Der Audi A7 Concept ist ein besonderes Auto. Zum ersten Mal fährt ein Wagen alleine und ohne Fahrer über eine Rennstrecke. Und ist dabei nicht mal viel langsamer als ein Rennfahrer.

Audi_RS7_Concept_05Ich werde von rechts nach links geworfen. Oder nach vorne. Das ist nun mal das Schicksal, wenn man auf dem Beifahrersitz hockt und über eine Rennstrecke fährt. Der Kurs Circuito Ascari in der Nähe von Marabella in Spanien hat es ziemlich in sich. Es gibt gemeine Kuppen, blinde, nach außen hängende Kurven, eine „Mut-Knick“ inmitten einer Vollgaspassage und eine überhöhte 180-Grad-Kehre, die scheinbar kein Ende nehmen will. Also halte ich meine Arme am Körper, damit sie nicht sinnlos rumfliegen, und drücke meinen behelmten Kopf in den Sitz. Neben mir grinst ein junger Mann, der es sich auf dem Fahrersitz bequem gemacht hat. Das außergewöhnliche an der Sache ist, dass er das Auto gar nicht fährt. Seine Hände berühren nicht das Lenkrad, seine Füsse sind weit von den Pedalen entfernt. Der Audi A7 rast komplett autonom um den schwierigen Kurs von Ascari.

Autonome Fahrzeuge sind das nächste große Ding in der Industrie. Mercedes hat 2013 eine S-Klasse von Mannheim nach Pforzheim fahren lassen. Über Landstrassen und durch Innenstädte, ohne dass der Wagen auch nur einen Katzer abgekommen hat. BMW lässt seine Autos autonom über die Autobahnen bei München rasen und Google hat gerade bekannt gegeben, dass sie 1500 selbstfahrende Autos zur Probezwecken von Roush in den USA herstellen lassen möchten. Aber gemütlich über die Autobahn zu gondeln ist eine Sache. Eine andere ist es, einen Wagen im Grenzbereich auf einer Rennstrecke fahren zu lassen.

Audi_RS7_Concept_12Audi hat das im letzten Jahr gleich mehrfach gemacht. Die beiden Versuchsfahrzeuge, die auf die Namen „Bobby“ und „AJ“ hören, sind 2014 in Oschersleben und beim Saisonfinale in Hockenheim unterwegs gewesen. Alleine. Ohne Fahrer am Steuer. Oder Aufpasser auf dem Rücksitz. Auf dem Kurs von Ascari ginge das auch, aber man will aus Sicherheitsgründen die eingeladenen Journalisten dann lieber doch nicht alleine im Auto lassen. „Kann ja sein, dass man aus Versehen an einen Knopf kommt oder dass dem Beifahrer schlecht wird“, sagt Thomas Müller, Leiter der Entwicklung der Fahrassistenzsysteme bei Audi. Es wäre nicht das erste Mal, wie er leicht amüsiert anmerkt.

Der A7 in der RS-Variante ist nicht gerade untermotorisiert. 4 Liter Bi-Turbo V8, 560 PS, 700 NM Drehmoment. Da geht also was, auch wenn der Wagen mit zwei Tonnen Leergewicht nicht gerade zu den Leichtgewichten gehört. Wie schnell man damit unterwegs sein kann, darf man selber testen. Bei Audi hat man sich die lustige Idee einfallen lassen, die Journalisten erst mal selber über den Kurs fahren zu lassen, damit sie eine Referenzzeit setzen können. Damit man nicht vom rechten Weg abkommt, sitzt Le-Mans-Sieger Marco Werner in einem Führungsfahrzeug und gibt die Bremspunkte vor.

Ich kenne die Strecke nicht und habe exakt zwei Runden, mir das Kurvengeschlängel einzuprägen, bevor Marco Werner vor mir richtig Gas gibt. Wird schon passen, denke ich und tatsächlich gelingt mir eine halbwegs saubere Runde, ohne allzuviel Einlenkpunkte zu verpassen. Der A7 ist jetzt auch nicht gerade ein Auto, das für die Rundstrecke gebaut ist. Zu kopflastig, das ESP regelt auch im Sportmodus etwas zu stark und die Carbon-Bremsen sind nach meinem Geschmack etwas zu weich und geben zu wenig Feedback. Dafür sind Lenkung und Motor ein Gedicht. Am Ende steht eine 2.12min, schneller war am dem Tag nur der Kollege, der nebenbei noch selber Rennen fährt.

Zehn Minuten später finde ich mich dann rutschend auf dem Beifahrersitz wieder und beobachte, wie der RS7 seinen Weg über die Strecke findet. Die sei nicht einprogrammiert, sagt der nette Mann auf dem Fahrersitz auf meine Nachfrage. Sicher, die Kartendaten liegen dem Rechner im Kofferraum vor, aber die relative Position würde sich ja immer leicht verändern. Dazu kämen Dinge wie Gegen- oder Seitenwind, Asphalttemperatur, veränderte Gripverhältnisse und das Wetter. Man könnte die Bremspunkte usw. vordefinieren, aber das würde nichts bringen. Der Wagen soll ja selber entscheiden, was gerade auf der Strecke los ist und wie er reagieren muss. Egal, wie schnell er gerade unterwegs ist.


