NASCAR: Analyse Kansas April 2012

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173 von 267 möglichen Führungsrunden einzusacken ist unter Umständen zu wenig, um ein Rennen zu gewinnen! Diese Erfahrung musste am Sonntag Martin Truex Jr machen und sich Denny Hamlin geschlagen geben, welcher im Finale des STP 400 einfach die besseren Karten hatte. Die Frage nach dem Warum soll in diesem Artikel beantwortet werden.

In bester Monty-Python-Manier „kommen wir nun [aber zunächst] zu etwas völlig anderem“: Manchmal ist man überzeugt, schon alle Macken der Amis gesehen zu haben oder zumindest zu kennen. Man neigt dann zu dem Denken, dass einen jenseits des großen Teiches sowieso nichts mehr überraschen könne. Spätestens seit gestern ist diese Annahme aber falsch! Die Mehrheit der Leser wird vermutlich bereits verwundert das nebenstehende Bild inklusive Panzer bemerkt haben, auf dem – zu diesem Zeitpunkt – Brad Keselowski thronte. Äußerst skurril mag man meinen, doch es geht noch besser, denn ich habe am Sonntag kurz vor dem Start des Rennens die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt gedrückt und das folgende Bild geschossen:

Jeff Hammond, der in letzter Zeit von FOX offenbar Kilometergeld bekommt, um bei jedem Rennen die gesamte Strecke abzulaufen, brachte also an dieser Stelle den ersten Kandidaten für das Bild des Jahres 2012 ins Spiel. Nachdem man Hammond zu Gunsten von Michael Waltrip aus dem Hollywood-Hotel abgezogen hatte, bekam der hier im Chat oft als „Mr. Anabolika“ betitelte Moderator nun die Gelegenheit, sich im Außendienst teilweise arg zum Affen machen. Wie ich finde, wirken seine Auftritte des Öfteren unfreiwillig komisch, wobei er in dieser Saison schon viele interessante Szenen liefern konnte, unter anderem bei seinem Besuch im Truck der Strecken-Reparatur-Crew. Seine Fan-Gemeinde wird das obenstehende Panzer-Foto aber sicherlich kaum kleiner werden lassen!

Warum erzähle ich das überhaupt? Weil FOX damit die Szene des Rennens lieferte, bevor das Rennen überhaupt begonnen hatte und das wurde wie erwartet dann auch äußerst zähflüssig – ein wenig Abwechslung sollte also durchaus willkommen sein. In Kansas zeigte sich nämlich früh ein eher aus Fontana gewohntes Bild, denn nur die zehn Runden nach dem Schwenken der grünen Flagge bzw. den spärlichen Restarts sorgten für ordentliche Rennaction im Feld.

Das geringe Banking und die breite Strecke machten über den gesamten Tag allerdings unzählige Fahrlinien möglich, sodass der Fluss des Rennens jeweils schnell in den Kaugummi-Modus überging. So richtig kann ich mir jetzt auch nicht erklären, warum das Intermediate-Oval eine progressive Kurvenüberhöhung erhalten soll, denn die Linie oben an der Mauer entlang war doch mindestens genauso schnell wie der unterste Groove. Hoffen wir einfach, dass die nun eingeschlagene Lösungsvariante mit einer zusätzlichen generellen Anhebung des Bankings von 15° auf mindestens 17° sich am Ende als die richtige herausstellt.

Das Rennen an sich ist dann auch schnell zusammengefasst: Die ersten 44 Runden bestimmte der Polesitter AJ Allmendinger, bis er sich mit einem Problem am Gaszug während der ersten Serie der Green-Flag-Pitstops aus der Spitzengruppe verabschieden musste und am Ende nur 32. wurde. Dankbar übernahm sogleich ein am Sonntag sehr stark auffahrender Martin Truex Jr die Führung. Diese sollte er boxenstoppbereinigt auch bis zur Schlussphase vorerst nicht mehr abgeben. Jimmie Johnson versuchte sich zwar kurz nach Rennhalbzeit an Truex, allerdings gelang es ihm trotz rundenlanger Anstrengungen nicht, seinerseits die Führung zu übernehmen, denn die Clean-Air erwies sich in Kansas als äußerst vorteilhaft.

