Die WEC hat ihren Testtag in Le Mans gestern erfolgreich und unfallfrei beendet. In der LMP1 gab es einen ersten Einblick, wie das Kräfteverhältnis aussieht.
Natürlich ist es ein Testtag. Natürlich hauen die Hersteller noch nicht alles raus, was man in 14 Tagen zeigen wird. Und natürlich lässt man sich noch etwas Luft bei den Rundenzeiten. Aber die Erfahrung zeigt, dass man schon ein paar Rückschlüsse ziehen kann. Zum einen aus den Daten, die aus den beiden Rennen in Spa und Silverstone vorliegen, zum anderen aus den Daten, die wir vom letzten Jahr haben. Die EoT hat sich seit Le Mans 2014 nicht verändert, von daher sind sie einigermaßen vergleichbar.
Das Gesamtergebnis der LMP1-H vom Testtag sieht so aus:
Ergebnis Le Mans Testtag 2015
| Porsche #17 | 3:21.061min |
| Porsche #18 | 3:21.945min |
| Audi #9 | 3:22.307min |
| Porsche #19 | 3:22.322min |
| Audi #7 | 3:22.556min |
| Audi #8 | 3:23.002min |
| Toyota #1 | 3:25.321min |
| Toyota #2 | 3:26.929min |
| Nissan #23 | 3:43.383min |
| Nissan #22 | 3:48.835min |
| Nissan #21 | 3:51.334min |
Die Unterschiede sind recht gering, wenn man mal vom schnellsten Porsche absieht. Rund sieben Zehntel beträgt der Abstand zwischen Porsche und Audi, was ungefähr das ist, was man auch erwarten konnte. Audi hält sich allerdings traditionell mit einzelnen schnellen Rundenzeiten in Le Mans zurück. Die Pole ist nicht das Ziel der Ingolstädter, daher gibt es auch kein „Quali-Setup“. Man arbeitet konsequent am Setup für das Rennen. Meist fährt man die schnellsten Runden nicht in der Quali, sondern im Verlauf des Rennens. Bei Porsche sah das zumindest im letzten Jahr etwas anders aus.
Man liegt also eng zusammen, die interessante Frage ist aber, wo der Porsche die Zeit rausholt. Ein Blick in die Sektorenzeiten gibt die Antwort. Sektor Eins reicht von Start und Ziel bis Tetre Rouge, der zweite die gesamte Hunaudières-Gerade bis zur Haarnadel in Mulsanne. Dort beginnt der letzte Sektor, der dann Aranage und die Porsche-Kurven umfasst und bei Start/Ziel endet.
Im sehr kurzen und kurvenreichen Sektor 1 liegen die Audi vorne.
Bester Audi: 31.821
Bester Porsche: 32.204
In Sektor 2 haben die Porsche das Sagen:
Bester Porsche: 1:16.398
Bester Audi: 1:17.590
Auch in Sektor 3 führen die Porsche
Bester Porsche: 1:31.385
Bester Audi: 1:32.019
Bemerkenswert sind die 1,2 Sekunden, die Porsche allein auf der Hunaudières rausfahren kann. Es wirkt vor allem deswegen auffallend, weil die Porsche beim Topspeed (gemessen vor der ersten Schikane) nicht mal die Schnellsten sind. Mit 326 km/h sind sie 10 km/h langsamer als die Nissan, 8 km/h fehlen auf die Toyota, knapp 6 km/h auf die Audi. Die Zeit holt der Porsche nicht über den Topspeed, sondern über die Beschleunigung aus Tetre Rouge, aber vor allem aus den langsamen Schikanen raus. Die 8 MJ, die der Porsche zur Verfügung hat, machen sich hier deutlich bemerkbar. Mag sein, dass der Audi am Ende der Geraden schneller ist, aber bis er seinen Topspeed erreicht, benötigt er halt initial mehr Zeit. Das ist auch der Grund, warum der Porsche im dritten Sektor vorne liegt, allerdings holt der Audi in den Porsche-Kurven dann offenbar deutlich Zeit heraus.
Der niedrige Topspeed der Porsche ist ein Hinweis darauf, dass man mit einer High-Downforce-Variante in Le Mans unterwegs ist und diese offenbar auch am Renntag nutzen wird. Der 919 hat insgesamt weniger Abtrieb als der R18, eine „Le Mans“-Variante macht für Porsche keinen Sinn. Zwar würde man in Sektor 2 dann noch mehr Zeit gewinnen, hinten heraus aber auch wieder verlieren. Dazu kommt: Im Regen fahren sich die „Low Downforce“-Varianten dann nicht mehr so gut.
Liegt der Vorteil und damit die Favoritenrolle bei Porsche? Was die Qualifikation angeht auf jeden Fall, aber das war auch so zu erwarten. Was das Rennen angeht, ist es wieder eine andere Sache. Auffällig war in diesem Jahr zumindest, dass die Porsche die schnellen Zeiten aus der Quali nicht im Rennen gehen konnten, während Audi genau das gelang. Im Rennen werden beide Marken daher enger zusammen liegen, als es auf den Papier aussieht.
Was die Rundenzeiten angeht: Sie wurden ungefähr in dem Bereich schneller, wie man es erwarten konnte. Die Bestzeit vom Testtag 2014 lag bei 3:23.014 min, dieses Jahr waren es 3:21.061 min. Die schnellste Runde in der Quali bei 3:21.789 im Rennen war es eine 3:22.567 min. Zieht man also zwei Sekunden ab, läge man in der Quali bei rund 3:19, vielleicht auch eine niedrige 3:18 min. Aber: Am Testtag war es lange feucht. Die Bedingungen waren nicht ideal, es war kalt und die Strecke frisch und ohne Gummi. Bei idealen Bedingungen könnten noch mal zwei Sekunden drin sein.
