Bedenkt man, wie winkelig die Strecke ist, muss man sagen: Auch in Toronto lieferte die IndyCar Series wieder ein gutes Rennen ab – das noch dazu die Meisterschaft spannender macht.

(c) INDYCAR/LAT USA

Das hätte nach der ersten Hälfte der Saison wohl kaum jemand gedacht: Weder Hondas Flagship-Team von Ganassi noch die Dauersieger von Penske Racing führen in der Meisterschaft – sondern der anfangs blasse Ryan Hunter-Reay von Andretti-Autosport, die in den vergangenen Jahren so lange nach ihrer alten Form gesucht hatten. Dass es nun nach den Rennen in Milwaukee und Iowa zum Hattrick gereicht hat, ist auch ein wenig Glück mit der Boxenstrategie und den Gelbphasen zu verdanken – völlig unverdient der Sieg in Toronto aber keineswegs. Auf den beiden weitern Podiumsplätzen wurden dann zwei Überraschungsmänner für starke Leistungen belohnt.

Schon das Training zum Rennen in der kanadischen Metropole lieferte einiges an Gesprächsstoff: Zunächst war die Frage der zur Verfügung stehenden Motoren in aller Munde – Scott Dixon etwa hatte schon vor dem Start des Rennens nur noch einen Motor für die letzten fünf Saisonrennen zur Verfügung – im Falle eines Wechsels drohte eine Rückversetzung um zehn Positionen.

Es sieht also ganz so aus, als würde sich die Motorenregel gegen Ende der Saison in ein entscheidendes Moment verwandeln. Was vielleicht nicht ganz ideal ist – denn vermutlich sind die meisten Fans eher daran interessiert, die Meisterschaftsentscheidung auf der Strecke zu sehen, als im Kommuniqué der Rennleitung über eine Straf-Rückversetzung.

Nicht sehr positiv leider auch das zweite Gesprächsthema: Justin Wilson war bei einem ziemlich merkwürdigen Unfall in der Boxengasse mit Sebastien Bourdais’ Boxencrew kollidiert. Dabei wurden einige der Mechaniker verletzt – zum Glück handelt es sich um keine allzu groben Blessuren, so dass die Serie noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen ist. Es sollte aber dennoch als Warnschuss für die IndyCar dienen, vielleicht doch noch einmal zu überlegen, ob die aktuelle (unglaublich enge) Handhabung des Verkehrs in der Boxengasse nicht irgendwie sicherer gestaltet werden kann.

Und schließlich stellte sich noch die Frage, ob der neu eingeführte Boost-Knopf den womöglich etwas drögen Lauf auf der winkeligen Strecke etwas spannender machen könnte.

Und damit zum Rennen: Der Start verlief – so wie auch die ersten etwa 20 Runden – relativ ruhig. Dario Franchitti ging von der Pole Position aus vor Justin Wilson in Führung. Dahinter lagen Will Power, Scott Dixon, und der das ganze Wochenende über erstaunlich schnelle Sebastien Bourdais.

Diese Reihenfolge sollte allerdings nicht lange so bleiben. Denn schon in Runde neun löste sich Scott Dixons letzter Saisonmotor in Rauch auf – was dem Neuseeländer nicht nur eine gute Platzierung in Toronto kostete, sondern auch beim nächsten Rennen in Edmonton ein zusätzliches Handicap schaffen wird.

In Runde 19 kam es dann zur vermutlich unnötigsten Aktion des Rennens: Graham Rahal spielte bei einem (mutigen) Versuch seines Teamkollegen Charlie Kimball, ihn außenherum zu überholen den Silverstone-Maldonado und schickte seinen Teamkollegen in die Reifenstapel. Allerdings: Was zunächst für Kimball so aussah wie Pech, sollte sich im weiteren Verlauf des Rennens als glücklicher Zufall erweisen. Denn Kimballs Besuch in der Box eröffnete ihm auch eine neue Sprit-Strategie.

Außer einigen Geplänkeln im Mittelfeld war sonst erst einmal wenig los, so dass richtige Spannung erst mit dem Einsetzen der ersten Boxenstopps aufkam.

Als erster der vorne platzierten Piloten zollte Ryan Hunter-Reay dem Benzin-Fenster von 28-30 Runden schon in Umlauf 23 Respekt, als er erstmals die Box von Andretti Autosport ansteuerte.

Dass das restliche Feld brav auf der Strecke blieb, sollte sich bereits eine Runde später als Fehler erweisen: Denn dann fuhr Graham Rahal etwas zu schnell in Kurve sieben, und landete ausgangs derselben in der Mauer. Folgen: Rahal war draußen, und auf der Strecke folgte die erste Gelbphase des Rennens, die das gesamte Führungsfeld zum Boxenstopp nutzte.

Mit dem Resultat, dass Power, Franchitti und Co. nach dem Boxenstopp nur noch im Mittelfeld lagen, während Simon Pagenaud, der der Führung geerbte hatte, vorne munter drauflos fahren konnte – gefolgt übrigens von Ryan Hunter-Reay, der einige Runden nach Pagenaud in der Box gewesen war.

