese Verlustliste schreiben und das ist im heutigen Motorsport definitiv nicht mehr zu tolerieren.
Einige Leser werden sich sicherlich fragen, ob ich hier nicht ein wenig übertreibe. Denen sei gesagt, dass der Wagen von Austin Dillon im Fangzaun von Daytona innerhalb von nicht einmal 20 Metern von 300 auf 0 km/h heruntergebremst wurde. Dass er sich anschließend aus eigener Kraft mit einem geprellten Steißbein und einem verstauchten Arm befreien konnte, heißt nicht, dass er lediglich beim Schlittschuhlaufen auf den Popo gefallen ist. Die NASCAR hat seit 2001 einige Innovationen in Sachen Sicherheit hervorgebracht bzw. übernommen und ohne weiter verstärkte Stahlkäfige, hochangepasste Carbon-Sitzschalen und das HANS-Device hätte Dillon diesen Unfall mit ziemlicher Sicherheit nicht überlebt. Wer jetzt sagt: „Vielen Dank, weiter zum nächsten Rennen!“, irrt gewaltig, denn der nächste Blick führt mich auf die Tribüne.
13 Menschen wurden durch umherfliegende Trümmer verletzt, wovon fünf sich in medizinische Behandlung begeben mussten. Ein Zuschauer wurde ins Krankenhaus eingeliefert und konnte dieses zum Glück wenige Stunden später nach der Behandlung kleinerer Verletzungen wieder verlassen. Allein die Tatsache, dass Besucher auf den Rängen zu Schaden gekommen sind, zeigt einem „Weiter so!“ den sprichwörtlichen Stinkefinger. Dass Motorsport gefährlich ist und man die Tickets auf eigene Gefahr kauft, ist für mich eine menschenverachtende Betrachtungsweise. NASCAR und ihre Fans müssen in diesem Moment innehalten und überlegen, ob es so weitergehen darf. Müssen wir 43 Autos im Pack innerhalb von ein, zwei Sekunden haben? Dürfen gefährliche Situationen durch drei Green-White-Checkered-Versuche provoziert werden? Sollten die Fans so nahe an der Strecke sitzen?
Der Fangzaun
Aus vielen Mündern hört man die Aussage, der Fangzaun habe seinen Job erledigt. Ich würde sagen, das hängt von der Definition ab. Soll der Catch-Fence die Autos auf der Strecke halten? Ja ok, Job erfüllt. Sollen zusätzlich Trümmer aus den Zuschauerrängen herausgehalten werden? Ja? Ok, Job nicht erfüllt. Zusätzlich darf man auch nicht die Augen vor mehr als einem herumfliegenden Auto verschließen. Knallt entgegen Lauda-Logik hinter Austin Dillon noch ein weiteres Fahrzeug in die bereits offene Stelle des Zaunes, dann heißt es „Gute Nacht, Marie“.
Ansatzpunkte wären hier ein weiterer Fangzaun in den gefährdeten Bereichen wenige Meter hinter dem ersten. Alternativ könnte eine Lexan-Blende kleinere Trümmelteile davon abhalten, auf der Tribüne zu landen. Was passiert aber, wenn ein Motorblock doch mal den Weg findet? Bei Kyle Larson lag dieser 2013 nämlich knapp auf der anderen Seite des Zaunes. Ich bin hier pro Zaun Nummer 2! Vielleicht sollte man auch den Flagstand nicht mehr mit Menschen besetzen, da gibt es im elektronischen Zeitalter sicher bessere Alternativen.
Die Fans
Natürlich ist es aufregend, wenn fünf Meter entfernt 43 Autos mit 200 mph vorbeidonnern, sodass man glatt die Mütze verliert. Sicher ist es jedoch keinesfalls, weshalb auf den meisten Strecken bereits ein Schlendern im Bereich zwischen Fangzaun und Sitzplätzen verboten wurde. Das ist zwar schade für mich als Fan, lässt sich im Sinne der Sicherheit und des gesunden Menschenverstandes allerdings nicht ändern.
