Gleich die doppelte Dosis gibt es an diesem Wochenende für die Freunde der Le Mans-Sportwagen – dummerweise aber auch zur selben Uhrzeit.

Zwei Rennen von Serien aus dem ACO-„Universum“ am Samstagabend deutscher Zeit – eigentlich hatte man solche Termin-Kollisionen vermeiden wollen, aber in diesem Fall ließ sich das anscheinend nicht bewerkstelligen. Der Virginia International Raceway wurde auch erst spät in den Kalender aufgenommen. Die traditionsreiche Strecke, die von 1974 bis 2000 brach lag, wird zum ersten Mal von der ALMS befahren, schon allein das bringt Vorfreude auf das 4h-Rennen am Samstagabend. Dazu später mal, zunächst einmal zur WEC: Die neue Sportwagen-WM verlässt nun für diese Saison den europäischen Kontinent und macht sich zunächst auf den Weg nach Südamerika.

WEC

Das Autodromo Jose Carlos Pace sollte auch jedem Motorsport-Fan geläufig sein, und auch hochklassige Sportwagen-Rennen hat es dort bereits gegeben. Die Mil Milhas Brasil gibt es seit 1956 (wenn auch mit Unterbechungen), 2007 machte sogar die damals noch mehr als gesunde Le Mans Series einen Abstecher über den Atlantik. Das 1000km-Rennen gewannen Gene/Minassian im Peugeot 908. Diesmal wird das Duell Audi vs. Toyota lauten, und wie sich in Le Mans und Silverstone gezeigt hat, geht es zwischen den beiden eng zu. Toyota hat dem Wagen vor Silverstone einige Updates für mehr Downforce verpasst, darunter die umstrittenen Heckflügel-Elemente, die sie selbst als selbstverständliche Erweiterung der hinteren Kotflügel zu verkaufen versuchen.

Der größte Unterschied zwischen beiden sollte wieder im Verbrauch liegen, wo die Diesel trotz des kleineren Tanks einen Vorteil haben. Dabei ist zu bedenken, dass die Runde in Interlagos besonders kurz ist, sodass man strategisch sehr „fein“ agieren kann. Bei Audi ist Lucas di Grassi als Ersatz für Dindo Capello neu an Bord, sein Debüt vor Heimpublikum wird spannend zu beobachten sein, die mangelnde Erfahrung lässt allerdings vermuten, dass eher wieder ein Kampf zwischen den beiden Hybriden, der #1 und der #7, das Rennen bestimmt, mit besagtem leichten Vorteil für Audi. Dahinter gibt es den üblichen Kampf Rebellion vs. Die beiden HPDs von Strakka und JRM; Rebellion lag – mit dem Vorteil, zwei Wagen zu haben – in allen drei Europa-Läufen vorn und hat darum einen beachtlichen Vorsprung in der LMP1-Privatiers-Wertung.

Die LMP2 ist mit elf Fahrzeugen wieder einmal gut besetzt, wobei bis auf die beiden Kolles-Lotus (Lola-Judd) und den Gulf Racing Middle East-Lola-Nissan alle zumindest Chancen auf das Podium haben. Als Favoriten auf Rennsiege und den Titel haben sich vor allem die zwei Newcomer Starworks (HPD) und ADR-Delta (Oreca-Nissan) hervorgetan, wobei auch Pecom immer wieder stark ist, ohne aber bisher jemals den Sprung auf die oberste Stufe des Treppchens geschafft zu haben. Auch die beiden Oak Racing-Wagen (Morgan-Nissan) sind nicht zu unterschätzen, haben aber kaum noch eine Chance auf den Titel; gespannt sein darf man aber auf das Youngster-Trio Kraihamer/Baguette/Brundle, wobei letzterer neu im Team ist.

