Clint Bowyer drückte am Sonntag dem – mit nur zwei Cautions äußerst kurzweiligen – Sonoma-Rennen seinen Stempel auf und hätte ohne die alternative Strategie seines Teamkollegen Martin Truex Jr wohl noch mehr als die ohnehin schon beeindruckenden 71/112 Runden in Führung gelegen. Lediglich Kurt Busch konnte Bowyer ernsthaft unter Druck setzen.

Irgendwie ist in dieser Motorsportsaison alles ins Gegenteil verkehrt: Die sonst eher langweiligen Rennen sind 2012 plötzlich extrem spannend, siehe direkt zuletzt Pocono und Michigan oder auch Barcelona sowie Valencia in der Formel 1. Als Nächstes kommt die NASCAR auf dem sonst eher kontaktfreudigen Road-Course in Sonoma entgegen der Erwartung mit lediglich zwei Gelbphasen aus, weil sich das Phänomen der wenigen Caution nun auch auf die Rundstrecken zu übertragen scheint. Trotzdem war das Rennen am Sonntag richtig gut und vor allem der atemberaubende Kampf um die Führung gegen Rennende zwischen Clint Bowyer und Kurt Busch konnte für einen zähen Beginn mehr als entschädigen. Was die beiden (Oval-)Piloten da an Fahrkunst aufgeboten haben, war schon außergewöhnlich, während die Road-Course-Ringer und Spezialisten fast ausnahmslos untergingen.

Marcos Ambrose ist ein gutes Beispiel für diese Aussage, denn der eigentlich favorisierte Polesitter konnte seiner Startposition fast gar nichts folgen lassen und verlor die Führung bereits nach nur elf Runden: Mehrere Verbremser hatten schnell einen Bremsplatten zur Folge und auch später im Rennen konnte Ambrose die zwischenzeitlich verlorenen Positionen nicht mehr aufholen, weil ihm das Handling seines Wagen abhanden gekommen war. Platz 8 ist für den Australier eine absolute Enttäuschung und wahrlich kein realistisches Zeugnis seiner Fähigkeiten auf einer Rundstrecke.

Aber auch Jeff Gordon konnte sich am frühen Erbe der Spitzenposition von Ambrose nicht lange erfreuen, denn 13 Umläufe später übernahm der von Platz 6 gestartete spätere Sieger Clint Bowyer bereits erstmals das Ruder. Gordon traf es dann in Runde 72 übrigens noch ganz übel, als seiner #24 plötzlich der Sprit ausging. Vermutlich bekam man einfach beim ersten Boxenstopp in Umlauf 35 zu wenig Sprit aus der zweiten Tankkanne in den Wagen. Letztendlich reichte es für Gordon aber nach einer Aufholjagd mit gut zehn Runden frischeren Reifen (zusätzlicher Pitstop während der ersten Caution in Runde 84) noch zu Platz 6, was einer erfolgreichen Schadensbegrenzung entspricht.

Um die Boxenstrategien noch ein wenig mehr zu beleuchten: Fast alle Teams waren am Sonntag mit einer Zwei-Stopp-Taktik in den Runden 35 und 72 bei dem bereits erwähnten Benzinfenster von etwas mehr 35 Umläufen unterwegs. Damit legte man sich einen extrem langen letzten Stint zurecht, der so vermutlich auch nur durch die beiden (ersehnten) Cautions funktionieren konnte. Wie knapp es am Ende war, zeigte nach der Verlängerung auf 112 Runden Sieger Clint Bowyer, der beim obligatorischen Burnout ohne Sprit liegen blieb und zu Fuß die Victory-Lane betrat.

Eine alternative Strategie probierten lediglich Martin Truex Jr (22.) und AJ Allmendinger (9.) aus, die mit insgesamt drei Stopps immer nach jeweils ca. 25 Runden planten, womit ab Umlauf 75 wieder alle Wagen in derselben Sequenz unterwegs waren. Weil die zwei Gelbphasen erst im letzten Stint kamen, als die letzten Pitstops bereits absolviert waren, brachte ihnen der zusätzliche Boxenaufenthalt aber keinen Vorteil. Beide Fahrer konnten sich jedoch in den Top10 halten, wobei Truex noch in der letzten Runde mit einem Dreher blöderweise sein sicheres Top5-Resultat in die Tonne warf. Wären die Cautions günstiger gefallen, hätten Truex und Allmendinger am Ende auch weiter vorne stehen können, immerhin lag Ersterer aufsummiert 15 Runden lang in Führung.

Die bereits angesprochene erste Gelbphase löste Tomy Drissi in Runde 82, als er im letzten, kurvigen Abschnitt zwischen Turn 8 und 9 die #10 von Tommy Baldwin Racing in der Leitplanke versenkte. Unter anderem nutzten dann sofort Brian Vickers, Tony Stewart, Marcos Ambrose, AJ Allmendinger, Matt Kenseth, Jeff Burton, Jeff Gordon, Carl Edwards, Jamie McMurray und Dale Earnhardt Jr die Gunst der Stunde, um sich neue Reifen zu holen und das Spritfenster auch ganz sicher zu schließen. Weil sich mit Clint Bowyer, Kurt Busch, Jimmie Johnson, Kyle Busch, Martin Truex Jr sowie Kasey Kahne lediglich die ersten sechs Piloten gegen einen zusätzlichen Boxenstopp entschieden, entpuppte sich die Strategie der neuen Reifen als gar nicht so schlecht.