Die dritte und letzte Caution 80 Runden vor dem Ende des Rennens sorgte dann zum ersten Mal für richtig Aufregung, denn nicht alle Fahrer gingen für neue Reifen und Sprit an die Boxengasse, da man erst 10 Umläufe zuvor unter Grün die Pitcrews angesteuert hatte. Einer der Taker war in diesem Fall der bisher einzige Truex-Herausforderer Jimmie Johnson, womit er sich nach außerhalb der Top10 zurückkatapultierte. Die neuen Reifen erwiesen sich zwar als klar schneller, doch bis Johnson den Rückstand zur Spitze aufgeholt hatte, war das Rennen gelaufen. Mehr als einen dritten Platz könnte der Dauermeister nicht mehr einfahren.

Die Entscheidung, an die Boxengasse zu kommen, war trotzdem richtig, denn mit normalen Mitteln war im Rennverlauf nicht an Truex‘ Führung zu rütteln – man musste beim Team mit der #48 etwas riskieren. Vielleicht hoffte man auf eine Verlängerung oder zumindest späte Gelbphasen, in denen man dann den letzten notwendigen Boxenstopp hätte absolvieren können. Da es aber Grün blieb und nicht nach Cautions aussah, entschieden sich dann alle Ausreißer-Teams dazu, zu Beginn des letzten Spritfensters die alternative Strategie wieder aufzugeben. Ein Sprint über ca. 40 Runden unter Renntempo war somit die Folge.

Während Johnson also nach dem Experiment der letzten Gelbphase seinen Run bis auf Platz 3 hinlegte, übernahm Denny Hamlin die Truex-Verfolgung, da man sich bei der #11 von Joe Gibbs Racing ebenso wie der Spitzenreiter gegen einen Boxenstopp im Zuge der Caution entschlossen hatte. Direkt nach den finalen Boxenstopps konnte Hamlin dann Truex die Führung entreißen und sich auch in den Schlussrunden gegen mehrere verzweifelte Dive-Bomb-Versuche von Truex wehren.

Drei Gründe habe ich als entscheidend für Hamlins Sieg am Sonntag ausgemacht: Martin Truex Jr berichtete nach dem Rennen davon, dass er wohl im Gegensatz zu seinen ersten Stints keinen optimalen Reifensatz für das Finale erwischte. Zudem kam direkt nach den letzten Boxenstopps unter Grüner Flagge die Sonne noch einmal kurz heraus, wodurch das Gripniveau doch deutlich absank. Truex bekam Übersteuern, während Hamlins Toyota plötzlich gut lag und damit zum besten Auto im Feld mutierte. Dazu kam, dass der Meister-Crew-Chief Darian Grubb die #11 dann noch eine Runde vor der #56 an die Box holte, wodurch Denny Hamlin früh mit frischen Reifen Druck machen konnte. Truex‘ Pneus waren zwar am Ende noch konkurrenzfähig, jedoch war der Führende quasi längst enteilt.

Für Hendrick Motorsports sprang trotz des erneut verpassten 200. Sprint-Cup-Sieges eine gute Mannschaftsleistung heraus, denn neben Johnson konnten auch Dale Earnhardt Jr (7.) und Kasey Kahne (8.) in die Top10 fahren. Jeff Gordon (21.) schleppte sich hingegen mit Motorenproblemen und nur sieben Zylindern über die Distanz, war damit aber nicht der einzige Pilot mit hustendem Aggregat., denn auch die Toyota-Motoren von Mark Martin (33.) und Clint Bowyer (36.) machten besseren Ergebnissen einen Strich durch die Rechnung. Mal abgesehen von diesen Widrigkeiten präsentierte sich der japanische Hersteller aber deutlich besser als erwartet und konnte durch Hamlin sogar den ersten Erfolg für Toyota in Kansas überhaupt einfahren.

