Recht abwechslungsreich waren die ersten Rennen der neuen Saison für Formel 2 und Formel 3. Es gab in insgesamt sechs Rennen sechs verschiedene Sieger, ein klares Bild haben wir in beiden Serien noch nicht.
Bevor wir uns den vergangenen Rennwochenenden widmen, möchte ich kurz auf ein paar Piloten schauen, die dieses Jahr nicht mehr auf den Entry Lists von F2 und F3 stehen – und wo sie gelandet sind. Bekanntlich führen nur die Wege einer weniger Rennfahrer direkt in die F1, vielen geht unterwegs das Geld aus, da F3 und vor allem F2 viel zu teuer sind – und dann heißt es: sich neu aufstellen, neu orientieren und den eigenen Weg in der Welt des Motorsports finden.
Christian Lundgaard ist Callum Ilott in die IndyCar gefolgt – mit dem etablierten Team Rahal Letterman Lanigan Racing konnte er einen ganz ordentlichen Rookie-Saisonstart hinlegen, lag beim ersten Ovalrennen in Texas zeitweise sogar auf Top Ten-Kurs. Ein IndyCar getestet hat im Dezember auch Jack Aitken, aber sein Plan für 2022 besteht zunächst mal auf Sportwagenrennen und seiner Rolle als Williams-F1-Reservist, die bereits einmal zu einem F1-Einsatz führte.
Gianluca Petecof aus Brasilien war bis Anfang 2021 Mitglied der Ferrari Driver Academy und gewann 2020 die Formula Regional Europe (die in dem Jahr zugegebenermaßen schwach besetzt war). 2021 startete er für Campos direkt in der F2, doch dann starb Adrian Campos und Petecof ging das Geld aus. Er versuchte nochmal in der FRECA Fuß zu fassen, wechselte nun aber in die brasilianische Stock Car-Serie, wo er bei Toyota Teamkollege von Rubens Barrichello ist.
Matteo Nannini startete mit einem ambitionierten Programm aus F2+F3 ins Jahr 2021, was seine Sponsoren aber nicht lang mittragen wollten. Der F2-Ausflug (bei HWA und Campos) endete bald, in der F3 reichte es immerhin zu einem Sprint-Rennsieg. Vor wenigen Tagen gab Nannini bekannt, dass er nun als Teil eines neuen NASCAR-Nachwuchs-Programms des Teams Stange Racing in der ARCA Menards Series antreten wird.
Einige junge Piloten werden wir dieses Jahr in Le Mans sehen, und ein paar davon haben bereits den WEC-Saisonstart in Sebring absolviert: Oliver Rasmussen aus Dänemark (FREC-Dritter 2020) wurde von Jota engagiert, Italiener Lorenzo Colombo (F3-Rennsieger 2021 mit Campos) ist im neuen Prema-LMP2-Team untergekommen, also Teamkollege von Robert Kubica. Bent Viscaal (Podien in der F2 2021) wird in der ELMS und in Le Mans für Algarve Pro Racing antreten, Reshad de Gerus (F3 2021) fährt das gleiche Programm für das Duqueine Team.
Nachtrag 04.04.2022: Kurz nach Veröffentlichung des Textes wurde bekannt gegeben, dass Oliver Rasmussen nun doch noch ein Formel 3-Cockpit beim Trident-Team übernimmt. Der Grund ist leider nicht schön: Red Bull-Junior Jonny Edgar leidet an der Magen-Darm-Erkrankung Morbus Crohn, wie er selbst bekannt gab, und muss die Saison beenden, da er derzeit sehr geschwächt ist. Ihm sei an dieser Stelle alles Gute gewünscht!
David Schumacher, F3-Rennsieger mit Trident 2021, werden wir dieses Jahr auf dem Grid der DTM sehen, wo er einen Mercedes pilotiert. Lirim Zendeli, der 2020 eine gute F3-Saison mit Trident hatte (ein Sieg in Spa), musste seine 2021er F2-Saison aus finanzielle Gründen vorzeitig beenden und trat dann noch in der DTM Trophy an – seine Pläne für 2022 sind noch nicht bekannt. David Beckmann, der 2018 und 2020 mit Trident mehrere GP3- bzw. F3-Siege holen konnte, testete auch einen DTM-Boliden für Mercedes, ist nun aber als Test- und Reservefahrer bei Andretti in der Formel E engagiert worden.
