Es fühlt sich an wie ein Saisonauftakt, doch die Formula E trägt nach dreimonatiger Winterpause am Samstag in Buenos Aires ihren dritten Saisonlauf aus.

Drei Monate sind ohne Frage eine zu lange Pause während einer laufenden Motorsport-Saison. Das letzte Rennen am 12. November in Marrakesch ist im Gedächtnis schon weit nach hinten gerutscht und die News, die man in den letzten Monaten aus dem Formula E-Umfeld gelesen und gehört hat, klangen auch eher nach klassischer „Silly Season“. Eine richtig gute Idee ist dieser Kalender also nicht, ganz zu schweigen davon, dass man die Fans danach gleich wieder sechs Wochen warten lässt – und dann nochmal. Erst ab Mai startet die Saison dann richtig durch, doch für die zweite Saisonhälfte sind noch nicht einmal alle Rennen und Strecken fix.

Was bisher geschah…

Soviel vorab – aber erinnert sich noch jemand an die Saisonläufe 1 und 2? Richtig, Sebastien Buemi hat sie beide gewonnen und führt mit 50 Punkten die Meisterschaftswertung deutlich an, mit 28 Zählern folgt auch sein letztjähriger ärgster Verfolger Lucas di Grassi. Hinter Buemis Teamkollegen Nicolas Prost (wie in den letzten zwei Jahren unspektakulär, ohne Höhepunkte, aber konstant unterwegs) folgt die positive Überraschung der bisher kurzen Saison: Neueinsteiger Felix Rosenqvist.

Beim Saisonauftakt in Hong Kong kam noch die Unerfahrenheit des Formel 3-Europameisters von 2015 zum Tragen, nach starker Qualifikation (Platz 6 nach leichtem Mauerkontakt) setzte er den Mahindra im Rennen erneut – und diesmal etwas heftiger – in die Leitplanken, fuhr dann nach verfrühtem Fahrzeugwechsel aber noch die schnellste Rennrunde, die auch einen Punkt wert ist. In Marrakesch qualifizierte der junge Schwede sich auf Pole (3 Punkte) und konnte sich über die erste Rennhälfte auch vorn halten, doch sein noch etwas übereifriger Fahrstil verbrauchte mehr Energie als der der Formula E-„Veteranen“ Sebastien Buemi und Sam Bird, die ihn noch ein- und überholten.

Auf die weitere Entwicklung Rosenqvists sollte man in den kommenden Formula E-Rennen ein Auge werfen; wenn er seine Fahrweise anpasst und den Speed der Top-Leute Buemi, Bird und di Grassi bei verringertem Stromverbrauch halten kann, könnte er gut in dieses Top-Trio vorstoßen – die Meisterschaftstabelle mag nach zwei Rennen deutlich aussehen, doch die Saison ist mit zehn (oder neun?) ausstehenden Läufen noch lang. Man muss allerdings auch Mahindra zugestehen, dass sie einen starken Entwicklungsschritt gemacht haben, Nick Heidfeld liegt nach den Platzierungen 3 und 9 ebenfalls gut in der Meisterschaft – und das Team auf Rang 3, punktgleich mit der Nummer 2, ABT Schaeffler Audi Sport.

Nächster Stopp: Buenos Aires

Das nächste Rennen wird – wie schon erwähnt – in Buenos Aires ausgetragen. Der Kurs im Neubau-Hafenviertel der argentinischen Hauptstadt ist abwechslungsreich und mein Favorit unter allen bisherigen Formula E-Kursen. Dazu hat selbstverständlich das grandiose Rennen im Vorjahr beigetragen, als Sebastien Buemi sich nach einem Quali-Fehler von hinten durchs gesamte Feld kämpfte und sich über die letzten Runden ein spannendes Duell mit Sam Bird lieferte, dessen schwerfälliger DS Virgin-Bolide spektakulär durch die die schnelleren Kurvenpassagen des Puerto Madero-Kurses rutschte. Das Rennen im Vorjahr war ebenfalls spektakulär – damals wurden allerdings die schwachen Aufhängungen und eine bestimmte Schikane mehreren führenden Piloten zum Verhängnis, am Ende gewann Antonio Felix da Costa.

Schon die 180°-Kehre Turn 1 ist eine gute Überholmöglichkeit, ermöglicht aber auch eine alternative Linienwahl, um Schwung für die folgende Passage zu holen: Mit Windschatten in der langgezogenen Vollgas-Links Turn 3 hat Buemi im Vorjahr die meisten seiner Überholmanöver erfolgreich abgeschlossen. Die nachfolgender Passage (90°-Links, kurze Gerade, Haarnadel rechtsrum, kurze Gerade, 80°-Links) ermöglicht Konter nach einem Überholversuch. Nach einer spitzwinkligen Linkskurve (Überholstelle für Mutige, da sich die Fahrbahn am Kurvenausgang verengt) folgt die holprige Schikane, die in Jahr 1 für Furore sorgte – und zum Schluss der Runde die spektakulärste Passage, ein schneller Linksbogen, gefolgt von einer Rechts-Links-S-Kombination, in der die schweren Autos gern mal ins Driften geraten, wie im Vorjahr vor allem Sam Bird zeigte.

