Nach einem beeindruckendem Sieg für Ryan Hunter-Reay (und einer erstaunlichen Fehlleistung der Penske-Taktiker) wird das Finale in Fontana zum Zweikampf.

(c) Firestone Racing / Dennis Ashlock

Eine Portion Glück mit dem Wetter und ein ganzer Happen Kaltschnäuzigkeit beim letzten Restart: Das waren am Ende die Zutaten, die Ryan Hunter-Reay zu seinem Sieg beim zweiten “Grand Prix of Baltimore” benötigte. Darüber hinaus hat der schnellste US-Amerikaner im Feld gezeigt, dass er nicht nur zu Saisonmitte ein kurzes Zwischenhoch erreicht hat, sondern auch zum Ende der Jahres wieder glänzend in Fahrt ist. Weniger glücklich agierten in den Straßen der Ostküsten-Metropole Will Power und seine Penske Mannschaft. Die Entscheidung, auf halbnasser, aber schon wieder abtrocknender Piste Regenreifen aufzuziehen, entpuppte sich als kostspieliger Schuss in den Ofen. Fehlende Dynamik bei den Restarts zum Ende des Rennens kostete noch einmal ein paar Positionen. Das Penske-Team erwies sich mit letztlich unbegründeter Kritik an Hunter-Reays Restarts zudem als schlechter Verlierer. Das Ergebnis spendiert den Fans ein spannendes Finale bei den 500 Meilen von Fontana in eineinhalb Wochen.

Denn den ersten Matchball auf den Titel hat Power in Baltimore vergebeben: Wäre der Australier ein paar Positionen vor Hunter-Reay ins Ziel gekommen, was zur Hälfte des Rennens noch durchaus realistisch erschien, hätte er sich schon beim vorletzten Saisonrennen zum Meister krönen können. So muss der Rundkurs-Spezialist beim Oval-Finale hoffen, nicht zu weit hinter seinem auf Ovalen aussichtsreicheren Konkurrenten ins Ziel zu kommen. (Eine Vorschau auf das Finale mit sämtlichen Szenarios für den Meisterschaftsausgang folgt dann wie gewohnt in der kommenden Woche).

Da ist es gewiss auch ein schwacher Trost, dass die beiden anderen Titelaspiranten in Baltimore auch keine guten Rennen hinlegten, und nun endgültig das Rennen um die IndyCar-Krone 2012 verlassen müssen: Scott Dixon holte mit einem beherzten Finish nach unauffälligem Rennen immerhin noch einen vierten Platz. Helio Castoneves verwachste seinen Chancen mit einer rumpeltourigen Fahrt auf Rang zehn.

Insgesamt war es ein Rennen, bei dem sich nur wenige Piloten in ein positives Licht stellten. Und das liegt nicht nur an den zahlreichen Gelbphasen, die allesamt durch kleinere und größere Fahrfehler auf der zugegebenermaßen holprigen und nassen Strecke hervorgerufen wurden. Sogar sonst solide Piloten wie der in der Anfangsphase wieder einmal starke Sebastien Bourdais oder die unerschütterliche Simona de Silvestro schieden mit Fahrfehlern aus dem Rennen. Besonders bitter für Bourdais, der nach zwei unbelohnten Galavorstellungen bei den letzten Rennen sein Auto in Fontana an Teamkollegin Katherine Legge abtreten muss.

Auch in taktischer Hinsicht leisteten sich auch die großen und vermeintlich erfahrenen Teams teils haarsträubende Fehler. Penskes Idee, Will Power zwar im ärgsten Regen auf Slicks fahren zu lassen, ihm dann aber bei nachlassendem Niederschlag doch noch Regenreifen zu verpassen, war an diesem Sonntag nur eine von zahlreichen Fehlentscheidungen.

Überzeugen konnten dagegen einmal mehr Takuma Sato und Rubens Barrichello: Der Japaner holte sich zunächst auf halbnasser Strecke mit Slicks die Führung, und fuhr auch bei den Restarts ein zwar etwas zögerliches, sonst aber ungewohnt kontrolliertes und cleveres Rennen. Rubens Barrichello war dagegen ungewohnt anriffig unterwegs, und holte in der Schlussphase eines weiteren guten IndyCar-Laufes mit Rang fünf seine zweitbeste Platzierung in der Serie. Nach zwei starken Rennen scheint sich der Brasilianer schön langsam einzuleben – das Saisonende kommt für ihn nun vielleicht sogar etwas zu früh. Immerhin ließ er vor dem Rennen im Interview mit Reporter Robin Miller durchklingen, dass er auch 2013 wieder dabei sein wird. Dann allerdings wohl bei einer Honda-befeuerten Mannschaft.