Formel 2
Die Formel 2 hat im Gegensatz zur F3 bereits zwei Rennwochenenden absolviert, denn im Anschluss an Bahrain ging es ins saudi-arabische Jeddah. Die Strecke dort ist bereits nach der ersten Ausgabe für Crashes und Rennunterbrechungen bekannt, und zum Teil hat sich das auch beim zweiten Event bestätigt. Im Training verunfallte mit Theo Pourchaire einer der Titelfavoriten, in der Quali erwischte es Logan Sargeant. Auch Pourchaire hatte kein Quali-Glück, in dieser für beide Rennen wichtigen Session blieb sein ART-Bolide liegen. So musste er zweimal von hinten starten und konnte keine Punkte einsammeln.
Pole und Sieg im Hauptrennen gingen stattdessen an Felipe Drugovich: der Brasilianer ist in seiner dritten F2-Saison und nun wieder mit MP Motorsport unterwegs, mit denen er 2020 bereits einige Siege holen konnte. Damals fehlte es aber an Konstanz, ebenso wie 2021 mit UNI Virtuosi. Dieses Jahr ist Drugovich bisher der Fahrer mit der konstantesten Punkte-Ausbeute und damit zum jetzigen Zeitpunkt auch verdienter Tabellenführer. Er könnte auch ein Wörtchen im Kampf um den Titel mitreden, auch wenn ich eigentlich die Zweitjahres-Piloten wie Pourchaire, Vips und Lawson eher auf dem Zettel habe.
Im Sprintrennen hat Jake Hughes eine starke Performance gezeigt, was mit dem neu eingestiegen Team Van Amersfoort besonders erfreulich ist. Er hielt eine Zeit lang die Führung, konnte sich aber nicht gegen Liam Lawson und Jüri Vips wehren und kam „nur“ als Dritter ins Ziel. Schade für Hughes und van Amersfoort: die Planke unter dem Auto war zu stark abgenutzt, sodass er schließlich aus der Wertung genommen wurde und die wertvollen Punkte verlor. Drugovich rückte nachträglich auf, was dessen starkes Wochenende untermauert.
Eine Woche zuvor hatte der in Jeddah glücklose Theo Pourchaire noch das an der Spitze heiß umkämpfte Hauptrennen von Bahrain knapp für sich entscheiden können: nach einem späten Safety Car-Restart konnte er Liam Lawson um eine Sekunde hinter sich halten. Im Sprint konnte Richard Verschoor seinen zweiten F2-Sieg nach Silverstone 2021 einfahren. Der Niederländer, der die vergangene Saison wegen Geldmangels nicht beenden konnte, hat sich damit auch erstmal im Vorderfeld der Punktewertung festsetzen können.
Etwas glücklos war bisher der amtierende F3-Champion Dennis Hauger. Nach einem Fehler in der Quali von Bahrain, der zu zwei Nullrunden führte, gelang ihm auch in der mehrfach unterbrochenen Jeddah-Quali keine gute Runden – aber Platz 10 bedeutetet immerhin die Reverse Grid-Pole im Sprintrennen. Dieses führte er auch zunächst an, bis dann widersprüchliche Ansagen der Rennleitung ihn gleich doppelt das Rennen kosteten: nach einem Crash eingangs Start-Ziel (beim Restart nach einem früheren Crash, wie auch sonst…) hieß es zunächst per Funk, das Safety Car würde das Feld durch die Boxengasse führen.
Doch die gestrandeten Wagen standen ungünstig vor der Boxeneinfahrt, sodass diese doch noch kurzfristig per Anzeige gesperrt wurde. Leader Hauger (das Safety Car hatte ihn zu dem Zeitpunkt noch nicht eingesammelt) bog als einziger Pilot in die Boxengasse ab – sein Team habe sich mehrfach bei der Rennleitung erkundigt, dass das korrekt sei. Durch die Boxendurchfahrt verlor er bereits die Führung – und wurde schließlich nach einiger Konfusion auch noch offiziell dafür bestraft. Formal war das wohl korrekt, weil die Anzeigetafeln eindeutig das „X“ für eine gesperrte Boxengasse zeigten und auch ich sagen würde, dass die neuere Ansage die ältere schlägt. Aber ein gutes Bild hat die Rennleitung hier nicht abgegeben, wenn man den Aussagen von Prema hinsichtlich der Bestätigung glaubt.
