Der GP von England war mal wieder einer der dramatischen Sorte. Beim Unfall in der Startrunde hatten vor allem Kimi Räikkönen und Max Chilton eine Menge Glück.

_R6T2901Der Unfall von Räikkönen geht komplett auf die Rechnung des Finnen. Auslöser war ein nervöses Heck des Ferrari in Turn 5, als es auf die Wellington Straight ging. Räikkönen wurde weit heraus getragen, blieb auf dem Gas, verpasste aber den schmalen Korridor zwischen den Curbs und der Grasfläche. Dort traf er dann auf eine Drainage, der F148T versetzte und schlug mit einem wilden Haken frontal in die Leitplanken ein. Von dort wurde der Ferrari auf die Strecke zurück geworfen, mitten ins Feld, wo Massa den Ferrari nur deswegen nicht mit vollem Speed in die Flanke traf, weil er seinen Williams in einen Dreher zwang. Dennoch erwischte er den austrudelnden Wagen und zerstörte sich dabei die rechte hintere Aufhängung. Räikkönen konnte den Wagen zwar verlassen, humpelte aber stark. Im Hospital wurden dann Prellungen am Knöchel und am Knie festgestellt. Der Finne hatte viel Glück, die Blackbox zeichnete eine Aufprallenergie von 47 G auf.

Noch mehr Glück hatte Max Chilton. Zwar blieben die Räder am Ferrari, allerdings lösten sich zwei Reifen von der Felge. Einer davon traf die Front des Marussia. So ein Reifen wiegt ohne Felge immerhin noch vier Kilo – er zerstörte die Bremsbelüftung des Briten und man mag sich nicht vorstellen, was hätte passieren können. Die Formel Eins ist mal wieder knapp an einem schlimmeren Unfall vorbeigeschrammt. Räikkönen sollte für das Rennen in Deutschland wieder fit sein, ob er den Test diese Woche in Silverstone wird fahren können, ist allerdings mehr als fraglich.

Die Brücken in Silverstone sind weiterhin ein Sicherheitsrisiko. Auch wenn die Räikkönen-Stelle eher ungewöhnlich für einen Einschlag ist, müsste man sich doch bei Engstellen generell überlegen, ob man diese nicht besser schützt. Relativ erschrocken war ich über den Umstand, dass die zweite Brücke auf der Hangar Straight weiterhin nur mit einer Mauer abgesichert ist. Der Unfall von Simon Dolan vor einigen Wochen an genau der Stelle hätte eigentlich eine letzte Warnung sein müssen. Wäre hier ein F1 mit deutlich höherer Geschwindigkeit eingeschlagen… Man mag es sich nicht vorstellen. Mauern an einer solchen Stelle sollten zumindest mit TecPro oder Safer-Barriers abgesichert werden.

F12014SIL_HZ05513Das Rennen selber nahm dann vorne den Verlauf, den man erwarten konnte. Die Mercedes waren in Silverstone mal wieder derartig überlegen, dass sie dem Rest des Feldes rund 1,5 Sekunden abnehmen konnten. Doch einen ruhigen Nachmittag sollte Nico Rosberg vorne nicht haben. Den ersten Stint konnte er in Führung absolvieren, doch von hinten nahte relativ schnell Teamkollege Lewis Hamilton, der nach seinem Fehler in der Qualifikation schnell P2 einnehmen konnte. Interessanterweise fuhr der Brite die Lücke zu Rosberg zunächst zu, ließ es dann aber beim üblichen Abstand von 3 Sekunden bewenden. Der Hintergrund hierfür: Strategie. Mercedes hatte beide Fahrzeuge auf unterschiedliche Strategien gesetzt. Rosberg sollte Medium, Medium, Hart fahren, Hamilton Medium, Hart, Medium. Auf dem Papier hatte Rosberg mit der etwas aggressiveren Strategie gleich zwei Vorteile. Zum einen war sein erster Stint kürzer, zum anderen sollte er am Ende mit den “Hart” einen Reifen haben, den man auch hart rannehmen konnte. Wie gut die harte Mischung war, zeigte aber Hamilton im zweiten Stint, als er Rosberg plötzlich bis zu einer Sekunde pro Runde abnehmen konnte. Obwohl der Brite durch den deutlich späteren Stopp Zeit verlor, konnte er den Rückstand nach ein paar Runden wieder eindampfen. Wobei man natürlich in Betracht ziehen muss, dass Rosberg zu diesem Zeitpunkt schon Probleme mit seinem Getriebe hatte.

