Das neue Aero-Paket lieferte in Atlanta eigentlich alles ab, was man sich im Vorfeld davon versprach. Erstaunlicherweise gab es nur drei Cautions, dafür wurde aber der Daytona-Big-One schließlich doch noch nachgeholt. Während Jimmie Johnson das Rennen für sich entscheiden konnte, schmollte Matt Kenseth über den Boxenfunk.

Analyse Atlanta 2016

AMS_022816_012Ich bin der Meinung, wir haben in Atlanta eines der besten NASCAR-Rennen in der jüngeren Vergangenheit gesehen, da es über große Teile die Gelegenheit hatte, einen Langstreckencharakter zu entwickeln. Es kam endlich mal auf die Strategie an, welche am Ende tatsächlich trotz einer Overtime den Schlüssel zum Sieg darstellte. Das neue Low-Downforce-Aero-Paket sorgte dafür, dass die Fahrer über die kompletten 500 Meilen richtig viel am Lenkrad zu tun bekamen, denn nahezu das gesamte Feld war durchgehend am Rutschen und viele Fahrer hatten gewaltig mit ihren übersteuernden Fahrzeugen zu kämpfen. So muss Racing für mich aussehen und auch die Fahrer bliesen nach dem Rennen unisono in dasselbe Horn.

Umso erstaunlicher war die Tatsache, dass die ersten 210 der insgesamt absolvierten 330 Runden komplett ohne eine einzige Caution auskamen. Das Feld zog sich dadurch zwar relativ weit auseinander, sodass zwischenzeitlich nur noch knapp zehn Fahrzeuge in der Führungsrunde unterwegs waren, jedoch blieb es an der Spitze jederzeit spannend. Kevin Harvick, Martin Truex Jr., Jimmie Johnson und Matt Kenseth lieferten sich einen schönen Vierkampf, in dem nicht zuletzt aufgrund der vielen Green-Flag-Pitstops jeder mal ganz vorne unterwegs sein durfte. Zudem litten die Reifen gehörig und so gab es auch einige Führungswechsel auf der Strecke unter regulären Rennbedingungen, weil die Pneus oft einfach ein sehr plötzliches Drop-Off erlebten. Trotz sichtbarer Karkassen kam es aber zu wenig Reifenplatzern.

Den Move des Rennens präsentierte Crew-Chief Chad Knaus, als er Jimmie Johnson in dem Moment zum letzten Boxenstopp hereinholte, in dem das Sprintfenster geschlossen werden konnte. Die Konkurrenz wartete hingegen bis zum Ende des aktuellen Fuel-Runs ab und war der #48 auf alten Reifen mehrere Runden schutzlos ausgeliefert. Diese Zeit nutze Johnson gewinnbringend und fuhr einen halben Umlauf auf Kevin Harvick heraus, den dieser nie wieder aufholen konnte. Letztendlich stagnierte der Vorsprung gegen fünf Runden vor dem Ende bei knapp sechs Sekunden, doch es sollte noch eine zweite Caution herauskommen, da Ryan Newman sich nach einem der seltenen Reifenplatzer von der Strecke drehte. Die erste Gelbphase wurde übrigens wegen eines Plastikteils von der Größe eines Joghurtbechers ausgerufen, NASCAR suchte also förmlich nach Debris.

Die anschließende allererste Overtime-Verlängerung nach Einführung der umstrittenen Regelung sorgte direkt für das beste Negativbeispiel, warum das neue Vorgehen einfach Mist ist. Nach dem Überqueren der Overtime-Linie auf der Mitte der Gegengerade kam es im Hinterfeld (nach Daytona etwas verspätet) zu einem Big-One. Die NASCAR-Offiziellen warteten jedoch, bis die Führungsriege sich die weiße Flagge abgeholt hatte, um den Nachteil der Overtime zu kaschieren. Wäre die folgerichtige Caution schon während der halben Runde zwischen Overtime- und Ziellinie ausgerufen worden, hätte man die Fans um eben diesen halben Umlauf betrogen. Was bitte war an der alten Green-White-Checkered-Regelung so schlecht? Der Harvick-Vorfall in Talladega hatte nichts damit zu tun, denn das Feld hatte dort noch nicht einmal die grüne Flagge gesehen.

Das „Unlimited“ im Namen der Unlimited-Overtime-Regel ist Makulatur, wenn die Chance auf eine weitere Verlängerung faktisch gleich null ist. Ich empfand es auch eher als gefährlich, das Feld noch bis zur weißen Flagge um Positionen kämpfen zu lassen. Dale Earnhardt Jr. nutzte die Wirren der Overtime, um auf der Ziellinie einen zweiten Platz abzustauben, auch hier könnte man Böses unterstellen und der Rennleitung den bekannten Junior-Bonus vorwerfen. Wie auch immer, denn schließlich gewann mit Jimmie Johnson nach dem Strategiekniff aus dem Lehrbuch der verdiente Fahrer und zog zudem mit dem unvergessenen Dale Earnhardt Sr. gleich. Beide Piloten kommen aktuell auf 76 Cup-Siege, was schon eine erstaunliche Zahl ist – Gratulation an dieser Stelle.