In Daytona hat man nach dem Larson-Crash, bei dem immerhin mehr als 30 Menschen verletzt wurden, die Zeichen der Zeit erkannt und im Zuge der aktuellen Umbauten die unteren Sitzreihen im kritischen Bereich kurzerhand entfernt. Die Zugänge zu den Sitzplätzen befinden sich nun zudem in der Mitte der Tribüne. Ich denke, dass die Verantwortlichen an dieser Stelle noch konsequenter sein müssen und weitere zehn bis 20 Reihen am unteren Ende abbauen sollten. Ein Auto hätte hier genug Platz zum Landen, ohne dass jemand auf den Rängen zu Schaden kommen muss.
Das Racing
Restrictor-Plate-Racing ist spektakulär anzusehen, aber dennoch kreuzgefährlich. Wenn bis zu 43 Autos mit 200 mph Stoßstange an Stoßstange unterwegs sind, kann bereits ein Dreher zur Katastrophe führen. Mittlerweile hat die NASCAR ihre Fahrzeuge in Alleinfahrt sehr gut unter Kontrolle bekommen, dass sie bei spontaner Rückwärtsfahrt nicht mehr aufsteigen. Anders sieht es aber im Pack aus, hier spielt die Dynamik der Autos gegeneinander noch eine wichtige Rolle. Carl Edwards wurde damals von Ryan Newman in Talladega getroffen, als er durch die Hilfe der Roof-Flaps bereits wieder auf dem Weg Richtung Boden war und erst dadurch in den Zaun geschleudert.
Austin Dillon wurde von Denny Hamlin über sage und schreibe drei (!!!) weitere Fahrzeuge hochgeschoben. In Alleinfahrt wäre dieses Problem niemals aufgetreten. Selbst die beste Aerodynamik und die ausgeklügeltesten Roof-Flaps der Welt können in diesem Moment gar nichts mehr retten. Das Problem ist einfach das Pack-Racing mit seinen vielen Unberechenbarkeiten. Es stellt sich nun die Frage, ob man so weitermachen möchte oder über wirklich unpopuläre Lösungsmöglichkeiten nachdenkt, wie z.B. ein Retirement oder eine Neukonfiguration von Daytona und Talladega. Vorschläge sind besonders hier natürlich gerne willkommen, denn mir fällt bei diesem Punkt leider nichts weiter ein.
Eine weitere Frage stellt sich nach der Notwendigkeit von drei Green-White-Checkered-Versuchen. Auf der einen Seite sind die Fans völlig zu Recht sauer, wenn ein Rennen unter gelber Flagge beendet werden muss, auf der anderen Seite sind auch Fahrzeuge schon ohne GWC in den Fangzaun geflogen, z.B. Carl Edwards 2009 in Talladega und Joey Coulter 2012 mit einem Truck in Daytona. Natürlich kann man das Risiko durch weniger bis gar keine Zusatzversuche minimieren, aber ich denke, die Hauptansatzpunkte sollten eher die zuvor angesprochenen sein. Einige Stimmen schlugen auch die Abschaffung der Restrictor-Plates vor, aber das halte ich für noch gefährlicher, weil bei 230 mph die Aerodynamik noch unkontrollierbarer wird.
Die Autos
Dies ist der einzige Punkt, an dem ich mich geschlagen gebe. Die aktuellen Gen6 sind mit ihrer Sicherheitszelle und den unzählbar vielen Verstrebungen wirklich abartig sicher geworden. Hier muss das Research-&-Development-Center der NASCAR in Charlotte die komplett zerstörte #3 auswerten und eventuell weitere Maßnahmen ergreifen. Offensichtliche Angriffspunkte gibt es aus meiner Sicht derzeit nicht.