Die Frage ist natürlich, wie die Strategie von beiden am Ende ausgegangen wäre. Aber da lässt sich kaum eine Aussage treffen. Im Grunde sah Hamilton am Wochenende schneller aus als der Deutsche, aber im Rennen wäre die Situation dann wieder eine andere gewesen. Es machte den Eindruck, als sei die harte Mischung am Ende die bessere Wahl gewesen, wie auch die McLaren zeigten. Vielleicht wäre Hamilton in Führung gegangen, am Ende hätte er aber vermutlich die “Medium” auf dem Wagen gehabt, also Vorteil Rosberg. Es wäre allerdings für Rosberg schwer gewesen, den offenbar extra hochmotivierten Lewis hinter sich zu halten. Nach dem Ausfall des Teamkollegen konnte der Brite sein Rennen dann gemütlich zu Ende fahren.

_J5R8605Die, wegen der schon schmerzhaft dämlichen Fehler von Ferrari und Williams in der Qualifikation, durchmischte Startaufstellung, versprach schon vor dem Rennen ein Menge Action. Und man wurde nicht enttäuscht. Nach dem Ausfall von Räikkönen und Massa pflügten dann Alonso und Bottas durchs Feld. Vor allem Bottas beeindruckte im FW36 in den ersten Runden, indem er einen Konkurrenten nach dem anderen stehen ließ und sich innerhalb des ersten Stints schon in die Top 3 fahren konnte. Williams hat in den letzten Wochen einen ziemlichen Schritt nach vorne gemacht. Zu Beginn der Saison hatte man noch Probleme mit dem Reifenverschleiß, doch das ist nun Vergangenheit. Was bedeutet, dass die Fahrer nun früh attackieren können, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, ob die Reifen am Ende des Stints auseinanderfallen. Die letzten beiden Rennen haben deutlich gezeigt, dass Williams auf den schnellen Strecken die Nummer Zwei hinter Mercedes ist. Die Fahrt von Bottas war schon sehr beeindruckend, am Ende hatte er sich einen bequemen Vorsprung herausgefahren, ohne vorne allerdings Hamilton gefährden zu können.

140108gbrFernando Alonso hatte mit Sicherheit kein langweiliges Rennen. Der Ferrari war in Silverstone überraschend schnell. Überraschend deswegen, weil das Auto bisher einen Speednachteil hatte. Doch die Überholmanöver von Alonso zeigten, dass der Leistungsnachteil seines Motors offenbar nicht mehr so groß ist wie noch zu Beginn der Saison. Hing er in Kanada noch chancenlos hinter einem Toro Rosso und war man den Force India unterlegen, passierte er diese in England relativ leicht. Das hat man in dieser Saison so noch nicht gesehen.

Auch der sensationelle Kampf mit Sebastian Vettel dürfte Ferrari gefallen haben. Man war mit dem Red Bull auf Augenhöhe und zeitweise sogar etwas schneller. Ferrari hatte sich nachträglich betrachtet für die falsche Reifenwahl entschieden. Man fuhr den “Hart” bis zur Mitte des Rennens und wechselte dann auf die “Medium” mit einer Ein-Stopp-Strategie. Das war angesichts der Startposition 16 von Alonso eine denkbare Option. Ferrari spekulierte auf ein Rennen, in dem man Probleme haben würde, an der Konkurrenz vorbei zu kommen. Die Strategien von Force India und Toro Rosso haben in den letzten Rennen gezeigt, dass man mit einem langen ersten Stint weit ins vordere Mittelfeld fahren kann, wenn man denn von ganz hinten starten muss. Sergio Perez hat dies in diesem Jahr mehrfach gezeigt. So war die Idee also nicht falsch, aber man rechnete halt nicht damit, dass man am Ende um P5 kämpfen würde. Und das gegen einen Vettel, der frische “Medium” auf dem Auto hatte.

Das Duell war dann immerhin sehr schön anzusehen. Man sieht ja nicht jeden Tag zwei mehrfache Weltmeister so hart miteinander kämpfen. Das Gejammer über den Funk (“Der war über der Linie!”) nahmen beide Fahrer nach dem Rennen im Übrigen mit Humor. Es sei halt eine Menge Adrenalin im Spiel gewesen, meinten Vettel und Alonso in den Interviews und grinsten dabei übers ganze Gesicht.

Dabei konnte Red Bull nicht zwingend zufrieden sein. Daniel Ricciardo, der von P8 gestartet war, lag am Ende auf P3, Vettel nur auf P5. Auch das Weltmeister-Team leistete sich bei Vettel einen strategischen Fehler, indem man ihn zu früh an die Box holte und er so im Verlauf des Rennens mehrfach an der Konkurrenz vorbei musste. Das war dann auch der Grund, warum er hinter Alonso landete und sich das Duell entwickelte. Erst kassierte ihn der Spanier in einem sehenswerten Manöver in Copse, dann verlor Vettel hinter dem Ferrari zu viel Zeit. Aber man sollte sich nicht beschweren, immerhin sah man so eines der besten Duelle des Jahres, das die britische Regie auch ausgiebig präsentierte.

