Ein in der Schlussphase sehr spannendes Indy 500 hat zwei Dinge bewiesen: Das neue Auto funktioniert auch am Oval. Und Ganassi und Honda sind zurück. [30.5.: Update zu TV-Quoten]

Das freut den Kappensponsor... (c) INDYCAR/LAT USA

Auch abgesehen vom großen Thriller der letzten zehn Runden war das 96. Indy 500 ziemlich gut anzusehen: Zahlreiche Zweikämpfe im ganzen Feld, das (abseits der beiden Lotus-Wagen) sehr eng zusammen lag. Die Windschattenschlachten, die an die besten Zeiten der Handford-Device in der CART Serie erinnerten, produzierten 35 Führungswechsel – das sind die meisten, die es je in einem Indy 500 gegeben hat. Leider erinnerten auch machen Unfälle ein wenig an die Zeiten der Hanford-Device. Wie schon im Training gab es einige Dreher am Ausgang der Kurven – was mit dem alten Auto noch ziemlich untypisch war. Vor allem aber ein schwerer Crash zwischen Mike Conway und Will Power zeigte, dass Dallara das Problem der seitlich abhebenden Autos noch nicht ganz im Griff hat. Auf der Rennstrecke meldete sich der bislang eher frustrierte Dario Franchitti (gemeinsam mit Honda und Ganassi) wieder kräftig zurück – auch, wenn er sich in der Schlussphase zahlreicher Angriffsversuche erwehren musste.

Am Ende war es ein richtiger Thriller: Zwei späte Gelbphasen sorgten für ein massiv zusammengestauchtes Feld, dass sich in den letzten Runden auf die Jagd nach den beiden führenden Ganassi-Autos machte. Zunächst mischte Ed Carpenter von Ende des Feldes kommend die Top 10 auf, dann drehte er sich von der Bahn. Bei folgenden Restart war es dann Tony Kanaan, der in einem erstaunlichen Manöver die Führenden überholte – doch auch der Brasilianer wurde schon bald wieder eingefangen.

Am Ende versuchte Takuma Sato, der das ganze Rennen lang schon erstaunlich gut unterwegs gewesen war, sein Glück – zwei Runden vor Schluss überholte er Scott Dixon. In Turn 1 der letzten Runde versuchte er auch, sich in einem waghalsigen Manöver an Franchitti vorbeizupressen – und drehte sich auf der weißen Linie in Richtung Mauer. Sato bemängelte nach dem Rennen, er sei von Franchitti blockiert, und zu weit nach innen gedrängt worden. Franchitti (und die Rennleitung) sahen im Manöver des Schotten die legitime Verteidigung seines Platzes – zumal er die Seite nur einmal gewechselt, und Sato zudem eine Wagenbreite Platz gelassen hatte.

Von dieser Auslegung der neuen Blocking-Regel mag man halten, was man will – sie verhindert aber immerhin die oft willkürlich anmutende Exekution der alten Regelung durch den früheren Rennleiter Brain Barnhard.

Eine andere Neuinterpretation der IndyCar Regeln ist dagenen äußerst diskutabel: Die neuen, langsameren “Single File”-Restarts mündeten zu oft im Chaos. Ein zusammengestauchtes Feld ergibt zwar spektakuläre Bilder. Wenn plötzlich vier Autos nebeneinander liegen, bietet das aber auch die Möglichkeit zu mindestens ebenso spektakulären (und leider auch sehr gefährlichen) Unfällen im “Pack” – genau das, was die Serie nach den Geschehnissen von Las Vegas dringend vermeiden wollte.

Das Rennen hat gezeigt: Vielleicht lag Chevrolet mit den Protesten gegen Hondas Motorenumrüstung doch nicht so daneben, wie nach dem Qualifying vermutet. Waren beim Start noch kaum Autos mit den japanischen Triebwerken vorne unterwegs, waren es beim Zieleinlauf 50% der Top 10. Ohne den späten Ausfall von Takuma Sato wären es sogar sechs von zehn gewesen – und wohl alle drei auf dem Podium. Dabei spielt nicht nur die pure Leistung eine Rolle, sondern auch der verbesserte Verbrauch der Honda-Aggregate. Man darf gespannt sein, ob sich der Trend auch auf der völlig anders gelagerten Strecke von Detroit fortsetzt (siehe unten).