Stand:
- Felipe Drugovich (MP Motorsport) – 45 Punkte
- Liam Lawson (Carlin) – 34 Punkte
- Richard Verschoor (Trident) – 32 Punkte
- Jüri Vips (Hitech) – 28 Punkte
- Theo Pirchaire (ART) – 25 Punkte
Nächstes Rennwochenende: Imola (F1), 23.-24. April
Formel 3
Beinah hätte der sechzehnjährige Rookie Ollie Bearmann direkt sein erstes Formel 3-Rennen gewonnen – die Ziellinie überquerte er als erster. Doch dann wurde ihm die neue harte Regelauslegung der F1-Rennleitung zum Verhängnis: die Strecke endet an der weißen Linie, man darf nicht mit allen vier Reifen darüber hinaus gehen, wie das in Bahrain etwa ausgangs Kurve 4 gern mal gemacht wird. Bearman war sich nur eines Vergehens bewusst, in der vorletzten Runde sei er dort neben die Strecke geraten. So ganz aufgeklärt wurde die Situation nicht, aber zu dem Zeitpunkt hatte er wohl schon die schwarz-weiße Verwarnungsflagge gezeigt bekommen, worüber ihn sein Team möglicherweise etwas zu spät informierte. Jedenfalls schien auch am Prema-Kommandostand Verwirrung zu herrschen.
So musste sich Bearman, der das Rennen ab Pbernahme der Führung in Runde 5 klar kontrolliert hatte (umso ärgerlicher ist die Strafe) mit Rang 2 zufrieden geben, denn die 5 Extra-Sekunden warfen ihn hinter Isack Hadjar zurück, der von P4 gestartet war. Reverse Grid-Polesetter Zak O’Sullivan, Williams-Junior, GB3-Champion und – wie die beiden anderen auch – Rookie, schaffte es am Ende auf Rang 6, hinter Arthur Leclerc. Der monegassische Titelfavorit hat seine Quali-Schwäche immer noch nicht überwunden, erreichte nur Startplatz 14 und konnte damit auch nicht vom Reverse Grid profitieren.
Auch das Hauptrennen musste Leclerc somit vom Mittelfeld aus in Angriff nehmen – und wieder einmal lieferte er eine seiner starken Aufholjagden ab: Platz 2 sollte nach 23 Runden zu Buche stehen, nur Victor Martins konnte er um 1,5 Sekunden nicht mehr einholen. Einen nach dem anderen hatte er vorher überholt, und musste im Spitzenfeld dabei sogar noch Abstände zufahren, denn es war vorn kein sonderlich enges Rennen. Lang geführt hatte Pole-Mann Franco Colapinto, der aber wohl seinen Reifen in der Anfangsphase zu viel abverlangt hatte und es nur auf Rang 5 ins Ziel schaffte.
Martins führt die Meisterschaft nach dem ersten Event an – aber nur um einen Punkt vor Leclerc. Es könnte mehr Vorsprung gewesen sein, doch im Sprintrennen kamen sich die ART-Teamkollegen Saucy und Martins beim Anbremsen der Kurve 1 im Kampf um Platz 7 ins Gehege und trugen beide Schaden davon, der eine Weiterfahrt verhinderte. Das Manöver war sehr ungelenk und zeugte von etwas eingerostetem Renn-Handwerk: Saucy entschied sich recht spät zu einem halbgaren Überholversuch, Martins schien ihn wahrzunehmen, verbremste sich leicht und lenkte dennoch recht früh ein: Frontflügel und Hinterrad trafen sich. Sowas kann passieren beim ersten Saisonlauf, auch wenn es das nicht sollte.
Stand:
- Victor Martins (ART) – 25 Punkte
- Arthur Leclerc (Prema) – 24 Punkte
- Oliver Bearman (Prema) – 17 Punkte
- Grégoire Saucy (ART) – 15 Punkte
- Juan Manuel Correa (ART) – 14 Punkte
Nächstes Rennwochenende: Imola (F1), 23.-24. April
Bilder: Ferrari Media
Das nächste Update gibt es voraussichtlich Ende April.