Coke Zero 400
Noch kurz zum eigentlichen Rennen, das wir da nach dreistündiger Regenverzögerung gesehen haben: Dale Earnhardt Jr. hat in dieser Nacht einen überragenden Job gemacht. 96 der insgesamt 161 Runden führte der Restrictor-Plate-Spezialist an und konnte beim finalen Restart beide Linien hinter sich erfolgreich und jederzeit fair blocken. Es gab nur 22 Führungswechsel unter zwölf verschiedenen Piloten und mit Jimmie Johnson, Denny Hamlin, Austin Dillon und Kasey Kahne lediglich vier weitere Fahrer, die überhaupt mehr als eine Führungsrunde einsammeln konnten. Zuvor ging es teilweise sehr turbulent zu, denn drei Big-Ones sieht man auch nicht so häufig noch deutlich vor Beginn der Go-Time.
Das gesamte Rennergebnis kann bei Jayski inklusive weiterer Statistiken noch einmal nachgeschaut werden. Es folgen wie gewohnt die Fahrerwertung und die Owner-Punkte.















6 Kommentare
OK. Es war ein gigantischer Crash. Aber bis auf ein paar Kleinigkeiten scheint nichts weiter passiert zu sein. Das ist auch gut so und belegt, dass NASCAR in Sachen Sicherheit auf dem richtigen Weg ist. Man wird sicher punktuell nachbessern aber ich sehe keinen großen Handlungsbedarf. Man kann natürlich auch gern anderer Meinung sein aber ich sehe das so.
Ich sehe durchaus Handlungsbedarf, aber keinen Lösungsansatz.
Daytona und Dega umbauen oder streichen kann man jedenfalls vergessen. Das wäre so wie wenn die Formel 1 nicht mehr in Monte Carlo fahren würde. Das kann sich die Nascar nie und nimmer erlauben.
Am besten wäre es das Pack Racing zu verhindern und da war man ja mit den Tandems schon auf einem recht guten Weg… Nur war da ja das Gejammere so groß, dass man die Aero wieder mehr Richtung Pack entwickelt hat. Und wie wurde das damals nicht auch gehypt mit „The Pack is back…“
Ich sehe da jedenfalls wenig Chancen auf echte Verbesserungen. Die NASCAR wird lieber noch etwas an den Zäunen herumforschen und dann irgendeine Pseudolösung präsentieren, bevor sie das Pack Racing unterbindet.
Ich sehe es zumindest in Teile so wie Art und Stefan. Es besteht ganz sicher Handlungsbedarf im Bereich der Zäune.
Ein 2. Zaun mit ein paar Metern Abstand sollte das mindeste sein, wobei ich hier eher noch für Plaxiglas oder ähnliches bin, wodurch dann auch Kleinteile aufgehalten werden würden.
Zum Racing fällt mir auch nicht so viel ein. Big Ones wird es immer geben, die gab es soweit ich mich erinner auch zu 2-Car-Tandem-Zeiten zumal die Fahrzeuge ja damals auch deutlich schwerer zu fahren waren. Und sie gibt es auch auf anderen schnellen Strecken wie Atlanta oder Charlotte und dort ist man nicht unbeidngt langsamer Unterwegs als in Daytona/Talladega. Ich bin sehr gespannt ob die Nascar versucht etwas daran zu ändern und wenn ja was.
Ausdrücklich loben möchte ich hier auch alle beteiligten (auch NBC). Man ist sehr gut mit dem Crash umgegangen und soweit ich es bis jetzt gelesen habe gab es, anders als bei der Indycar, keinen der behauptet hat es wäre vollkommen normal das sowas passiert usw. Es wird sich kritisch damit auseinandergesetzt. Ein weiter Punkt an dem man sieht wie weit Nascar und Indycar von einander entfernt sind.
Plexiglas ist keine gute Idee.Es bekommt schnell Kratzer und teure Kunststoffscheiben kann bei einem 2,5 Meilen Oval keiner bezahlen. Ich war inzwischen bei 12 Rennen dabei. Man konnte den Wind des Packs spüren,das Benzin schmecken,die Vibrationen im Bauch fühlen. Motorsport mit allen Sinnen! Ich für meinen Teil finde diese Nähe berauschend und würde ungern darauf verzichten. Mit dem geringen Restrisiko kann ich gut leben. Inklusive Nebenwirkungen.
