Die American Le Mans Series startet nach der Le Mans-Pause heute beim Northeast Grand Prix im Lime Rock Park voll durch.

Zwei Monate sind seit dem letzten Lauf in Laguna Seca vergangen. Die lange Pause ist deswegen nötig, weil jedes Jahr wieder – erfreulicherweise! – eine Reihe amerikanischer Teams den langen Weg nach Le Mans antritt, um sich beim Saisonhighlight mit anderen LMP- und GT-Teams aus aller Welt zu messen. Zwar waren das in diesem Jahr nur drei Teams (mit fünf Autos), doch konnten sich alle drei Chancen auf Klassensiege oder -podien ausrechnen. Daraus jedoch wurde diesmal nichts. Für diese und alle anderen Teams geht nun der ALMS-Alltag weiter – zunächst mit einem Rennen auf dem historischen Kurs von Lime Rock Park in der nordwestlichen Ecke Connecticuts.

Der Lime Rock Park ist eine kuriose Strecke, vor allem aufgrund der geringen Länge von nur knapp 2,5 km. Da es auch nur eine ordentliche Gerade, aber viele Kurven gibt, ist das Überrunden jedes Mal der Knackpunkt in diesem Rennen. Weder darf man sich zu viel Zeit lassen, noch zu große Risiken eingehen. Eine Runde ist in Lime Rock schnell verloren, außerplanmäßige Boxenstopps sollte man also in jedem Fall vermeiden. Durch die Ergänzung von zwei Schikanen (von denen in diesem Jahr aber nur die erste gefahren wird) vor einigen Jahren hat die Strecke leider etwas von ihrem Fluss eingebüßt, diese waren jedoch für die schnellen ALMS-Wagen aus Sicherheitsgründen notwendig. Ob sie – wie angedacht – auch das Überholen bzw. Überrunden vereinfachen, darf gern diskutiert werden. Neben diesen zwei langsamen Ecken gibt es aber weiterhin eine Reihe spektakulärer schneller Kurven wie die Downhill-Bend am Anfang der langen Start/Ziel-Geraden und die langgezogene Big Bend, die mehrmals den Radius ändert, an deren Ende. Onboard-Runden mit Patrick Long gibts hier zu sehen.

Die mehr oder weniger TV-tauglichen 2 Stunden und 45 Minuten Renndauer waren lange die Standard-Distanz der ALMS, bis 2010 ging stets wenigstens die Hälfte der Saisonläufe über diese Zeit. Mittlerweile gibt es keine Live-Übertragungen im konventionellen US-TV mehr, was den Offiziellen wohl etwas mehr Freiheit gab, die Distanz einiger Läufe (wieder) zu verlängern. Nun aber startet die ALMS mit drei 2h 45min-Rennen in Lime Rock, Mosport und Mid-Ohio in den Sommer.

Das Hauptaugenmerk wird auch diesmal wieder auf der GT-Klasse liegen, und zwar vor allem auf dem Kampf Corvette vs. BMW, der die Saison bisher bestimmte. Bei Corvette Racing dürfte sich nach dem missglückten 24h-Rennen, in dem man den Klassensieg durch ein loses Rad in der Nacht verlor, eine ‚Jetzt erst recht’-Mentalität einstellen. Nach den Siegen in Long Beach und Laguna Seca liegt die Mannschaft bereits vor dem BMW-Einsatzteam Rahal-Lettermann-Lanigan, und auch in der Fahrerwertung führen Gavin/Milner um sieben Punkte vor den BMW-Piloten Hand/Müller.

Porsche tut sich in diesem Jahr nicht nur in der ALMS schwer, auch das letzte Aero-Update (u.a. ein größerer Splitter) scheint daran nicht viel geändert zu haben. Bergmeister/Long können einiges durch fahrerische Klasse und Erfahrung wettmachen, aber selbst eine Podiumsplatzierung wie im Vorjahr wird schwer für das Siegerduo der Jahre 2006-2010. Denn dafür müssten sie sich auch gegen die beiden Extreme Speed-Ferrari 458 durchsetzen, denen – kurioserweise – eine Team-bezogene BoP-Erleichterung in Form eines größeren Lufteinlasses gewährt wurde. Kurios ist das vor allem, weil bisher nie BoP-Änderungen für einzelne Teams, sondern nur für Fahrzeugmodelle ausgesprochen wurden, und weil sie sowieso das einzige Ferrari-Team in der Serie sind. Warum also die IMSA den Hinweis „ESM Team Only“ ergänzt hat, ist (zumindest mir) ein Rätsel.