(Anmerkung: Das Video zeigt eine Runde, in der das Fahrzeug zwischendrin aus Sicherheitsgründen langsamer unterwegs war. Ich bin eine weitere Runde mit dem RS7 gefahren, bei der es dann schneller zur Sache ging)

Damit der RS7 das alles kann, ist er mit einer Sensorenphalanx ausgestattet. Radar, Ultraschall, Kameras, Scanner. Dazu die sowieso vorhandenen Sensoren des ESP, ABS, Lane-Assist usw. Das reicht aber noch nicht, damit der Wagen die Spur hält. Um auf der teilweise relativ breiten Strecke die Ideallinie zu finden, muss der Wagen wissen, wo er gerade ist. GPS hilft aber nur im Bereich bis zu zwei Metern, weswegen man zur deutlich genaueren „Differantial-GPS“-Variante greift. Dabei werden vor Ort Referenzstationen montiert, die permanent ihre Position mit den Satelliten abgleichen. Der Wagen wiederum gleicht seine Position dann mit den Stationen ab. Und schon verbessert sich die Genauigkeit auf 20 Zentimeter. Damit lässt sich die Ideallinie dann schon besser treffen.

Der Techniker auf dem Fahrersitz ist während der Runde auch nicht komplett arbeitslos. Er hat eine ganze Menge Sicherheitseinrichtungen zu beobachten. Die erste ist ein „Toter-Mann-Schalter“. Er hält einen Schalter gedrückt, lässt er los, stellt sich der RS7 sofort ab. Die autonome Fahrt wird auch dann sofort unterbrochen, wenn der Fahrer das Bremspedal oder das Lenkrad benutzt. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es einen sehr großen, sehr roten Notfallschalter in der Mittelkonsole. Wird der gedrückt, wird die gesamte Elektrik inklusive Motorsteuerung ausgeschaltet.

Audi_RS7_Concept_09Dabei nimmt die gesamte Technik im Auto im Moment noch den halben Kofferraum ein. Nicht vergessen sollte man die Ingenieure, die in der Boxengasse gleich zwei Boxen mit ihren Computern vollgestellt haben und jede Regung des Wagens übewachen. Aber im Grunde passt die ganze Technik mittlerweile eine Box, die kaum mehr als 30 Zentimeter groß ist und in Zukunft im Kofferraum versteckt werden wird. Leicht vorstellbar, dass das alles in zehn Jahren so klein wie ein Smartphone sein wird.

So ungewohnt die Rolle des Passagiers auch sein mag, es ist faszinierend zu sehen, wie der Computer seine Bahnen auf der Strecke zieht. Und es ist nicht so, dass er trödeln würde. Beschleunigt wird mit allem, was geht, gebremst wird spät, eingelenkt wird zackig. Dabei ist sogar zu spüren, dass die Techniker nicht komplett an die Grenzen gegangen sind. Der RS7 bremst einen Tick zu lange und rollt eher durch die Kurven. Auch mit der Rausbeschleunigung lässt sich der Wagen ein paar Momente Zeit. Aber wie gesagt: Langsam ist es nicht, was der Audi da macht. Enge Kurven nimmt er konservativ, bei den schnellen Passagen lässt er es durchaus krachen. Gerade in diesen Momenten hat der Wagen allerhand zu tun.

Audi_RS7_Concept_02Er muss wissen, wo er gerade ist, er muss sehen, ob da vor uns irgendwas die Strecke blockiert, er muss das Trägheitsmoment berechnen, den Lastwechsel, die Geschwindigkeit, die Querbeschleunigung. Ein Mensch kann das, wenn er ein wenig trainiert und weil er über Jahre gelernt hat, wie er mit seinen „Sensoren“ umgeht. Wir haben zudem den Vorteil, dass wir auf unser erlerntes Verhalten zurückgreifen können. Rutscht der Wagen über die Vorderachse, wissen wir, was zu tun ist. Wir wissen auch, wann der Wagen zu rutschen beginnt. Wir spüren die Grenzen. Der Computer kann das nicht. Er weiß im Grunde nichts, sondern reagiert nur auf das, was gerade passiert. Alle Informationen müssen in Millisekunden immer wieder neu erfasst und verarbeitet werden.

In meinem Fall hat der RS7 das auf der Rennstrecke beeindruckend gut hinbekommen. Seine Rundenzeit lag am Ende bei 2.16 min. Vier Sekunden langsamer als das, was ich ohne Streckenkentnisse hinbekommen habe, aber ich hatte durchaus das Gefühl, dass da beim Computer eine Sicherheitsmarge einkalkuliert war. Auf der anderen Seite: Noch bin ich besser/schneller als der Rechner. Aber es ist auch klar, dass der Vorsprung nicht mehr lange bestehen bleiben wird. In spätestens fünf Jahren dürfte das Auto meine Hobby-Rennfahrkünste übertroffen haben.

Aber es ist ein beeindruckendes Erlebnis, den RS7 so zu erleben. Wir kennen selbstfahrende Autos meist nur aus dem Kino oder als Zukunftsprojektion aus Büchern. Selber zu erleben, dass es tatsächlich geht, dass Autos jetzt wirklich alleine fahren können, noch dazu auf der Rennstrecke, ist schon etwas besonderes. Im ersten Moment realisiert man es gar nicht so sehr, aber ein paar Tage später keimte in mir der Gedanke, dass ich etwas sehr Revolutionäres erlebt hatte. Es ist etwas anderes, wenn der Lane-Assist mal ein paar Sekunden übernimmt oder wenn ein Wagen in Höchstgeschwindigkeit über eine Rennstrecke fährt. Es ist die frühe Phase einer neuen automobilen Welt.