Nachdem es dann eine ganze Zeit lang so aussaht, als könnte Pagenaud Hunter-Reay davonfahren, drehte sich dieses Bild gegen Ende des Stints wieder um. Mit abgefahrenen Reifen war Hunter-Reay eindeutig der schnellste Mann in der Spitzengruppe – ein Vorteil, den er beim nächsten Reigen der Boxenstopps nutzte, um die Führung von Pagenaud zu übernehmen.

Runde 59 sollte einen weiteren Twist in der Meisterschaft bieten: Will Power kollidierte bei einem Überholversuch leicht mit dem Heck von Josef Newgarden und runierte sich dabei Teile seines Frontflügels. Pech im Unglück: Die Carbonteile lösten sich so unglücklich von der Karosserie, dass dabei auch noch Powers linker Vorderreifen kaputt ging. Power fiel eine Runde zurück – das Rennen des Australiers war damit – zumindest was die vorderen Plätze anging – gelaufen.

Während im Anschluss vorne Hunter-Reay und Tony Kanaan eilig (aber getrennt voneinander) dem Feld entkamen, bildete sich ab Position drei ein kleiner “Pagenaud-Train”, in dem es der spritsparende Franzose verblüffend lange schaffte, den erstaunlich schnellen Charlie Kimball sowie Justin Wilson, Ryan Briscoe und Josef Newgarden hinter sich zu halten.

Erst in Runde 72 gelang es Kimball schließlich, sich in einem sehenswerten Manöver während einer Überrundung an Pagenaud vorbeizuschmuggeln. Eine überraschend gute Performance des US-Youngsters, die am Ende mit seinem bisher besten Ergebnis belohnt werden sollte.

Mindestens ebenso gut war die Vorstellung von Josef Newgarden im Auto des unterfinanzierten Teams von Sarah Fisher – fast ohne Training auf diesem Kurs, denn sowohl das Training am Freitag als auch die Qualifikation hatte Newgarden nach technischen Problemen auslassen müssen. Leider blieb diese Leistung allerdings unbelohnt. Denn als auch Newgarden schließlich versuchte, Pagenaud im berüchtigten Turn drei zu überholen, zog dieser so weit nach innen, dass Newgarden im Inneren der Kurve auf den Dreck kam – mit dem Resultat, dass er (völlig unverdient) im Reifenstapel landete, und damit eine wahrscheinliche Podiumsplatzierung verlor.

Die Aktion von Pagenaud verstieß eindeutig gegen die für diese Kurve speziell definierten Blocking-Regeln, was dem Franzosen eine Durchfahrtsstrafe einbrachte. Eine Entscheidung der Rennleitung, deren Sinn wohl den meisten Zusehern klar gewesen sein dürfte – die Pagenaud im Interview nach dem Rennen aber ganz und gar nicht verstehen wollte.

Drei Runden vor Schluss kehrte dann beim letzten Restart des Rennens das Chaos in die Serie zurück: Zunächst schickte Carlie Kimball Sebatien Bourdais, der versucht hatte, ihn zu überholen, gleich in der ersten Kurve in die Mauer. Doch auch, wenn Bourdais das nach dem Rennen nicht verstehen wollte (“There were just too many idiots on the track today”), war die Kollision dennoch nicht Kimballs Schuld – denn der Amerikaner wurde bei der Einfahrt in die Kurve selbst von Mike Conway am Hinterrad getroffen, kam deswegen ins Rutschen, und traf erst dann Bourdais. Schade dennoch um eine beeindruckende Fahrt des französischen Altmeisters bei der Rückkehr in die IndyCar Series, nachdem er ja bei den Ovalrennen seinen Dragon Racing-Wagen an Katherine Legge abgeben hatte müssen.

Nur eine Kurve später kollidierten dann Dario Franchitti und Ryan Briscoe miteinander – während sich direkt neben diesem Unfall auch noch Pagenaud, Marco Andretti und Alex Tagliani ins Gehege, und ebenfalls auf der Strecke zu stehen kamen.

Daher: Zieleinlauf unter gelber Flagge. Ryan Hunter-Reay holte einen letztlich ungefährdeten Sieg, dahinter landeten der erstaunliche Charlie Kimball und der stets unauffällig verlässliche Mike Conway.

In der Meisterschaft…

hat nun Hunter-Reay die Führung übernommen. Dahinter liegt immer noch Will Power (-34), dem Helio Castroneves langsam aber deutlich näher rückt (-46). Alle anderen sind bereits mindestens einen Sieg von der Tabellenspitze entfernt – das gilt etwa für die Herren Dixon, Hinchcliffe und Kanaan. Meister Dario Franchitti liegt nur auf Rang acht, mehr als 100 Punkte (=2 Siege) hinter Hunter-Reay.

Weiter geht’s…

in eineinhalb Wochen auf dem umgebauten Flugplatzkurs im kanadischen Edmonton. Eine ausführlichere Vorschau auf dieses Rennen folgt dann vermutlich in der kommenden Woche in diesem Blog.

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