Der Top-Favorit und Mann mit den meisten Führungsrunden, Kevin Harvick, fiel auf alten Reifen leider noch auf Rang sechs zurück. Martin Truex Jr. lieferte ein schönes Rennen ab, übernahm mehrfach die Spitze und war lange Zeit ein ernstzunehmender Kandidat auf die Fahrt in die Victory-Lane, doch auch ihm blieb nur ein siebter Platz. Chase Elliott hielt sich schadlos und holte mit Rang acht ein Top-Ergebnis in seiner noch jungen Karriere, sicherlich nur ein kleiner Vorgeschmack auf die nahe Zukunft. Polesitter Kurt Busch konnte nur die Anfangsphase bestimmen und kam immerhin noch Platz vier ins Ziel, eine Position hinter seinem Bruder Kyle Busch und einen Rang vor Carl Edwards, der die Top-5 komplettierte.

Den Vogel schoss dagegen die Crew von Matt Kenseth ab: Bei einem Green-Flag-Pitstop legte der Gas-Man den Schraubenschlüssel für die Wedge-Einstellung auf dem Kofferraum ab, während er den Wagen betankte – ein klarer Regelverstoß, den NASCAR sofort mit einer Durchfahrtsstrafe ahndete. Da Jason Ratcliff jedoch lieber mit dem zuständigen Offiziellen diskutierte, als die Strafe an seinen Fahrer weiterzuleiten, bekam Kenseth die schwarze Flagge und wurde für eine Runde nicht mehr gewertet. Zusammen mit seiner Drive-Through summierte sich der Rückstand schließlich auf zwei Umläufe und das konnte die #20 aufgrund der fehlenden Gelbphasen nie wieder aufholen. Eine komplett unnötige Situation und Kenseth war zu Recht stocksauer.

Das gesamte Rennergebnis kann bei Jayski inklusive weiterer Statistiken noch einmal nachgeschaut werden. Es folgen wie gewohnt die Fahrerwertung und die Owner-Punkte, die Bildergalerie befindet sich am Ende des Artikels.

Vorschau Las Vegas 2016

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Am nächsten Wochenende geht es auf dem Las Vegas Motor Speedway weiter, wenn der West-Coast-Swing (Las Vegas, Phoenix, Fontana) seinen Anfang nimmt. Die NASCAR ist also erneut auf einem 1,5-Meilen-Oval unterwegs, doch die Strecke im Spielerparadies ist mit einem variablen Banking um die 20 Grad etwas weniger überhöht und besitzt zudem einen D-Bogen auf der Zielgeraden. Der Asphalt ist zwar noch relativ neu (2006), kann aber bereits mit einigen charakteristischen Schlägen aufwarten, die Fahrzeuge gerne mal aus der Balance werfen. Das neue Aero-Paket sollte also auch hier wieder voll einschlagen und uns ein spannendes Rennen bringen – vorbehaltlich der Reifenwahl von Goodyear –, dieses Mal allerdings nur über 400 Meilen.

Schauen wir auf die Siegerliste der letzten drei Rennen in Las Vegas, so zeigten sich mit Matt Kenseth (2013), Brad Keselowski (2014) und Kevin Harvick (2015) drei verschiedene Fahrer aus drei verschiedenen Teams mit drei verschiedenen Herstellern in der Victory-Lane. Das Kräfteverhältnis der vergangenen Saison ist nach der Analyse von Atlanta noch ziemlich intakt, sodass man im Vorfeld wirklich nur schwer auf einen Gewinner tippen kann. Für die Zocker und die Spannung ist das aber natürlich eine schöne Sache.

Zum Abschluss folgt an dieser Stelle wie gewohnt noch ein Zeitplan für das TV-Programm am Wochenende und die nachgereichte Entry-List mit erneut nur 39 Fahrzeugen.

Freitag, 04.03.
19:30 Uhr, Sprint Cup Series Practice, FS1
21:30 Uhr, XFINITY Series Practice, FS1
00:00 Uhr, XFINITY Series Final Practice, FS1
01:45 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, FS1

Samstag, 05.03.
17:30 Uhr, Sprint Cup Series Practice, FS1
18:45 Uhr, XFINITY Series Qualifying, FS2
20:30 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, FS1
22:00 Uhr, XFINITY Series Rennen (Boyd Gaming 300), FS1

Sonntag, 06.03.
21:30 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Kobalt 400), FOX & Motorvision TV ab 21 Uhr