Die Favoriten kommen wieder aus der oben genannten Spitzengruppe: Buemi ist nach zwei Siegen und seiner Dominanz über die letzten anderthalb Jahre selbstverständlich an erster Stelle zu nennen, Sam Bird als Vorjahressieger und mit stark verbessertem DS Virgin-Boliden sollte auch wieder ein Wörtchen um den Sieg mitreden können. Lucas di Grassi muss man immer auf dem Schirm haben, auch wenn der ABT Schaeffler Audi dieses Jahr weiter weg zu sein scheint von den Renaults als im Vorjahr. Und dann ist da eben noch der junge Rosenqvist, der auch Chancen auf Pole und Podium haben sollte.

Nachrichten aus der Winterpause

Was sind nun die News, die in der „Fake-Silly Season“, der überlangen Winterpause, verlautbart wurden? Der deutsche ePrix in Berlin wird nun doch nicht rund um den Strausberger Platz ausgetragen, sondern kehrt zurück auf den stillgelegten Flughafen Tempelhof, der als Flüchtlingsunterkunft nicht mehr gebraucht wird. Die Kreuzberg-Friedrichshainer Bezirkspolitik wollte die Verkehrseinschränkungen auf der Ost-Magistrale Karl-Marx-Allee nicht nochmal vertreten müssen, und so kehrt der Lauf – gegen den Wiederstand der Grünen – auf das Tempelhofer Feld zurück, wo er schon im ersten Jahr ausgetragen wurde; es soll allerdings eine überarbeitete Streckenführung zum Einsatz kommen. Tickets für den Strausberger Platz waren eigentlich auch schon im Verkauf…

Noch unklarer ist die Situation um den Brussels ePrix. Nachdem dort erst zwischen Messe und Atomium gefahren werden sollte, wurde aufgrund einer Terminkollision mit einer anderen Veranstaltung auf dem Messegelände ein neuer Austragungsort gesucht – und vermeintlich auch gefunden: Im Stadtteil Koekelberg sollte auf einer recht symmetrischen Strecke rund um den Parc Elisabeth gefahren werden, die Szenerie hätte die gewaltige Nationalbasilika des Heiligen Herzens gebildet. Doch gegen diese Strecke legte die Regionalregierung Ende Januar ein Veto ein, um in der Ferienzeit nicht den Verkehr in wichtigen Bereichen der Hauptstadt einschränken zu müssen. Noch heißt es, dass man das Rennen in Brüssel austragen möchte, doch ob das in diesem Jahr wirklich klappt (Termin ist der 1. Juli), scheint fraglich.

http://www.brussels-e-prix.com

Was sonst noch so war:

  • Das Venture Capital-Unternehmen CMC Capital Partners (CMC steht für „China Media Capital“) ist als Anteilseigner bei der Formula E-Holding-Gesellschaft eingestiegen, an der auch schon der neue Formel 1-Eigner Liberty Media eine Minderheitsbeteiligung hat.
  • Neuer Teamchef des NextEV-Teams ist der ehemalife F1-Ingenieur Gerry Hughes, der bisherige „Chief Race Engineer“ folgt dem im November 2016 plötzlich verstorbenen Dr. Martin Leach nach. Andretti-Teamchef Roger Griffiths ist neuer Vorsitzender der Formula E-Team-Vereinigung.
  • Felipe Massa hat einen Formula E-Jaguar getestet und bestätigte, dass der sich komplett anders fährt als alles, was er je in seiner Karriere gefahren hat. F1-Weltmeister Nico Rosberg hat eine zweite Karriere in der Formula E – wenig überraschend – ausgeschlossen.
  • McLaren Applied Technologies soll den Autowechsel zur Rennmitte ab der Saison 2018/19 mit neu entwickelten Batterien obsolet machen. Ab der Saison soll es auch ein radikal aussehendes neues Auto geben, wenn auch weiterhin von Spark Racing Technologies (mit Unterstützung von Dallara).

Der Buenos Aires ePrix startet am Samstag um 20 Uhr deutscher Zeit, Eurosport überträgt live, mit Vorberichten ab 19:45 Uhr. Der UK-Sender Channel 5 ist ebenfalls live dabei und beginnt seine Übertragung um 19:30 Uhr MEZ.

(Bilder: Formula E Media, Marrakesh ePrix)