Nach einem weiteren spannenden Oval-Rennen in Iowa fängt die Meisterschaft 2012 fast wieder bei null an – mit einem Handicap für den Titelverteidiger.

(c) Firestone Racing / Dennis Ashlock

Nach allen Befürchtungen zum Saisonstart hat es die IndyCar Series geschafft: Die Rennen auf den Ovalen sind erfolgreich umgestaltet. Gefährliches Pack-Racing und dauernde Rad-an-Rad Duelle bei Vollgas scheinen passé. Stattdessen zählen Feingefühl am Gaspedal und mit den Reifen. Das bestätigte sich auch beim vorletzten Oval-Event dieses Jahres: Nachdem das Rennen – wie schon zuvor in Milwaukee – mit einer 40-minütigen Regen-Verspätung gestartet wurde, erfreute die IndyCar Series in Iowa mit einem weiteren spannenden Lauf. Nach dem zuvor mit Bauchschmerz erwarteten Rennmonat kommt nun schon fast so etwas wie Wehmut auf, wenn es in zwei Wochen wieder zurück auf die Rundstrecken geht. Immerhin: Auch abseits der direkten Renngeschehens ist für Spannung gesorgt. Insgesamt sieben Piloten sind nach neun Saisonrennen weniger als einen Sieg von der Tabellenspitze entfernt.

Noch etwas verbesserungswürdig präsentierte sich in Iowa derweil ein anderes Konzept: Die Heat Races, die erstmals das Qualifikationstraining ersetzten, strotzen nicht gerade vor Spannung. Vor allem die ersten beiden Gruppen, in denen es lediglich darum ging, wer als zehnter oder zwölfter Starter das Rennen aufnehmen würde, sind dringend verbesserungswürdig. Das letzte Heat Race war dann schon interessanter – und auch die Kämpfe um die Positionen spannender. Einfaches Mittel gegen die Fadesse: Könnten die Sieger der Heat-Races in den letzten Lauf aufsteigen, würde auch dort etwas mehr gekämpft – zudem wären die in den USA so beliebten Cinderella-Stories möglich, etwa dann, wenn der Heat-Race Sieger am Ende auf der Pole steht.

Das eigentliche Rennen begann dann gleich etwas spektakulärer – zwei Autos blieben nämlich schon in der Einführungsrunde stehen. Alex Tagliani musste mit Elektronikproblemen in die Box gebracht werden, konnte dann aber mit Rundenrückstand trotzdem starten. Deutlich schlimmer erwischte es Dario Franchitti: Der Motor, mit dem der Schotte zuvor das Indy 500 gewonnen hatte, löste sich in Rauch auf. Und das Rennen des Titelverteidigers war schon vorbei, bevor es so richtig begonnen hatte.

Dann ging es etwas ruhiger zur Sache – bis JR Hildebrand und Ryan Hunter-Reay in Runde 30 leicht kollidierten. Hunter-Reay konnte unbeschädigt weiterfahren. Hildebrand musste in der Box den Frontflügel wechseln, und verlor drei Runden. Schade, denn die folgende Aufholjagd des Kaliforniers zeigte, dass Auto und Fahrer zu deutlich mehr fähig gewesen wären. Nach nur 100 der 250 Umläufe hatte er schon wieder eine Runde aufgeholt, krachte dann aber etwas übermotiviert in die Mauer.

Fast-Auffahrunfälle, wie den zwischen Hunter-Reay und Hildebrand haben wir nun in dieser Saison schon öfter gesehen. Grund ist angeblich genau jene Einrichtung, die solche Crashes verhindern soll: Der lange Frontflügel und der Hinterreifenschutz, die zusammen nun nur noch einen deutlich geringeren Abstand zwischen den Autos erlauben. Wobei man das auch positiv interpretieren kann: Denn wer sieht nicht lieber ein paar kaputte Frontflügel im Jahr als ein abhebendes Auto?

Was schon in der ersten Rennhälfte klar wurde: Chevy ist zurück! Schon in Milwaukee war die kurzfristige Dominanz der Honda-Motoren gebrochen, in Iowa trieben sich fast nur von den amerikanischen Triebwerken befeuerte Autos an der Spitze. Penske und Andretti scheinen den Weg zurück an den Kopf des Feldes gefunden zu haben.

Auffällige Honda-Piloten waren (abseits des am Ende aus Gründen der alternativen Strategie führenden Scott Dixon) Justin Wilson und Simon Pagenaud. Wilson zeigte vor allem zur Rennhälfte, dass er mit der neuen Oval-Konfiguration der IndyCar Series besonders gut zurecht kommt. Und Pagenaud wusste mit Rang fünf im erst vierten Ovalrennen seines Lebens insgesamt sehr zu überzeugen.

Doch zurück zum Rennverlauf: Der nahm in Runde 69 eine erste dramatische Wendung, als ein Spotter-Fehler bei Will Power dazu führte, dass der Australier EJ Viso abräumte. Der Venezolaner war gerade dabei, Power innen zu überholen, als dieser unvermittelt auf die innere Linie zog – und das Rennen beider Piloten beendete. Viso kommentierte die Kollision mit deutlichen Gesten in Richtung Power und einem recht ärgerlichen Interview. Dario Franchitti, der nach seinem Ausfall einen Teil des Rennens auf NBC Sports mitkommentierte, bedachte das nicht ganz unberechtigt mit den Worten: “That’s a bit rich, coming from Viso”.

Power zeigte sich im Interview nach dem Crash verständig, und entschuldigte sich (“”Oh, shi…., now I see it”).