Tony Stewart konnte den besten Fang machen, als er sich mit frischen Gummis schnell in die Top4 gefahren hatte und im Endspurt sogar noch fast Clint Bowyer gefährlich wurde. Hätte es eine weitere Verlängerung gegeben, wäre vielleicht sogar Stewart in der Victory-Lane gelandet, immerhin waren seine Reifen gut zehn Runden frischer. Letztendlich reichte er zwar „nur“ für Platz 2, was aber ziemlich gut ist, wenn man bedenkt, dass Smoke auf Position 24 ins Rennen gegangen war und bis zum Zusatzstopp nicht so richtig in der Spitzengruppe zu finden war.

In der folgenden Grünphase setzte sich Kurt Busch endgültig in Szene, als er rundenlang versuchte, Clint Bowyer mit teilweise beinharten und grenzwertigen Manövern die Führung abzuringen. Doch Bowyer überstand mehrere Bump-&-Run-Versuche sowie den zusätzlichen, permanent heißen Atem im Nacken und leistete sich keinen einzigen Fehler. Beide Fahrer lieferten hier eine absolute Meisterleistung und verdammt spektakuläres sowie spannendes Racing auf höchstem Niveau ab.

Bedenkt man, dass Kurt Busch am Samstag nicht eine einzige Trainingssitzung absolvierte, weil er sich zum Nationwide-Rennen in Road America befand, dann wertet das seine Leistung nur noch weiter auf. Leider hatte Busch dann seine Reifen mit dieser aggressiven Fahrweise pünktlich zur Verlängerung endgültig aufgearbeitet, weshalb er für Tony Stewart leichte Beute war und sich mit einem eigentlich starken, weil im unterfinanzierten Team herausgefahrenen – aber für ihn persönlich eher enttäuschenden – dritten Rang zufriedengeben musste. Eine weitere Ursache des späten Positionsverlusts war eine beschädigte Aufhängung an der #51, weil Busch während der Green-White-Checkered-Verlängerung in Turn 11 die innere Reifenbegrenzung touchierte.

Die angesprochene Verlängerung löste Kyle Busch (17.) nur vier Runden vor dem geplanten Ende aus, als er sein Auto beim Anbremsen von Turn 7a aus der Kontrolle verlor und Paul Menard (20.) abräumte. Weil die #27 von Menard danach länger stand, blieb NASCAR nichts anderes übrig, als noch einmal Gelb zu schwenken. Für Kyle war es ein eher nicht so gelungenes Finish, hatte er doch beim vorherigen Restart noch eine Top5-Platzierung inne.

Bei Joe Gibbs Racing hatte man am Sonntag ohnehin nicht viel zu lachen, denn lediglich Joey Logano (10.) fuhr am Ende für den Coach knapp in die Top10. Dabei holte sich Logano diese Position ausgerechnet auf Kosten seines Teamkollegen Denny Hamlin (35.), den er im berüchtigten Turn 11 umdrehte, woraufhin dieser mit einem Aufhängungsschaden aufgeben musste. Für eine potentielle Vertragsverlängerung hat Logano sich damit natürlich nicht empfohlen.

Besser lief es da natürlich für die Toyota-Konkurrenz bei Michael Waltrip Racing: Nicht nur konnte Clint Bowyer das Rennen völlig verdient gewinnen, auch ein starker Brian Vickers bewarb sich mit Platz 4 auf ein Vollzeitcockpit für 2013. Hätte Martin Truex Jr (22.) die letzte Runde überstanden, wäre MWR mit allen drei Fahrzeugen in den Top5 vertreten gewesen!

Hendrick Motorsports brachte mit Jeff Gordon (5.) und einem unauffälligen Jimmie Johnson (6.) immerhin zwei Piloten in die Top6. Dale Earnhardt Jr (23.) kam erwartungsgemäß nicht auf dem Rundkurs in Sonoma zurecht und war in der Verlängerung noch in ein Scharmützel mit Regan Smith (32.) sowie Aric Almirola (28.) verwickelt, was ihn durch einen Dreher weitere Plätze kostete. Kasey Kahne (14.) verpasste die Top10 und wurde zwischenzeitlich bei der Einfahrt in die Boxengasse vom Teamkollegen Gordon aufgehalten, als Letzterem der Sprit ausgegangen war.

Juan Pablo Montoya (34.) hatte massiv mit der Technik zu kämpfen: Zunächst fiel der Drehzahlmesser aus, sodass er die Anzeige für den Öldruck zum Abschätzen der Boxengassengeschwindigkeit verwenden musste. Anschließend musste das Team unter Körpereinsatz die EFI-Steuerung austauschen. Montoya verlor am Ende fünf Runden und kam nicht innerhalb der Top30 ins Ziel. seine zuletzt wieder aufgekeimten Chase-Hoffnungen dürften sich nun wohl endgültig erledigt haben. Das letzte Schlupfloch bleibt damit ein gleichzeitiger Gewinn von Watkins Glen sowie Indianapolis.

Ford blieb wie erwartet unauffällig und auch die besten drei Piloten aus diesem Lager waren mit Greg Biffle (7.), Marcos Ambrose (8.) sowie Matt Kenseth (13.) relativ vorhersagbar.

Die gesamten offiziellen Ergebnisse können hier inklusive weiterer Statistiken noch einmal bei Jayski.com nachgeschaut werden. Zum Abschluss folgt wie gewohnt die Übersicht zu den Punkteständen bei den Fahrern und in der Owner-Wertung (Achtung: Alles PDF-Dateien!).

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