Die 24 Stunden von Le Mans sind nicht nur das größte Autorennen des Jahres, sie sind auch ein gewaltiges Event, das ich in diesem Jahr auf Einladung von Nissan erleben durfte.

Dreizehn der 20 teilnehmenden Fahrzeuge in der hart umkämpften LMP2-Klasse wurden bei den diesjährigen 24 Stunden von Le Mans von Nissan-Motoren angetrieben, hinzu kommt Ben Bowlbys innovativer Delta Wing, zu dessen Verwirklichung Nissan auch mit dem Bereitstellen eines zum Konzept passenden Motors beigetragen hat. Entsprechend ließ sich der japanische Hersteller auch die Promotion dieses Großeinsatzes einiges kosten: etwa 400 Gäste aus aller Herren Ländern, darunter vor allem Händler der Marke und Vertreter verschiedenster Medien wurden eingeladen, bei diesem Event dabei zu sein und tollen Motorsport zu genießen – auch wenn es am Ende leider kein Happy End für Nissan und den Delta Wing geben sollte…

„I’ve been coming to this race for ten years – but I’ve never seen it!“

Dass Le Mans mehr als nur ein Autorennen ist, wird schon beim Blick auf die Besucherzahlen klar: im Vorjahr war es knapp eine Viertelmillion, 2012 war (vermutlich Peugeot- und wetterbedingt) ein leichter Rückgang auf 240.000 Zuschauer zu verzeichnen. Unter all diesen Menschen sind einerseits viele, die schon die ganze Woche an der Strecke campen und andererseits zahlreiche Gäste, die von den teilnehmenden Herstellern und Teams an die Strecke gebracht werden.

Die Delegation deutscher, österreichischer und schweizerische Nissan-Gäste einschließlich meiner Wenigkeit kam am Freitag gegen 13:30 Uhr mit dem Reisebus vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle am Circuit de la Sarthe an. Schon auf dem Weg zum temporären Nissan-Hotel an der Kartbahn machte ich mit dem Wahnsinn Bekanntschaft, der in Le Mans an der Tagesordnung ist: zwischen Zelten und Pyramiden aus Bierflaschen parken zum Teil teure Sportwagen, neu ankommende Zuschauer werden mit „Burnout!“-Schildern, Wasserpistolen und britisch-patriotischer Musik á la Pomp and Circumstance (damit erledigt sich auch die Frage nach der Nationalität des Großteils der Camper) begrüßt.

Ein guter Teil gerade dieser Besucher interessiert sich dabei bestenfalls am Rande für das Rennen selbst, in der Tram auf dem Weg zur bzw. von der Fahrerparade (die dank teils starkem Regen nicht so wirklich toll war) hört man Sätze fallen wie „I’ve been coming to this race for ten years – but I’ve never seen it!“ Für viele ist es das, was die besondere Atmosphäre von Le Mans ausmacht; mir persönlich dagegen ist es zu viel Party, die den Sport zu weit in den Hintergrund rücken lässt. Doch das ist Geschmackssache.

Das Leben als Nissan-Gast

Nissan trug auch seinen Teil zur Party-Stimmung bei, u.a. mit dem Sponsoring des Konzerts am Samstagabend sowie der Beschallung durch mit riesigen Boxen ausgestattete Nissan Jukes und DJs vom Ministry of Sound (u.a. am Freitagabend nach der Fahrerparade im Stadtzentrum!). Auf der anderen Seite konnte man als Gast eines Herstellers das Wochenende auch abseits des feiernden Volkes verbringen, wenn man das (so wie ich) vorzog. Der Service von Nissan umfasste u.a. ein temporäres Hotel, zwei Hospitalities, eigene Tribünen für die Fahrerparade auf dem Place de la Republique und Shuttles, die zwischen verschiedenen Punkten an der Strecke pendelten.

Das Hotel war ein riesiges Zelt mit Rezeption, Lounge und über 400 kleinen Einzelzimmern, die für den kurzen Aufenthalt mit allem Nötigen ausgestattet waren. Eine der Hospitalities lag neben denen von z.B. Audi, Aston Martin und Oak Racing an dem Verbindungsstück (daher Raccordement-Hospitality) zwischen Porsche-Kurven und Ford-Schikanen/Circuit Bugatti, hier befand sich der Speisesaal und fanden die Fahrerpräsentationen statt; die andere war deutlich besser platziert, und zwar direkt im Infield der Dunlop-Kurve, wo man sehr schöne Fotos schießen konnte.