“Wir haben nochmal einen kleinen Sprung im Rennen gemacht”, denn bis Runde 150 ereignete sich dann – abseits des Ausfalls von JR Hildebrand – wenig Berichtenswertes. Damit soll nicht gesagt werden, dass das Rennen bis dahin langweilig war – ganz im Gegenteil. Nur an der Spitze gab es eben wenig Bewegung.

Das ganze änderte sich dann 100 Runden vor Schluss (also in Umlauf 150) ein wenig, als kurz vor den vorletzten Boxenstopps die drei Andretti-Piloten auf den Rängen zwei bis vier miteinander zu kämpfen begannen – und außerdem die Lücke auf den Führenden Helio Castroneves immer mehr schlossen.

Nach dem erneuten Boxenstop-Reigen lag dann Ryan Briscoe in Führung. Doch in Runde 178 wurde er in einer etwas ungestümen Aktion von Josef Newgarden abgeschossen, der versuchen wollte, sich zurückzurunden – aber wohl von der Geschwindigkeitsdifferenz zum Benzin sparenden Briscoe überrascht war.

Eine gute Gelegenheit für die Autos in der Spitzengruppe, noch einmal den Tank aufzufüllen. Außer für Scott Dixon, der gerade erst in der Boxen gewesen war, und auch so schon genügend Sprit hatte, um – mit etwas Glück –  bis zum Ziel durchzufahren.

Dass das auch wirklich funktionierte, ist vor allem der freundlichen Hilfe von James Hinchcliffe zu verdanken. Der Kanadier versenkte in Runde 196 eine mögliche Tabellenführung in der Safer Barrier, als er sich im der Dirty-Air seiner Vordermänner in die Mauer drehte. Dass er dabei Pagenaud und Wilson nicht abräumte, war schierem Glück und einer großartigen Reaktion von Wilson zu verdanken. Schlecht für den Kanadier – aber gut für Dixon, der wegen der Gelbphase nun endgültig bis zum Rennende durchfahren konnte.

Besonders bitter ist der Aufall im Lichte der letzten fünfzig Runden, in denen die Andretti-Autos eindeutig die schnellsten Wagen im Oval waren. Zunächst holten sich Marco Andretti und Hunter-Reay Helio Castroneves. 30 Runden vor Schluss erfolgte dann der Platztausch der beiden zu Gunsten von Hunter-Reay, der sich schließlich in Umlauf 137 die Spitze vom sparsam fahrenden Scott Dixon holte.

Kurz vor dem Ende sorgte dann Katherine Legge mit einem Dreher in die Mauer dafür, dass es keinen Schlusssprint mehr gab, sondern die Führenden unter Gelb ins Ziel rollten.

Alles in allem trotzdem ein verdienter Sieg für Hunter-Reay und die Truppe von Andretti in einem weiteren spannenden Oval-Rennen der IndyCar Series.

In der Meisterschaft hat der Lauf fast schon dramatische Auswirkungen: Will Powers Führung (286 Punkte) beträgt nun nur noch drei Punkte vor Doppelsieger Ryan Hunter-Reay (283), der seinerseits nur zwölf Zähler vor Scott Dixon (271) rangiert. Dahinter sind auch noch Helio Castroneves (261), Hinchcliffe (256), Pagenaud (246) und Kanaan (235) nur einen Sieg von der Spitze entfernt. In der Ovalwertung liegen Tony Kanaan und Hunter-Reay gemeinsam an der Spitze (136).

Ein Wort noch zur Übertragung: NBC Sports zeigte sich einmal mehr unglaublich bemüht, und lieferte in Iowa womöglich die bisher beste Übertragung der Saison ab. Wenn vorne einmal weniger los war, schaltete die Regie zu den Kämpfen im Mittelfeld. Gab es an der Spitze wieder Action, dann wurde das auch live gezeigt. Vorbildlich! Auch die Kommentatoren wirkten gut informiert, das Zusammenspiel mit dem in dieser Saison neu hinzugestoßenen Townsend Bell klappt mittlerweile prima. Dass sich Dario Franchitti nach seinem frühen Ausfall für etwa ein Drittel des Rennens in die Sprecherkabine setzte, war ein großes Geschenk für die Zuseher. Der Schotte mag zwar im Kommentieren noch etwas ungeübt sein – das was er sagte, war aber samt und sonders äußert aufschlussreich.

Und dann wurde noch eine weitere Entscheidung getroffen: Das ausgefallene China-Rennen wird nun doch nicht durch einen Lauf in Road America oder Michigan ersetzt. Die IndyCar Saison 2012 besteht somit aus nur 15 Events. Kleiner Ersatz: Das Saisonfinale in Fontana wird von 400 auf 500 Meilen verlängert. Zum ersten Mal seit CART im Jahr 2002 findet damit auf der kalifornischen Strecke ein Open Wheel-Lauf in dieser Länge statt. Im Vorfeld hatte es geheißen, eine Verkleinerung des Kalenders auf 15 Rennen könnte den Vertrag mit Seriensponsor IZOD gefährden, die dem Vernehmen nach ohnehin einen Grund suchen, die Partnerschaft mit der IndyCar zu beenden. Direkt im Anschluss an die Verlautbarung der IndyCar zeigte sich ein Sprecher von IZOD mit der Entscheidung allerdings zufrieden – man finde selbst einen verkleinerten Kalender auch besser, als einen womöglich unsicheren “quick fix” für das Problem.

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