@floehde
Naja, die Safer Barriers kosten auch nicht wenig und man hat es gemacht. Ich habe keine wirklich Vorstellung wie teuer sowas ist, aber ob es so viel teuerer wie ein 2. Zaun ist? Zumal Daytona jetzt sowieso „umgebaut“ wird.
Vibration und Geruch dürfte hinter der Plexiglaswand auch machbar sein und auch beim Wind würde ich schätzen, dass das halbwegs funktionieren würde.
Schätzt du das 10 Meter mehr so viel Unterschied machen? Hast du immer unterste Reihe gesessen oder auch meil „weiter weg“?
Ich war noch bei keinem Nascar-Rennen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ab Reihe 20 oder so keine „Atmosphäre“ mehr zu fühlen ist.
Beim Eishockey gibts ja auch nicht weniger Atmosphäre nur weil eine Plexiglasscheibe daziwschen ist.
Bliebe noch die Kratzempfindlichkeit und vielleicht auch die Empfindlichkeit gegenüber Wettereinfllüssen. Hierzu fällt mir auch nichts ein, wobei ich hier auch nicht weiß wie problematisch das ganze ist.
Trotzdem finde ich, dass man es zumindest mal testen sollte.
Ich verfolge die NASCAR nicht regelmäßig, aber oft genug um mitreden zu können. Das glaube ich zumindest. Zunächst einmal möchte ich betonen, dass in meinen Augen das Pack-Racing, Daytona/Talladega und die Restrictor Plate Rennen zur NASCAR-DNA gehören, wie Monaco und Monza zur Formel 1. Das birgt gewisse Risiken, dessen bin ich mir bewusst, keiner will Verletzte, oder noch schlimmer, Tote sehen. Diese Risiken gilt es zu minimieren und auf ein Mindestmaß zu beschränken. Das kann aber in meinen Augen nicht darüber führen, dass man der NASCAR ihren Charakter nimmt, sondern man muss die Sicherheit an anderer Stelle so gut es geht gewährleisten. Die Sicherheit der Fahrzeuge, sie ist mittlerweile hervorragend, die Sicherheit der Strecken, vor allem in Bezug auf die Zuschauer. Die im Artikel erwähnten Ansätze halte ich für komplett realisierbar, z.B. ein zweiter Zaun, keine Zuschauer mehr in und in der Nähe der besonders kritischen Bereiche. Gerade letzteres muss umgesetzt werden. Wenn ich mir allerdings die Aufnahmen des Unfalles so ansehe, YouTube ist euer Freund, dann fällt mir eines besonders auf. Es bestätigt sich die „Sucht“ aller nach diesem Big-One. Es ist mir unverständlich, dass Moderatoren im Zusammenhang mit diesem Unfall Wörter wie „awesome“ und dergleichen verwenden, anstatt auf die möglicherweise fatalen Konsequenzen hinzuweisen. Die Fans springen angesichts dieses Massencrahs auf und jubeln, nicht wissend, ob jemand ernsthaft verletzt oder gar getötet wurde. Ich könnte jetzt sagen typisch Amis, Hauptsache Show und Action. Das aber wäre zu kurz gesprungen. Das Bewusstsein können gerade die Fernsehanstalten schaffen und es den Verantwortlichen der NASCAR somit erleichtern, unpopuläre Maßnahmen auch durchzudrücken. Die erwähnte Sucht nach dem großen Crash ist eines der Hauptprobleme und das lässt mich erschaudern. Racing um des Racings willen, nicht um des Crashes willen, das ist der Ansatz, den man in den USA wohl erst noch verstehen muss. Und die TV-Anstalten können dabei helfen und sie sind in meinen Augen auch diejenigen, die genau dort in die Pflicht genommen werden müssen. Alles andere wird danach von alleine kommen und die Fans werden es verstehen. So erleidet die NASCAR keinen Imageschaden im eigenen Land.
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