Doch der größte Vorteil, den man als Gast eines Herstellers hat, sind sicherlich die privaten Shuttles: zahlreiche SUVs und Vans der jeweiligen Marke sowie Golfwägelchen transportieren die Gäste der Hersteller zwischen Hospitalities, Hotel, Paddock und anderen wichtigen Punkten hin und her. Da auch noch Shuttles und Busse des Veranstalters sowie einiger Camping-Organisatoren hinzukommen, herrscht im Infield der Strecke stets ein immenser Verkehr an Fahrzeugen, die sich ihren Weg durch die Massen von Zuschauern bahnen, die ebenfalls hier entlang wandern. Mit den Nissan-Shuttles gelangt man aber auch an Punkte, die für andere Zuschauer nicht erreichbar sind, so führen die Circuit Tours (die ich leider verpasst habe) u.a. zu einer eigenen kleinen Tribüne am Eingang der Porsche-Kurven und auch zur ersten Schikane an der Hunaudières-Geraden.

Sights…

Daraus wird schon deutlich: der Circuit de la Sarthe ist an sich leider nicht gerade die zuschauerfreundlichste Strecke. Das ergibt sich natürlich einerseits aus den gewaltigen Ausmaßen, andererseits sind auch viele Bereiche der Strecke (vor allem die, die den Rest des Jahres öffentliche Straßen sind) für die Zuschauer mit wenigen Ausnahmen (v.a. die Kurven Mulsanne und Arnage) unzugänglich. Hinzu kommen die zahlreichen Hospitalities, die Teile der Strecke unzugänglich machen, sowie die Campingplätze, die die ohnehin bei einer Streckenlänge von 13,8 km sehr langen Wege noch länger machen.

Das betrifft vor allem den spektakulären Streckenabschnitt von den Porsche-Kurven bis zu den Ford-Schikanen. Zwar gibt es schöne, erhöhte Aussichtspunkte eingangs der Porsche-Kurven und gegenüber der Hospitalities an der Verbindungsgeraden, doch um diese zu erreichen, sind Wanderungen durch den Wald entlang von Kleingartenanlagen und/oder über Campingplätze notwendig (währenddessen kann man natürlich sehr gut Radio Le Mans hören und sich über das Renngeschehen informieren).

Auch auf dem Weg zum Essen in der Hospitality oder zum Akku-Wechseln im Hotel ist man auf das Radio angewiesen – besonders gelohnt hat sich dabei ein Weg, der mich sogar vom Gelände der Strecke herunterführte, genauer gesagt auf das Gelände des angrenzenden Flugplatzes: Nissan spendierte allen Gästen einen Hubschrauberflug (anderthalb mal rund um die Strecke), und dieser war für mich tatsächlich das Highlight des Wochenendes! Aus der Luft werden einem die Ausmaße der Rennstrecke, die Größe des Events und die Geschwindigkeit der Autos (vor allem auf der Hunaudières) noch einmal bewusster – und es ist natürlich ein toller Platz zum Zuschauen und Fotographieren.

Der zuschauerfreundlichste Streckenabschnitt am Boden ist jedoch der permanente Streckenteil am Anfang der Runde, von der Dunlop-Kurve bis zur Tertre Rouge. Hier kann man an der Strecke entlang gehen (unterbrochen von einigen Tribünen und dem „Rummelplatz“ an der Dunlop-Brücke) und sich die Autos aus verschiedenen Perspektiven ansehen, ohne lange Umwege in Kauf nehmen zu müssen. Den Zuschauerhügel innerhalb von Tertre Rouge hat der ACO erst vor einigen Jahren aufschütten lassen, zuvor waren hier noch Kleingärten. Hier und an vielen anderen Stellen gibt es auch Großbildleinwände.

Während des nassen Warm-ups am Samstagmorgen (als die meisten Zuschauer noch in ihren Zelten schliefen) und während des Rennstarts sowie in der letzten Rennstunde war dies der Streckenteil meiner Wahl. Auch das Morgengrauen wollte ich bei Tertre Rouge oder an den Esses genießen – zu meiner Schande muss ich jedoch gestehen, diese beste Phase des Rennens verschlafen zu haben. Geplant war ein kurzes Nickerchen in der Nacht, doch dank der notwendigen Ohrstöpsel hat der Wecker leider seinen Zweck nicht erfüllen können…

…and Sounds

Apropos Ohrenstöpsel: ich trage an der Rennstrecke generell Ohrenstöpsel, aber selbst damit wird der Motorenlärm über die Dauer von 24 Stunden sehr anstrengend. Obwohl ich eigentlich nicht einmal ein großer Fan amerikanischen V8-Sounds bin, war ich doch bald jedes Mal froh, wenn eine Corvette anstatt eines kreischenden Ferrari 458 vorbeizog. Mein Favorit – zumindest unter den GT-Fahrzeugen – ist jedoch der Aston Martin Vantage V8, der etwas europäisch-gemäßigter bollert als die Corvettes.