Die Strecke

Ein Wort noch zur Strecke in Baltimore: Nach berechtigt heftiger Kritik hat sich der Kurs in dieser Saison von seiner besseren Seite präsentiert. In Kurve eins wurde der Radius erweitert – mit dem Effekt, dass Überholen dort jetzt ganz eindeutig möglich ist. Die 2011 noch brandgefährliche Schikane an der Boxeneinfahrt ist nun zu einer unbedenklichen, für einen Stadtkurs sogar recht interessanten Kurvenkombination geworden. Wenn man das Problem mit den Straßenbahnschienen und der Schikane am Anfang der Start- und Zielgerade noch in den Griff bekommt, dann ist Baltimore vielleicht sogar einer der besseren nordamerikanischen Stadtkurse.

Umso erfreulicher also, dass man Michael Andrettis Promotion-Firma, die die Austragung des Rennen kurzfristig übernommen hat, vermutlich einen Gewinn schreiben wird. Denn im Vergleich zum Vorjahr waren diesmal zwar weniger Fans an der Strecke – weil 2011 aber viele Fans unentgeltlich das Gelände betreten hatten, könnten es in diesmal Jahr vielleicht sogar mehr zahlende Zuschauer gewesen sein. Auch die innerstädtische Geschäfts- und Restaurantszene scheint mit dem Rennen in diesem Jahr deutlich zufriedener zu sein.

Kontroverse des Wochenendes™

…war diesmal das Thema Restart. Nachdem schon das ganze Jahr lang bei den Double File Restarts der IndyCar Series Chaos herrschte, und sich die Fahrer seit Long Beach darüber beschweren, von Frühstartern überholt zu werden, drängte das Thema in Baltimore endgültig in den Vordergrund.

Vor allem das Penske-Team beschwerte sich, Ryan Hunter-Reay habe beim letzten Restart den bis dahin führenden Ryan Briscoe irregulär überholt. Zeitlupenwiederholungen belegten das Gegenteil, Hunter-Reay hat also regulär gewonnen.

Das Problem mit dem Restarts ist deswegen aber nicht gelöst: Denn die aktuelle Regelung (oder zumindest ihre Interpretation), wonach nur bis zum Fallen der grünen Flagge und dem Erreichen der durch “Cones” gekennzeichneten Restart-Area nicht überholt werden darf,  ist ein massiver Nachteil für den Führenden. Denn während alle dahinter “früh ans Gas” gehen und auf eine baldige grüne Flagge spekulieren können, darf der Leader erst beschleunigen, wenn der grüne Flagge tatsächlich fällt. Die resultierenden Unterschiede im “Momentum” machen es meist unmöglich, bei Restarts die Führung zu behalten.

Zudem sorgt die Regelung auch weiter hinten im Feld für Chaos, wo überhaupt jeder dann aufs Gas zu steigen scheint, wenn er es für richtig hält. Es ist schwierig, bei Restarts (oder fliegenden Starts), ganz besonders mit Open Wheelern, die richtige Formel zu finden. Es handelt sich aber wohl um einen jener Bereiche, in der die sonst heuer massiv verbesserte Rennleitung der IndyCars 2013 noch deutlichen Raum für weiterem Fortschritt hat. Edit: Das findet auch die kanadische “Globe and Mail”, die dem Thema einen ganzen Artikel widmet.

Business 2013

Einige Nuggests aus einem Interview mit IndyCar-CEO Randy Bernard liefert der Internet-Auftritt der Zeitschrift Autoweek: Demnach spricht Bernard mit Dodge darüber, 2014 als dritter Motorenlieferant in die Serie einzusteigen. Zudem erhofft sich der Chef auch Zuwachs bei den Teams – vor allem durch Wechsel von Mannschaften aus der nun offenbar von der GrandAm (und damit der France-Familie) gekauften ALMS.

Gelöst scheint indes der lange schwelende Streit um die Kosten für Ersatzteile des neuen Dallara-Chassis. Der italienischen Rennwagenbauer hat sich mit der IndyCar offenbar informell auf eine Preisreduktion um 20 Prozent geeinigt.

Bleibt noch die Frage des Kalenders für das kommende Jahr. Barnard plant immer noch mit 19 Rennen – dieses Ziel dürfte sich aber nur durch einige Double-Header (also Rennen am Samstag und Sonntag) auf Rundstrecken erreichen lassen. Rennstreckenbetreiber und Teams sind von der Idee offenbar angetan – der Schreiber dieser Zeilen kann darin allerdings keinen so großen Mehrwert erkennen. Eine jener Strecken, die immer wieder als mögliche Kalender-Erweiterungen genannt werden ist Pocono – Streckenpräsident Brandon Igdalsky war auch in Baltimore wieder einmal vor Ort. Auch hier hat der Autor dieses Blogeintrages allerdings Bedenken – vor allem wegen den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen auf dem Traditionsoval in Pennsylvania.

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