Was ist mit Toyota?
Toyota stellt alle Beobachter vor ein sehr großes Rätsel, denn als einziges Team hat man im Vergleich zum Jahr 2014 Zeit verloren.
Bestzeit 2014 – 3:23.014 min
Bestzeit 2015 – 3:25.321 min
Man ist 2015 also 2,3 Sekunden langsamer als im letzten Jahr. Das sorgt schon für Stirnrunzeln, zumal Toyota in Silverstone gar nicht so schlecht unterwegs war und nur ein paar Sekunden hinter dem Porsche auf P3 landete. Ein Blick in die Sektoren (vor allem im Vergleich zu 2014) zeigt die Problematik deutlich.
| Jahr | Sektor 1 | Sektor 2 | Sektor 3 |
| 2014 | 32.179 | 1:17.658 | 1:32.457 |
| 2015 | 32.698 | 1:18.721 | 1:33.732 |
| (Bestzeit 2015) | 31.821 | 1:16.398 | 1:31.385 |
Oder anders gesagt: Selbst wenn man das letztjährige Modell aus dem Museum geholt hätte, wäre man schneller gewesen. Und zwar so viel schneller, dass man mitten im Kampfgebiet wäre. Im Grunde lassen die langsamen Zeiten nur zwei Schlüsse zu. Entweder hat sich Toyota mit der neuen Aerodynamik des TS040 komplett verhauen. Oder die Truppe aus Köln mauert gewaltig. Es scheint zumindest nach den vorliegenden Zahlen unmöglich, dass Toyota so viel langsamer geworden ist. Um dem Rätsel ein wenig auf die Spur zu kommen, haben wir uns die Sektorenzeiten aus Spa der letzten beiden Jahre noch mal angeschaut.
Vergleich Sektoren 2014 vs 2015 Toyota Spa
| Jahr | Sektor 1 | Sektor 2 | Sektor 3 |
| 2014 | 34.734 | 55.160 | 30.864 |
| 2015 | 33.542 | 53.382 | 30.051 |
Wie man sieht, ist der Toyota durchaus schneller als 2014. Warum man in Le Mans so langsam war, bleibt ein Rätsel, zumal der Topspeed identisch mit dem aus dem letzten Jahr war. Die Vermutung liegt nahe, dass Toyota wirklich mauert. Man hätte zumindest die Zeiten aus dem letzten Jahr erreichen können, müsste also bei ca. 3.23 min liegen und damit wäre man in Reichweite des Podiums. Toyota selber gibt an, dass man rund 2,5 Sekunden über den Winter gefunden haben will. Sollte das stimmen, hätte eine Zeit um 3.21 min herauskommen müssen.
Toyota ist uns ein einziges Rätsel.
Und Nissan so?
Wie oben zu sehen ist Nissan sehr weit von der Musik an der Spitze. Unsere Vermutung war ja noch, dass man ungefähr auf dem Niveau der Rebellion liegen würde, aber auch das scheint mehr als utopisch. Zum Rebellion (der mit dem neuen AER Motor auch rund eine Sekunde langsamer geworden ist) fehlen dem Nissan satte 13 Sekunden. Selbst auf den byKolles fehlen fünf Sekunden. Man liegt mit dem schnellsten GT-R LMS mitten im Feld der LMP2. Die Zeiten der beiden anderen Nissan waren mit um die 3.50 min noch schlechter.
Der GT-R LMS ist weiterhin eine Baustelle. Das 2 MJ Hybrid-System funktioniert nach unseren Informationen weiterhin nicht. Es ist drin, aber es wird nicht genutzt. So muss der schwere (man spricht von rund 100 kg Übergewicht) LMP1 rein mit den knapp 650 PS des V6-Turbo auskommen, was zumindest einen Teil der langsamen Rundenzeiten erklärt. Nissan wollte eigentlich 6 MJ fahren, das würde die Rundenzeiten zumindest im zweiten Sektor auch dementsprechend drücken. Tatsächlich könnte man dann in Sektor 2 vermutlich um die vier Sekunden gewinnen, was sie in dem Sektor durchaus in die Nähe der Toyota schieben würde. Doch in Sektor 3 ist der Spaß dann vorbei. Dort verliert der schnellste Nissan allein zwölf Sekunden. Würde man die Porsche-Kurven einzeln auswerten, könnte man sehen, dass vermutlich allein acht Sekunden in dem kurzen Stück liegen. Denn auch im sehr kurzen ersten Sektor verliert der Nissan schon vier Sekunden. Und die 3.43 min, die man mal schaffte, waren eine absolute Ausnahme. Die Longrun Pace zeigte Zeiten zwischen 3.50 und 4.00 min.
Mit anderen Worten: Der Nissan ist nicht mal ansatzweise konkurrenzfähig. Selbst wenn sie das Hybridsystem für die Quali hinbekommen, viel werden die 2 MJ nicht bringen. Eine Zeit unter 3.40 min scheint zwar möglich, aber wirklich auch nur für eine Runde. Dazu kommt die Stintlänge. Das längste, was man den Reifen zumuten konnte, waren acht Runden, danach rauschte man die Box. Immerhin, die schlechten Zeiten wurden am Ende des Stints nicht noch schlechter.
Es war eh zu erwarten, dass der Nissan weit weg der Spitze sein würde, aber ein wenig enttäuschend ist es schon, dass man nicht mal mit dem byKolles mithalten kann. Nissan wird froh sein, wenn man ein Auto durch die Nacht bekommt, das allein dürfte schon ein Erfolg sein.
Bilder: WEC/ACO/Adrenalin





