Die beiden Ganassi-Piloten würde es sicherlich freuen. Dario Franchitti hat mit dem dritten Sieg beim Indy 500 eindeutig bewiesen, dass er mittlerweile auch mit dem neuen Auto zu Rande kommt – und das trotz eines Drehers in der Box, nachdem er vom ungestümen EJ Viso getroffen worden war. Ob es auch auf Rundkursen nun wieder klappt, wird sich am Wochenende weisen. Teamkollege Scott Dixon war bisher in dieser Saison etwas besser zurecht gekommen – umso mehr wird es ihn ärgern, dass er ausgerechnet beim wichtigsten Rennen 2012 das Nachsehen hatte.

Die große Enttäuschung des Rennens war wohl – einmal mehr in Indianapolis – Andretti (Autosport). Drei von fünf Autos (also alle “regulären” Piloten) hatten das Potenzial, um vorne mitzufahren. Aber Ryan Hunter-Reay fiel Mechanik-Problemen zum Opfer, und Marco Andretti verlor sein Auto in einem Dreher. Und der zuvor um die Führung kämpfende James Hinchcliffe kam nach einem verpatzten Boxenstop nicht mehr über den sechsten Platz hinaus. Dass er sich darüber nach dem Rennen massiv enttäuscht präsentierte, zeigt aber immerhin, wie weit es der Rookie des Jahres 2011 in seiner kurzen IndyCar Karriere schon gebracht hat.

Herausragenden Speed zeigten zwei unbelohnte Helden. Zum einen der schon erwähnte Takuma Sato. Zum anderen Ed Carpenter, der sich trotz eines defekten Frontflügels (!) lange Zeit als schnellster Pilot der Spitzengruppe präsentierte. Auch sein Rennen war nach einem Dreher in der Schlussphase des Rennens aber de facto frühzeitig beendet – Carpenter landete schließlich mit einer Runde Rückstand auf Rang 21.

Schließlich ist noch Rubens Barrichello zu erwähnen, der mit seinem elften Platz beim allerersten Ovalrennen endgültig in der Serie angekommen ist. Barrichello selbst bezeichnete das Indy 500 als Lernerfahrung – dass er trotzdem in der Spitzengruppe ins Ziel kam, und zum Teil sogar noch weiter vorne mitfuhr, zeigt welches Talent immer noch im F1-Pensionisten schlummert.

Für die Lotus-Piloten lief das Rennen dagegen exakt so unerfreulich wie erwartet: Jean Alesi, der sich, vermutlich um nicht erkannt zu werden, in Indianapolis als stereotyper Franzose verkleidet hatte, und Simona des Silvestro wurden wegen des fehlenden Speeds schon wenige Runden nach dem Start wieder aus dem Rennen genommen. Wie es mit dem IndyCar Engagement des anglo-malaysischen Herstellers nun weitergeht, steht in den Sternen. Die endgültige Kaltstellung des bisherigen CEO Dany Bahar am vergangenen Wochenende wird den verbleibenden Teams (und auch der Serie) aber wenig Anlass zur Hoffnung geben.

Meisterschaft

An der Spitze der Meisterschaft hat das Indy 500 wenig verändert – kein Wunder, konnte doch das Spitzentrio im bisherigen Verlauf der Saison noch wirklich überzeugen. Der Sonntags ausgefallende Will Power (200 Punkte) liegt immer noch an der Spitze, dahinter folgen (nun punktgleich) Helio Castroneves und James Hinchcliffe (164). Scott Dixon folgt als bester Honda-Pilot auf dem vierten Rang (153).

In der Oval-Wertung führt (wenig überraschend) Dario Franchitti (54), dahinter liegt (dank Pole mit 45 Zählern) Ryan Briscoe. Erst dann folgen Scott Dixon  (44) und Tony Kanaan (42).

Ratings & TV

Die TV-Ratings für das Indy 500 sind gegenüber dem vergangenen Jahr in etwa stabil, und lagen bei einem Overnight-Wert von 4.1. Die etwas exakteren, aber langsameren Zahlen des “Final Rating” sind momentan noch nicht bekannt. Halten die bisher bekannten Zahlen, handelt es sich um die zweitniedrigsten Quoten aller Indy 500-Ausgaben. [Edit, 30.5. Wie sich herausstellt, war das Final Rating diesmal besser als die Overnight-Zahlen: 4.3. Das ist sind die besten Zuschauerzahlen seit 2008. Dennoch bleibt im Vergleich zu jenen vom Beginn der 2000er-Jahre noch deutlich Luft nach oben. Man könnte nämlich mit gleicher Berechtigung sagen, dass es die viertschlechtesten Quoten eines Indy 500 sind - lediglich 2009-2011 waren noch schlechter.]

Zum Vergleich: 2011 lag das Overnight-Rating noch bei 4.3, das Final Rating (das sich stärker auch auf ländliche Gegenden und kleinere Städte stützt, in denen die IndyCar traditionell nicht so stark ist) betrug dann 4.0.

