Nach einer gigantischen Pause im Ausmaß von zwei Wochen kehrt die IndyCar Series auf die Rundstrecken zurück und beginnt ihre Mini-Kanada-Tournee in Toronto.

(c) INDYCAR/LAT USA

Wenn man es nicht wüsste, würde man es nicht glauben: Fast zwei Drittel der IndyCar Saison sind schon wieder vorbei. Nach einigen spannenden Ovalrunden wartet die Serie zum Rundstrecken-Comeback mit einer fast ausgeglichenen Tabellenspitze auf. Und auch knapp dahinter gibt es noch eine Reihe an Fahrern, die Chancen auf den Titel haben. Zum Ende der Saison könnte auch die einzig verbliebene Lotus-Pilotin Simona de Silvestro einen kleinen Aufwärtstrend verzeichnen: Entsprechend vor der Saison getroffener Vereinbarungen der Motorenhersteller durfte Lotus ein kleines Update für sein Triebwerk bringen. Dass gleichzeitig die beiden “schnelleren” Hersteller Honda und Chevrolet immer wieder mit Zuverlässigkeits-Problemen kämpfen, wird zwar Lotus trotzdem wenig nützen, sorgt im Endspurt aber immerhin für zusätzliche Spannung.

Am Start sind in Toronto die gewohnten 25 Piloten. Einzige Änderung gegenüber dem Lauf in Iowa: Bei Dragon Racing fährt plangemäß diesmal Sebastien Bourdais anstatt der nur für die Ovale verpflichteten Katherine Legge das Rennen.

Die Strecke in Tornoto ist mittlerweile einer der großen Traditionskurse des amerikansichen Open-Wheel Sports. Die CART fuhr hier seit 1986 in jedem Jahr ein Rennen, nach einer einjährigen Pause im Zuge der Wiedervereinigung 2008 kehrte die IndyCar Series ab 2009 auf den Kurs in der kanadischen Metropole zurück.

Die direkt an der Küste des Ontario-Sees, in einem sonst für diverse Messen, Jahrmärkte und Ausstellungen genutzten Park gelegene Strecke zählt zu den weniger überholfreudigen im IndyCar Kalender. Gleich nach dem Start führt der Kurs entlang des “Princess Boulevard” in eine ziemlich langsame erste Rechtskurve, die allerdings wegen ihres etwas merkwürdigen Kurvenprofils dennoch nur wenige Überholmanöver zulässt.

Kurve zwei, die fast unmittelbar im Anschluss folgt, ist noch schneller, und führt auf die längste Gerade des Kurses – die freilich dennoch nicht wahnsinnig lang ist. An deren Ende folgt dann die vermutlich beste Überholmöglichkeit der Strecke: Eine schnelle rechts-links-Kombination, die allerdings im vergangenen Jahr ebenfalls eher für Kollisionen als für spannende Duelle verantwortlich war. Vielleicht hilft ja in dieser Kurve heuer die Kombination aus neuem Auto, variierenden Reifen, Push-to-Pass und fehlender Blocking-Regel dabei, die Anfahrt in dieser Kombination etwas spannender zu machen.

Darauf folgt ein ziemlich verwinkeltes, aber in besten “Valencia”-Stil keineswegs langsames Geschlängel, das vor allem aus 90-Grad-Kurven besteht, und nur wenige Möglichkeiten für Posititonkämpfe bietet. Nach einer relativ kurzen Runde um den Kurs folgt dann auch schon wieder die Start- und Zielgerade.

Im vergangenen Jahr war der Kurs auf dem “Exhibition Place” Schauplatz eines epischen Schimpfduells zwischen Dario Franchitti und Will Power, nachdem sich die beiden in einer der engen Kurven in die Quere gekommen waren. Will Power bezeichnete seinen schottischen Meisterschaftskollegen damals auf Twitter als “princess”. Zu Alex Tagliani, mit dem Power ebenfalls kollidiert war, hatte er im Fernsehinterview zu sagen, dass dieser schon immer ein “wanker” gewesen sei.

Man darf in jedem Fall gespannt sein, wie sich die aktuelle Generation der IndyCar Wagen auf der Strecke im Süden Kanadas schlagen wird. Vielleicht ist es ja auch, wie so oft im laufenden Sommer, ein weiterer Fall, in dem eine Rennserie auf einer als etwas dröge verschrienen Strecke ein überraschend gutes Rennen zu Wege bringt.

Weil man auf der etwas winkeligen Strecke in Toronto traditionell nicht besonders gut überholen kann, holt die IndyCar einen guten, alten Bekannten zurück aus der Mottenkisten: Den Push-to-Pass Button.

Böse Zungen sehen dahinter allerdings auch noch ein anderes Motiv: Denn um den Einsatz der Technologie zu ermöglichen, wird der standardmäßgie Ladedruck von 160 auf 150 kPa heruntergefahren. Nur mit einem Druck auf den Boost-Knopf können dann wieder die normalen 160 kPa erreicht werden.In Zeiten, in denen alle Hersteller über die angeblich unrealistisch hohen Haltbarkeitsanforderungen für die Motoren klagen, und etwa ein Scott Dixon schon den fünften von fünf pro Saison erlaubten Motoren einsetzt, ist die geringere Standardbelastung sicherlich kein unerwünschter Nebeneffekt.

Im Hintergrund schwelt im Moment übrigens auch ein Disput zwischen Chassis-Hersteller Dallara und den Teams der IndyCar Series. Letztere werfen der italienischen Rennwagenschmiede vor, bei der Preiskalkulation für das neue Chassis unseriös vorgegangen zu sein. Weil die Teams verpflichtet sind, Ersatzteile nur bei Dallara zu kaufen (wo sie anscheinend zwischen zwei- und fünfmal soviel kosten als am freien Markt), hätten sich die Kosten für die Teams in dieser Saison weit über die geplanten Höhen verschoben. Ein von allen Teamchefs unterzeichnetes Schreiben an Dallara fordert nun deutliche Preisreduktionen – und droht damit, sonst einfach doch billigere Teile von Dritthändlern zu verwenden.

Im TV

…gibt es im deutschen Sprachraum “natürlich” auch in dieser Woche nichts zu von der IndyCar Series zu sehen. Drüben in Amerika ist zum vorletzten Mal ABC/ESPN für die Übertragung zuständig. Das ist allerdings zum Glück kein Grund zum Verzweifeln mehr – denn auch, wenn man nicht die Qualität von NBC-Sports erreicht, hat sich der Sender dennoch gegenüber dem Vorjahr deutlich gesteigert, und liefert mittlerweile recht sehenswerte Produktionen. Darauf, das Qualifying oder die Rahmenrennen verfolgen zu können, hoffen Fans allerdings vergeblich. Die Übertragung des Rennens am Sonntagabend beginnt um 18:30 Uhr, die grüne Flagge fällt vermutlich gegen 19:00 Uhr.

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