Formel Eins: Vorschau GP Deutschland 2012

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Zwei Rennen sind es noch bis zur Sommerpause. Die könnten allerdings schon eine Vorentscheidung bei den Titelanwärtern bringen.

Es ist Halbzeit in einer WM, die sich als einer der abwechslungsreichsten Meisterschaften der letzten Jahre dargestellt hat. Sieben Sieger in sieben Rennen und mehr Fahrer als sonst können theoretisch noch Weltmeister werden. Zwar führt Fernando Alonso in WM noch deutlich, aber Mark Webber, Sebastian Vettel und auch Lewis Hamilton sind noch in Schlagdistanz. Doch gerade für den Briten dürften die nächsten beiden Rennen entscheidend sein. Kann er den Abstand auf Alonso nicht verkürzen, oder zumindest halten, dürfte die WM für McLaren gelaufen sein. 37 Punkte beträgt der Rückstand von Hamilton. Das ist noch aufzuholen, aber wenn McLaren im Rennen um den Titel bleiben möchte, muss man sich arg strecken. Und die letzten Rennen machten nicht den Eindruck, als sei das Team dazu in der Lage. Ein Hoffnungsschimmer bieten die neuen Teile, die McLaren mit an den Hockenheimring bringt.

“Neue Teile” ist dabei offenbar untertrieben. Die ersten Bilder zeigten, dass McLaren offenbar die gesamten Seitenkästen umgebaut hat. Das bedeutet dann wiederum, dass der gesamte Luftfluss im Heck neu gestaltet wurde. Interessant dabei ist, dass das nicht der erste Umbau des Hecks ist. Offenbar liegen die Probleme des Wagen genau da, denn bei der Front hat, abgesehen von der neuen Nase und Veränderungen am Frontflügel, keine größeren Eingriffe unternommen. Derartig große Updates können einen grossen Schritt nach vorne bedeuten, allerdings bergen sie auch die Gefahr, dass sie Daten liefern, die man erst mal analysieren muss. Eine perfekte Abstimmung ist schwer zu treffen, mit neuen Teilen wird das nicht einfacher. McLaren hat sich in Sachen Vorhersagen dann auch etwas zurück gehalten. Immerhin sollte die Strecke dem Wagen aber liegen.

In der Rolle des Favoriten sehe ich aber die Ferrari. Die nicht gerade anspruchsvolle Strecke von Hockenheim sollte dem F2012 in allen Belangen passen. Lange Geraden, wenig schnelle Kurven, enges Infield. Dazu ein gut aufgelegter Alonso und der Umstand, dass Pirelli am Wochenende die Mischungen Medium/Soft an den die Strecke bringt. Die harten Reifen liegen dem Ferrari nicht so gut, mit den Medium kann man aber lange Stints fahren, was die Strategie im Rennen deutlich erleichtert.

Das gilt aber auch für Red Bull. Der RB8 scheint nach dem jüngstem Update auch auf verschiedenen Strecken zu funktionieren, zu dem hat man den erhöhten Reifenverschleiss in den Griff bekommen. Auffallend ist, dass der runderneuerte Wagen sowohl Vettel als auch Webber zu liegen scheint. Der Australier fährt eine gute Saison, die etwas unter dem Radar geblieben ist. Aber zwei Siege plus die Menge an guten Platzierungen in Top 5 reichen in diesem Jahr, um ganz vorne mitspielen zu können. Es fällt aber immer noch etwas schwer, die Form von Red Bull auf allen Strecken einzuschätzen. Hockenheim bietet dem Auto zwar einige gute Stellen, vor allem das Motodrom und die Haarnadel, aber auch ein paar Schwachpunkte, wie die mittelschnellen Kurven und der Topspeed.

Das “dark Horse” ist mal wieder Lotus. Der auch deren Wagen funktioniert auf allen Strecken, Hockenheim sollte da keine Ausnahme machen. Zwei Dinge scheinen aber gegen Lotus zu sprechen. Erstens: Die mangelnden Updates. Lotus arbeitet offenbar am Rande des Budgets, große Veränderungen am Wagen hat man lange nicht mehr gesehen. Dazu kommt die Aussage von Räikkönen, dass man nahe dran sei, 100% aus dem Wagen heraus zu holen. Zweitens: Die falschen Strategien. Entweder ist man zu konservativ, oder man verschläft das richtige Fenster zum Reifenwechsel. Lotus weiß aber offenbar, dass man gegen Ferrari und Red Bull keine Chance hat, wenn man deren Strategie kopiert. Meist versucht man irgendwo im Rennen einen langen Stint einzubauen, was ab und an auch funktioniert. Aber es reicht eben nicht für den ersten Platz.