Die Plätze 4 (Matt Kenseth), 5 (Greg Biffle) und 9 (Carl Edwards) für die Truppe von Roush-Fenway Racing untermauerte aber zumindest meine Vermutung bezüglich der Stärke der Fords, auch wenn der Sieg dann letztendlich nicht über diese Marke ging. Ebenfalls sehr konstant betätigte sich erneut Kevin Harvick (6.) auf seinem Ein-Mann-Feldzug für Richard Childress Racing, während Kyle Busch (10.) die Top10 komplettierte und Brad Keselowski (11.) sowie Tony Stewart (13.) enttäuschend knapp außerhalb landeten. Juan Pablo Montoya (12.) und Jamie McMurray (14.) zeigten in Kansas, was derzeit an einem guten Tag maximal für Earnhardt-Ganassi Racing drin ist.

Für den aktuellen Stand in der Meisterschaft bitte ich alle Leser, sich bei den Links am Ende des Artikels durchzuklicken, da ich meine Lenkzeit hier schon wieder massiv überschritten habe. Stattdessen folgt an dieser Stelle noch kurz was zu den fehlenden Gelbphasen:

Es gab insgesamt nur drei Cautions, von denen sich die letzte als entscheidend hätte herausstellen können. In dieser Saison fällt im Allgemeinen auf, dass die Anzahl der Gelbphasen zurzeit stark im Rückgang begriffen ist. Man könnte gar meinen, die Cautions wären in den USA eine vom Aussterben bedrohte Spezies, nachdem auch die IndyCar Series seit diesem Jahr mehr auf lokale Yellows setzt. Wenn man sich die letzten vier Rennen in Martinsville, Fontana, Texas und Kansas mal rückblickend anschaut, hat das der Renndynamik in der NASCAR allerdings überhaupt nicht gutgetan.

Sicherlich mögen die Ursachen dafür auch darin zu finden sein, dass das derzeitige Hauptfeld innerhalb der Top35 verdammt eng zusammenliegt, was die Performance angeht. Die Ergebnislisten der erwähnten Rennen lassen sich sehr einfach mit einem Textmarker in klar getrennte Bereiche der unterschiedlichen Leistungsgrenzen unterteilen. Zudem waren auch Ausritte in die Mauer und Unfälle generell eher selten anzutreffen, denn abseits von der Clint-Bowyer-Situation in Martinsville sind im letzten Monat nicht viel mehr als leichte Mauerstreifer die Norm gewesen.

Bisher haben auch die neuen EFI-Systeme kurioserweise für mehr Motoren-Schwierigkeiten bei weniger Gelbphasen gesorgt und ich hätte zudem nicht gedacht, dass ich die Mystery-Cautions wegen Debris mal so vermissen würde. Ich bin mir jedoch sicher, dass sich das Problem von alleine wieder einrenken wird, wenn jetzt mit Richmond, Darlington und auch Talladega wieder interessantere Strecken im Kalender folgen. Spätestens im neuen Jahr bieten dann ja auch die überarbeiteten Cup-Silhouetten wieder Potential für Veränderung, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Die gesamten offiziellen Ergebnisse können hier inklusive weiterer Statistiken noch einmal bei Jayski.com nachgeschaut werden. Zum Abschluss folgt wie gewohnt die Übersicht zu den Punkteständen bei den Fahrern und in der Owner-Wertung (Achtung: Alles PDF-Dateien!).

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1 Kommentar zu “NASCAR: Analyse Kansas April 2012

  1. Yankee
    24 April, 2012 at 12:19

    Ah Jeff Hammond. Super, ich habe mich köstlich amüsiert. Der pefekte Start in die Analyse des Rennens! Besten Dank!

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