Die GTE-Klassen bieten, da Luxury Racing seit Silverstone mangels Geld fehlt, zusammen nur noch zehn Fahrzeuge auf, davon vier in der GTE-Pro, die aber allesamt an einem guten Tag siegfähig sind. Dennoch ist und bleibt der Ferrari 458 der stärkste der aktuellen Wagen, was AF Corse wieder in die Favoritenrolle bringt. Wie Rebellion haben auch die Italiener den Vorteil, ein Zwei-Wagen Team mit zwei starken Paarungen zu sein (Fisichella/Bruni und Bertolini/Beretta), weshalb ihr Vorsprung in der Teamwertung enorm ist. Letzteres Paar in der #71 hat nach dem Zusammenstoß in der letzten Kurve in Silverstone wohl auch noch eine Rechnung mit dem Aston Martin-Duo Mücke/Turner (Adrian Fernandez ist erstmal nicht mehr dabei) zu begleichen.

In der GTE-Am ist der AF Corse-Waltrip-Wagen diesmal komplett brasilianisch besetzt, mit Francisco Longo, Alexandre Negrao und Enrique Bernoldi. Longo ist schwer einzuschätzen, aber insgesamt dürfte dies eine starke Kombination sein, die das Team auch in dieser Klasse zum Podiumskandidaten macht. Um die Meisterschaft kämpfen allerdings andere: Larbre mit den zwei Corvettes, die in Silverstone zwar nicht wirklich schnell waren, aber durch Konstanz noch etwas nach vorn kamen, hat hier einen Vorsprung vor Krohn Racing (Ferrari), Felbermayr-Proton und AF Corse-Waltrip. Schwächeln die Corvettes aber weiterhin, was den Speed angeht, können die anderen diesen Vorsprung in den verbleibenden Rennen noch aufholen.

ALMS

Wie bereits erwähnt ist der 4h Lauf auf dem VIR noch nachträglich in den Kalender gerutscht. Die Strecke ist – wie so viele andere US-Rundkurse auch – spaßig zu fahren und anzuschauen, aber nicht ungefährlich. Die Auslaufzonen sind weite Graswiesen und gerade an denen Stellen klein, wo man sie sich eigentlich größer wünschen würde. Die Boxengebäude sind im hübschen US-Farmhouse-Design gehalten. Ursprünglich wollte die ALMS den „Grand West Course“ mit langer Infield-Schleife befahren, aber glücklicherweise hat man sich dagegen entschieden und die kompaktere Standard-Variante ohne endloses Geschlängel, aber dafür mit langer Gerade gewählt. Das sollte das Überrunden deutlich vereinfachen. Die Strecke beinhaltet einige markante Passagen: die ultraschnellen „Climbing Esses“, gefolgt von der „Oak Tree Corner“ mit doppeltem Scheitelpunkt, von denen der zweite je nach Tageszeit im Schatten einer großen Eiche liegt. Nach der längsten Gerade folgt dann eine Serie schneller und schwierig zu fahrender Bergab-Kurven. Die Amerikaner zählen 17 Kurven, für uns Europäer wären es ein paar mehr. Eine schnelle Runde onboard gibt es hier zu sehen.

Doch nicht nur die Strecke ist neu, auch auf technischer Seite gibt es etwas Neues: Wie erst heute Morgen bekannt wurde, rüstet Dyson Racing den stärkeren seiner beiden Lola-Mazda mit einem Hybrid-System aus. Man hat sich dabei für das rein mechanische Schwungrad-System des britischen Herstellers Flybrid entschieden; anders als etwa beim Audi-Schwungrad ist hier kein Elektromotor mehr zwischengeschaltet, die Energie wird über das Getriebe direkt mechanisch gespeichert und wieder auf den Antriebsstrang abgegeben (ausführlicher hier). Das System ist erprobt, dennoch ist das in der heißen Phase der Meisterschaft ein riskanter Schritt, da dem Team die Rennerfahrung mit dieser Technik fehlt. Begrüßenswert ist es aber allemal.