Was die LMPs angeht, bevorzuge ich die Audi R18 mit ihrem V6-Turbodiesel. Mir ist bewusst, dass das viele überhaupt nicht verstehen können, aber ich finde es faszinierend, wenn ein Prototyp mit 300 km/h fast geräuschlos vorbeifährt und man den Wind und andere Geräusche, die so ein Fahrzeug von sich gibt, über das ganz dezente Diesel-Grollen hören kann. Sollten irgendwann einmal Rennwagen generell so leise sein, wird das sicherlich sehr gewöhnungsbedürftig; bis dahin allerdings bleibe ich ein Fan des „Diesel-Sounds“.

Unter den Benzinern ist der Toyota-Motor in den Rebellion-Lolas mein klarer Favorit, aber auch das Nissan-LMP2-Aggregat hat seinen Reiz. Und der halb so starke Motor im Delta Wing klingt ebenfalls alles andere als schlecht…

Der sportliche Aspekt

Wenn man gerade mal ein paar Meter von der Rennstrecke entfernt ist, hat man in Le Mans den großen Vorteil, dass man auf dem ganzen Gelände Radio Le Mans empfangen kann und so immer gut informiert und unterhalten ist. Ein Taschenradio gehörte darum auch zu dem „Rundum-sorglos-Paket“, das alle Nissan-Gäste in ihren Zimmern vorfanden. Im Zusammenspiel mit den Großbildleinwänden und Bildschirmen (und Timing-Screens!) in den Hospitalities konnte man so auch das sportliche Geschehen einigermaßen verfolgen, was direkt an der Rennstrecke sonst oft eher schwierig ist (gerade wenn man die Sprache des Streckensprechers nicht versteht).

Außerdem sind die Positionslichter an den Fahrzeugen, die vor einigen Jahren in Le Mans und den anhängigen Serien eingeführt wurden, eine tolle, zuschauerfreundliche Idee. Zwar weiß man (in einem Langstreckenrennen) oft trotzdem nicht, ob es sich nun um einen Zweikampf oder eine Überrundung handelt, aber so hat man zumindest ansatzweise einen Überblick über den Stand des Rennens in den verschiedenen Klassen. Wie spannend und eng es teilweise zuging, bekam man natürlich nur mit, wenn man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war…

Die Lämpchen des Starworks-HPD, der am Ende die LMP2 gewann, leuchteten leider nicht, sodass man nur über Radio Le Mans oder die Bildschirme erfahren konnte, dass dieser Wagen gerade führte. Dass das Starworks-Team am Ende siegte, ist aus Sicht meines Gastgebers selbstverständlich wenig erfreulich gewesen: zwar konnten Nissan-motorisierte Fahrzeuge die Plätze 2-9 erringen, doch die oberste Stufe des Podiums ging an Honda. Die besten Nissans kamen auch nicht aus einem der werksunterstützten Teams Signatech und Greaves, sondern von Thiriet by TDS und Pecom Racing.

Der Nissan-Delta Wing – Eine Heldengeschichte

Zahlreiche (teils sehr gut gemachte) Youtube-Videos (z.B. dieses), Titelseiten in Rennsportheften und Artikel in Mainstream-Nachrichtenmagazinen machten schon mehrere Wochen vor dem Rennen klar, dass Nissan vor allem den Delta Wing in den Mittelpunkt rücken wollte. Nein, die Japaner haben den Delta Wing nicht erfunden – die Idee stammt vom Amerikaner Ben Bowlby – doch Nissan hat den Mut gehabt, die Verwirklichung dieser lange belächelten Idee zu unterstützen. Meine Begeisterung für das Projekt war schon lange vor deren Einstieg im März diesen Jahres entstanden und ich bin froh, dass es der Delta Wing mit dieser Unterstützung (natürlich auch von Michelin und Don Panoz) tatsächlich bis nach Le Mans geschafft hat, woran auch viele Zweifel hatten.