Das Prototypen-Feld ist wie gewohnt dünn: in der LMP1 kämpfen Muscle Milk – mit Luhr/Graf im sehr patriotisch angepinselten HPD – und Dyson um den Gesamtsieg. Für Dyson ist Lime Rock das Heimrennen, das Team hat seine Basis im nahen Poughkeepsie, NY. Trotz Lola-Insolvenz wird man weiterhin zwei Wagen an den Start bringen: ein aktuelles Modell für das Top-Duo Dyson/Smith und einen Vorjahreswagen für Lux/Marsal, die allerdings nicht aus eigener Kraft siegfähig sind. Zwischen den anderen beiden dürfte es jedoch spannend zugehen, wenn beide Wagen zuverlässig sind: im ersten Training trennten sie 0,035 Sekunden, in der Quali lag Dyson mit nur gut einer Zehntelsekunde vorn.

Daneben werden vier LMP2-Boliden am Start sein, zwei weniger als in Laguna Seca. Black Swan Racing ist das erste Opfer der Lola-Insolvenz, für das von Level 5 geleaste Vorjahres-Coupé fehlen schlichtweg die nötigen Ersatzteile. Timothy Pappas plant nun eine Rückkehr in die GT-Klasse und würde es gern sehen, wenn die ALMS auch die Unterscheidung in Pro und Am vom ACO übernehmen würde.  Der Radical-Ford von Libra Racing fehlt leider ebenso, aus unbekanntem Grund, es passt jedoch ins Bild von Ian Dawsons letzten gescheiterten Versuchen, in der Serie Fuß zu fassen.

So bleiben Level 5 mit zwei Wagen für Tucker/Bouchut und Tucker/Diaz, die dank ihrer Erfahrung Favoriten sind, und die beiden neuen Teams Conquest und Dempsey. Letztere bestreiten erst ihr zweites Rennen und könnten noch etwas Zeit brauchen, zur Konkurrenz aufzuschließen. Mit etwas Glück könnte allerdings auch der Oak-Nissan von Conquest um den Sieg mitfahren, im ersten Training waren sie immerhin die Klassenbesten.

Die Challenge-Klassen sind jeweils mit sechs Fahrzeugen besetzt. In der LMPC fehlen leider Muscle Milk und der zweite Merchant Services-Wagen, mit Tom Kimber-Smith sitzt ein schneller und prominenter Gaststarter im CORE Autosport-Oreca mit der #06. Er dürfte zusammen mit Alex Popow auch zu den Siegfavoriten gehören, CORE und Popow führen auch die beiden Meisterschaftswertungen in der Klasse an. In der GTC ist es sowohl in den Rennen als auch in der Meisterschaft stets eng und spannend. Neu dabei ist ein zweiter Green Hornet-Porsche, auf beiden tritt Teamchef Peter LeSaffre an. Alex Job Racing und TRG sind die Hauptkonkurrenten um die Titel.

Das Rennen startet heute Abend (Samstag) um 21 Uhr deutscher Zeit und wird ab 20:45 Uhr live auf alms.com gestreamt. Ein Live Timing gibt es ebenfalls dort, alle weitere Infos zum Rennen (inkl. Spotter Guide) sind hier zu finden.

Für die Zuschauer vor Ort sieht es leider etwas traurig aus: eigentlich war die Unlimited Racing Championship mit ihren CanAm-Retro-Autos als Rahmenprogramm vorgesehen, doch dazu wird es nicht kommen. Gründe wurden keine genannt, aber es ist zu vermuten, dass entweder die Produktion des Autos nur langsam voran geht oder dass schlichtweg Geld fehlt bzw. interessierte Teilnehmer mit Geld fehlen. Da die üblichen Rahmenrennserien IMSA Lites und GT3 Cup den Lime Rock Park auslassen, muss die ALMS also zwei Tage Programm ganz allein füllen. Entsprechend könnten bei einem Ticketpreis von 80$ (ca. 60€) die wunderschönen Naturtribünen diesmal deutlich leerer sein also sonst. Zumindest aber soll es morgen bestes Sommerwetter geben.

Zum Abschluss gibt es hier nun noch einige Bilder vom 6h-Rennen in Laguna Seca. Die ALMS ist mit dem Hochladen leider immer sehr langsam, sodass sie selten zeitig zur Rennanalyse verfügbar sind.

4,353 total views, 3 views today