Doch Dyson muss etwas wagen, denn in beiden Meisterschaftswertungen liegt man hinter Muscle Milk, deren HPD schneller, aber zuletzt auch anfälliger war. Dennoch sind Graf/Luhr wieder als Favoriten einzuschätzen, auch wenn die zusätzliche Energie dem mit Mazda-Vierzylinder-Turbomotor ausgetstatteten Dyson-Lola etwas auf die Sprünge helfen wird. Da der zweite Dyson-Wagen, die #20 mit Marsal/Lux, in Baltimore die Klasse gewann, liegt die Mannschaft aus Poughkeepsie in der Teamwertung nur fünf Zähler hinter Greg Picketts Muscle Milk-Team, hier ist also noch alles offen, gerade weil es beim 4h-Rennen am VIR und besonders beim Petit Le Mans mehr Punkte zu holen gibt als in den kürzeren Läufen.

Die LMP2 ist leider wieder dünn besetzt, nur die zwei Level 5-HPDs und Conquest Endurance (Morgan-Nissan) sind am Start. In der Teamwertung ist die Sache aufgrund dieser Ungleichheit gegessen, allerdings haben die Conquest-Piloten Heinemeier-Hansson/Plowman noch eine gute Chance auf den Fahrertitel, hier fehlen nur fünf Punkte auf Tucker/Bouchut. Die LMPC wurde wir schon im Vorjahr vom Zwei-Wagen-Team CORE Autosport dominiert, die beide Titel sicher haben. Bennet/Brown und Popw/Kimber-Smith sind mit Junqueira/Drissi (RSR) und Franchitti/Junco (PR1 Mathiasen) auch wieder die üblichen Verdächtigen für Podium und Sieg.

Highlight ist – wie immer in der ALMS – die GT-Klasse, die hoffentlich mehr oder weniger unverändert auch Eingang in die neue, wiedervereinigte Serie finden wird. Spannend wird aber schon die Entwicklung für 2013, da eigentlich eine GTE-Am oder GT3-Klasse angedacht war. Das macht aber nur Sinn, wenn man diese auch ab 2014 auszuschreiben gedenkt, denn für ein Jahr wird sich kaum ein Teambesitzer ein neues Auto kaufen. Was das Sportliche angeht, sehe ich in Virginia die Corvettes vorn. Der Kurs dürfte diesen mehr entgegen kommen als den Heckmotor-Porsches, wobei mit Bergmeister/Long in der #45 immer zu rechnen ist.

Auch BMW (mit Summerton statt Hand, der wieder auf DTM-Exkursion ist) wird sich über die Distanz eher hinter den Corvettes einsortieren müssen, eventuell auch hinter dem Extreme Speed-Ferrari von Sharp/van Overbeek, da dieser Wagen auf schnellen Kursen bekanntlich sehr gut läuft. Allerdings bräuchte RLL-BMW noch dringend Siege, um in der Meisterschaft noch an Corvette Racing heranzukommen, doch hier sehe ich die Entscheidung eigentlich bereits gefallen. Die beiden SRT Viper fehlen am VIR leider, da man eh nicht um die Titel kämpft wurde der Vorbereitung auf das Petit Le Mans Priorität eingeräumt.

Wann und wo?

Wie schon erwähnt laufen leider beide Rennen am Samstagabend europäischer Zeit. Die WEC startet um 17 Uhr in Sao Paulo (12 Uhr Ortszeit) und fährt über sechs Stunden, bei der ALMS in Virginia gibt es um 20:30 Uhr (14:30 Ortszeit) die grüne Flagge. Beide Serien bieten offizielle Streams ihrer Rennen an, die, wie auch Timing, Entry Lists und alle weitere Infos, auf der jeweiligen Homepage zu finden sind bzw. sein werden (WEC / ALMS). Außerdem kann man wie immer die wunderschönen Spotter Guides von Andy Blackmore zur Hand nehmen, die er hier zu finden gibt. Mehr Details zur Übertragung gibt es außerdem in unseren TV-Terminen.

(Bildquelle: WEC)

 

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