Damals saß allerdings noch eine Horde Danica Patrick-Fans vor der Glotze – der geringe Verlust in diesem Jahr ist also nicht ganz so schlecht wie die Zahlen klingen.

ABC/ESPN konnte zwar auch bei diesem Indy 500 das altbekannte Problem der “fast verspassten Restarts” nicht beheben, lieferten sonst aber eine tadellose Leistung. Möglicherweise profitierte man aber auch von der Tatsache, dass an der Spitze des Feldes so munter gekämpft wurde – denn mit den weiter hinten fahrenden Autos und Piloten beschäftigte man sich auch diesmal kaum.

Servus TV lieferte bei der IndyCar Premiere eine saubere Vorstellung, die auch für Einsteiger gut verständlich blieb. Bei der Vorberichten wurde manches von ESPN/ABC übernommen, aber auch selbst vor Ort produzierte Beiträge waren zu sehen. Während der Hymne und dem Command lief bei Servus TV Werbung – immerhin wurde aber beides sofort danach wiederholt.

Gleiches gilt für zwei jeweils unter gelb absolvierte Boxenstopsequenzen – Puristen mögen sich daran stören. Gelegenheitszuseher (oder solche ohne Möglichkeit, das US-Fernsehen zu verfolgen), waren aber wohl froh über die Wiederholungen.

Über die meisten Verbreitungswege wurde im Zweikanalton die englische Original-Tonspur angeboten. Auf deutsch lieferte Andi Gröbl eine routinierte und (zum Großteil) auch gut informierte Leistung als Kommentator. Der neben ihm postierte Experte Andreas Leberle konnte mit einigen interessanten Insider-Stories überzeugen, und erwies sich auch sonst als hervorragende Wahl. Die Nachberichterstattung lief dann nicht mehr besonders lang. Da man aber schon mit dem regulären Rennen die vorgesehene Sendezeit überzogen hatte, scheint das verständlich.

Kurzvorschau: Detroit

So bescheiden die Zuschauerzahlen aus Indianapolis auch sein mögen: Für Detroit könnten sie der Serie dennoch Auftrieb geben. Denn bei der Rückkehr auf den Belle Isle Circuit in der leider etwas maroden Motor City wird – wie schon am Wochenende – wieder ABC die TV-Übertragung übernehmen (Rennen: So., 21:30 Uhr, Green kurz danach). Das lässt zwar nicht unbedingt auf eine großartige Übertragung hoffen, aber immerhan darauf, dass sich einige Gelegenheitszuseher, die beim Indy 500 auf den Geschmack gekommen sind, ohne langes Suchen auf der Fernbedienung zuschalten könnten.

Dass sie dann auch auf dem Straßenkurs im Norden des Bundesstaates Michigan auf ihre Kosten kommen, ist allerdings leider nicht gesagt: Der etwas enge und winkelige Stadtkurs war in der Vergangenheit nicht unbedingt dafür bekannt, Überholmanöver zu generieren.

Die Ausgabe von 2007 wird als jenes Straßenrennen in Erinnerung bleiben, in dem Danica Patrick einen zweiten Platz einfahren konnte. Sie profitierte dabei von einer Kollision des Meisterschaftsaspiranten Scott Dixon (Ganassi) mit Buddy Rice, in die auch der zweite Meister-Kandidat (und spätere Sieger) Dario Franchitti (damals noch Andretti) wenige Runden vor Schluss des Rennens verwickelt war. Unschöne Anschuldigungen von Michael Andretti, der bereits havarierte Dixon sei absichtlich mit Franchitti kollidiert, blieben damals im Raum stehen.

Auch die Ausgabe 2008 ist ein Kontroversen-Klassiker: Der Führende Helio Castroneves wurde damals in eine der ersten Anwendungen der mittlerweile wieder revidierten Blocking-Regel verwickelt, als er den Zweitplatzierten Justin Wilson wenige Runden vor Schluss angeblich illegal am Überholen hinderte. Rennleiter Brain Barnhard sprach ein Machtwort, Castroneves musste Wilson vorbeilassen, und war am Ende stinksaurer Zweiter.

Seit 2009 wurden auf der Strecke keine weiteren IndyCar-Rennen abgehalten – vor allem im Zuge der großen Entlassungen und der Automobil-Krise im Herbst 2008 schien ein fröhliches Rennen in Detroit weder bezahlbar noch opportun. Seit dem Engagement von Chevrolet in der IndyCar Series ist das wieder anders – zumal sich auch Teambesitzer Roger Penske sehr für den Lauf dort engagierte.

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