Von Mercedes erwarte ich am Wochenende nicht viel. Wenn es gut läuft, ist man auf Augenhöhe mit Lotus, ansonsten scheint man wieder auf einen Platz zwischen 5 und 8 zu landen. Dabei ist Abstand nach vorne gar nicht mal so groß, aber die es fehlen halt die nötigen vier bis sechs Zehntel um die Großen zu ärgern. Von außen betrachtet hat Mercedes gegenüber den letzten zwei Jahren keinen großen Fortschritt gemacht, aber das wäre insgesamt unfair. Eine Pole (mit Rückstufung von Schumacher in Monaco) und ein Sieg sind ein deutlicher Fortschritt, die anderen schlafen halt auch nicht. Was Mercedes fehlt ist ein echter Durchbruch. Den wird man in Hockenheim vermutlich auch nicht erleben, auch wenn die Strecke dem Wage eher entgegen kommt.

Hinter Mercedes wird es dann sehr eng. Force India, Williams und Sauber scheinen alle auf einem Niveau unterwegs zu sein, hier entscheidet eher die individuelle Strategie und die Form des Fahrers. Sehr schwer, die auseinander zu halten.

Spannend ist dann eher die Frage, ob Caterham den Aufwärtstrend der letzten Rennen fortsetzen kann. Man kommt, vor allem im Renntrimm, an die Toro Rosso ran. Vor allem Heikki Kovalainen macht einen sehr guten Job und schafft es immer wieder gute Rennen abzuliefern. Das nährt auch die Gerüchte, dass der Finne im nächsten Jahr seine Brötchen woanders verdienen könnte. Als möglicher Kandidat wird Sauber gehandelt, wo man unzufrieden mit Kobayashi zu sein scheint, der die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Was der Japaner nach einer möglichen Entlassung machen wird, ist unklar.

Aber immerhin ist es Caterham gelungen, sich von Marussia und HRT abzusetzen. Bei Marussia sitzt der Schock über den Unfall von Maria de Villota noch tief, auch wenn sich mittlerweile heraus gestellt hat, dass die Spanierin wohl einen Fehler begangen hat. Die technische Dokumentation des Unfalls konnte keinen Fehler am Auto feststellen.

Strategie:

Da die Boxenein- und Ausfahrt in Hockenheim recht kurz ist, kann mit der Strategie ein wenig spielen. Aber alles andere als eine Zwei-Stopp-Strategie macht vermutlich wenig Sinn. Der Zeitunterschied zwischen den Medium und der Soft-Mischung beträgt vielleicht 0,5 Sekunden, wenn Gummi auf der Strecke liegt vielleicht auch weniger. Aber die Renndistanz lässt eigentlich keine vernünftige Drei-Stopp-Strategie zu. Vermutlich wird man aber ein paar Ein-Stopper sehen, vor allem bei Sauber und Toro Rosso. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man damit nicht weit in die Top 10 vorstossen kann. Die besten Chancen sehe ich für ein Team, dass einen langen Mittelstint fährt und für das Rennen zwei Satz weiche Reifen übrig hat. Mit leichterem Auto kann man damit am Ende noch einige Plätze gut machen.

Etwas unglücklich ist in diesem Jahr die DRS-Zone. Statt die Erfassunglinie vor T2 zu liegen, ist nun nach dem Knick T4 schon fast auf der Parabolica. Die Zone reicht dann bis zum Anbremspunkt. Man kann aber vor und nach T2 mit einer unterschiedlichen Linienwahl viel Raum verlieren, daher ist der Messpunkt eher schlecht gesetzt.

Zahlen:

Setup: Medium/High Downforce. Man verliert auf der Parabolica mit wenig Topspeed zwar etwas Zeit, die holt man aber im letzten Segment der Strecke dafür locker wieder rein.
Top Speed: 325 km/h (mit offenem DRS), 316 km/h (geschlossen)
Vollgasanteil: 65% (Medium)
Benzinlast: 150 kg (Medium/Hoch)
Verbrauch: 2.33 kg/Runde (Medium)
Zeitverlust: 0,3 Sek/Runde pro 10kg Sprit
Bremsanteil: 15%
Bremsbelatung: Hoch
Boxenstopp: ca. 17 Sekunden

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About DonDahlmann

Don Dahlmann ist Journalist, Gründer & Chefredakteur des Racingblog.

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