Dass Nissan mit dem Delta Wing ein Maximum an Aufmerksamkeit zu generieren versuchte, wurde unter den puristischeren Motorsport-Fans ebenfalls vielfach kritisiert – immerhin handelte es sich doch „nur“ um einen Demo-Einsatz außerhalb der Klassen und Regeln. Doch die umfassende Promotion machte auch solche Menschen überhaupt erst auf die 24h von Le Mans aufmerksam, die sich vorher nie damit beschäftigt hatten! Auch wenn die nach dem Ausfall angeblich um 20% gefallenen Hörerzahlen bei Radio Le Mans ein Märchen waren: der Delta Wing half, neues Interesse für den Motorsport zu wecken.

Umso trauriger war es, dass sein Rennen schon am Samstagabend um etwa 21:15 unsanft beendet wurde, als Toyota-Pilot Kazuki Nakajima den Delta Wing im dichten Gedränge nach einem Restart in den Porsche-Kurven in die Mauer schickte. Ich saß zu dem Zeitpunkt in der Hospitality beim Abendessen, nur wenige hundert Meter vom Ort des Geschehens entfernt, als durch den Saal ein Aufschrei ging. Der Unfall war besonders bitte, da die Piloten des Delta Wing sich in den vergangenen Stunden alle Mühe gegeben hatte, den anderen Wagen aus dem Weg zu gehen. Was sich in der Folge entwickelte, war eine Heldengeschichte, wie es sie nur in Le Mans geben kann.

Da es dort – anders als z.B. bei den 24h auf der Nordschleife – nicht erlaubt ist, liegen gebliebene Wagen mit dem Abschleppwagen zurück in die Box zu bringen, musste Satoshi Motoyama, der zum Zeitpunkt des Unfalls am Steuer saß, sich allein an der Reparatur des Schadens versuchen. Durch den Zaun versuchten ihm hinzugeeilte Mechaniker seines Teams Anweisungen zu geben – mithilfe eines Dolmetschers, da Motoyama kein Englisch spricht – damit er den Wagen zumindest notdürftig zusammenflicken konnte, um ihn in die wenige hundert Meter entfernte Box zu schleppen. Auch ein Fotograf soll bei der Vermittlung zwischen Motoyama und den Mechanikern geholfen haben. Es flossen Tränen beim Japaner und sein Team versuchte, ihm durch den Zaun Mut zuzusprechen, doch nach 90 Minuten und mehreren Startversuchen wurde klar, dass beide rechten Aufhängungen zu stark beschädigt waren, um den Delta Wing an die Box zu bringen.

Die Nachricht vom endgültigen Ausfall bekam ich bei der von Nissan für seine Gäste organisierten Tour durch die Boxen von Greaves Motorsport und Highcroft Racing gegen 23:30 Uhr. Die Geschichte des heldenhaften Satoshi Motoyama verbreitete sich im Nissan-Hotel und den Hospitalities in der Nacht und auch noch am Sonntag und wurde auch von Nissan als Video hochgeladen:

Fazit

Gut 50 Stunden habe ich in Le Mans bzw. am Circuit de la Sarthe verbracht – in dieser Zeit kann man kaum alles sehen und machen, was angeboten wird (z.B. den ebenfalls von Nissan aufgebauten „Grandstand in the Sky“). Ich habe früh am Samstagmorgen angefangen, die Strecke zu erkunden und hatte bis Sonntagnachmittag noch lang nicht alles gesehen (außer natürlich vom Hubschrauber aus). Trotzdem war es ein tolles Erlebnis, und ich bin froh, dass Nissan mein Gastgeber beim ersten Besuch in Le Mans war, denn deren Angebote und Service haben es mir leichter gemacht, mich zurechtzufinden und möglichst viel mitzunehmen. Darum an dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an Nissan sowie die Presse-Abteilung des Nissan Center Europe!

Größter Wermutstropfen ist der frühe Ausfall des Delta Wing – und die Frage, ob wir ihn noch einmal auf dieser oder einer anderen Strecke sehen werden. Ich würde ungern sagen können, beim einzigen Rennen dabei gewesen zu sein, dass dieser Wagen je bestritten hat…

Die Bilder in diesem Eintrag sind allesamt Schnappschüsse von mir selbst. Für qualitativ bessere Fotos von Profis verweise ich auf Dons Rennanalyse ;-)

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