Bemerkenswert gut waren die McLaren unterwegs. Button verpasste das Podium nur knapp. Hier lag vermutlich, ebenso wie bei Magnussen, ein strategischer Fehler vor. Man ließ beide erst dann “von der Leine”, als es schon fast zu spät war. Ob das etwas mit der Spritmenge zu tun hatte oder ob man befürchtete, dass die Reifen am Ende eingehen würden, ist dabei nicht klar. Magnussen hatte vielleicht gegen Vettel und Alonso wenig Chancen, Button war allerdings auf den harten Reifen deutlich schneller als Ricciardo auf den “Medium”. Dennoch war es ein Lebenszeichen von McLaren, die sich laut Button vor allem in den Hochgeschwindigkeitskurven verbessert haben.

Schlecht lief es dagegen für Force India, die nicht wenige als Geheimtipp für das Podium auf dem Zettel hatten. Perez wurde am Start von Guiterrez abgeschossen, Hülkenberg hatte ebenfalls einen schlechten Start und konnte im gesamten Rennen die Pace von Ferrari, Red Bull und McLaren nicht halten. Das war angesichts der Startposition von Hülkenberg (P4) schon etwas enttäuschend. Überhaupt macht es in den Eindruck, als hätten die Inder im Moment eine kleine Formschwäche. Ob das an den Strecken liegt oder der Rest schneller entwickeln kann, wird man in Ungarn sehen.

Sauber, Marussia und Caterham bilden weiter das Hinterfeld in der F1. Sauber kommt, sicher auch mangels Geld für die Entwicklung, einfach nicht vom Fleck. Der Wagen bleibt zu schwer und zu langsam, Sutil motzt in jedem Rennen regelmäßig über die “unfahrbare” Bremsanlage. Guiterrez hat zum dritten Mal hintereinander eine Strafe aufgebrummt bekommen, dieses Mal konnte er durchaus aber was dafür. Sein Versuch, zu dritt in die letzte Schikane einzubiegen, war schon sehr optimistisch.

Bei Marussia gibt es weiterhin eine leicht aufsteigende Tendenz, auch wenn es bei weitem noch nicht dazu reicht, ins Mittelfeld vorzustoßen. Caterham bleibt das Schlusslicht und man darf gespannt sein, wie es mit dem Team weiter geht. Offenbar war es eine sehr kurzfristige Entscheidung von Colin Kolles, das Team zu übernehmen. Albers wirkte bei den Interviews wie jemand, der man eine Stunde zuvor mitgeteilt hat, dass er ein Formel-Eins-Team leiten soll. Kolles äußerte sich überhaupt nicht, schon gar nicht zu den Geldgebern. Auffällig war nur, dass “General Electric” als Sponsor auf dem Caterham verschwunden ist. GE baut die Motoren der Airbus-Maschinen, die Fernandes bei Air Asia genutzt hat. Kolles behauptete, dass Caterham gar nicht in Silverstone hätte antreten können, wenn er mit seinen Geldgebern nicht eingesprungen wäre.

Die Frage, die sich alle stellen: Welcher Geldgeber steckt (angeblich) 300 Millionen in den Kauf eines F1-Teams, ohne als Sponsor aufzutreten? Auf Twitter irrlichterten Gerüchte herum, dass Ecclestone den Deal eingefädelt hat und eventuell selber mit drin stecken könnte. Sein Gerede davon, dass niemand Caterham vermissen würde, er schon mal gar nicht, werten einige als Taktik, um potentielle Käufer abzuschrecken bzw. um den Preis zu drücken. Kolles und Ecclestone haben durchaus eine Geschichte, denn es war der Brite, der Kolles damals an HRT vermittelte und den spanischen Rennstall somit kurzzeitig rettete. Caterham ist als Team keine schlechte Investition, denn Fernandes hat in den letzten Jahres alles dafür getan, dass das Team eine der besten Entwicklungsstätten hat, die es gibt. Schlechter als Force India steht man jedenfalls nicht da.

Vielleicht wissen wir ja in 14 Tagen beim GP von Deutschland in Hockenheim wieder ein wenig mehr.


Bilder: Daimler AG, Red Bull/Getty, Ferrari, LotusF1, Force India, McLaren, WilliamsF1, SauberF1, Marussia, Caterham, Toro Rosso/Getty

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