Noch zwei Fahrer haben in zwei verbleibenden Rennen eine realistische Chance auf den Titel, wenn nicht ein Wunder geschieht. Der vorletzte Saisonlauf steht für den Sprint Cup in Phoenix an, wo man die Rennbahn neu asphaltiert und konfiguriert hat. Es ist also die letzte Wildcard der Saison auf einer Strecke mit unbekannten Eigenschaften.

Mitte dieses Jahres wurde der Phoenix International Raceway im Zuge einer Neuasphaltierung auch etwas umkonfiguriert: Man tauschte nicht nur den gut 20 Jahre alten Streckenbelag des 1-Meilen-Ovals in der Wüste Arizonas aus, sondern führte außerdem ein variables Banking ein, um die obere Rennlinie gleichwertig gut befahrbar zu machen. Zusätzlich wurde der charakteristische und einzigartige Dog-Leg umgestaltet und etwas weiter aus dem Raceway herausgelegt, womit er jetzt einen engeren Kurvenradius aufweist. Aus diesem Grund musste dann natürlich auch etwas für das Banking getan werden:

Deshalb wurde Letzteres im Scheitelpunkt des Dog-Leg-Knicks der Gegengerade zusätzlich auf 10-11° erhöht, um angemessene Geschwindigkeiten an diesem Punkt der Strecke zu ermöglichen. Die anderen Turns sind bei ihrer maximalen Kurvenüberhöhung von 11 bzw. 9 Grad geblieben, allerdings klaute man der unteren Spur wegen des variablen Bankings jeweils 1° in allen vier Kurven. Weitere kleine Veränderungen wurden in der Boxengasse vorgenommen, so haben u.a. die Boxenplätze jetzt eine Betonfläche, wie man das auch von anderen Oval schon sehr gut kennt. Außerdem wurde die Start/Ziel-Gerade von 16 auf 19 Meter verbreitert.

Es gab zwar schon Reifentests von Goodyear auf dem neuen Layout, bei denen Tony Stewart auch nicht schlecht abschnitt, immerhin kennt er Phoenix ja zu Genüge aus seiner Vergangenheit bei den IndyCars. Doch zu dem Zeitpunkt der Testfahrten gelang es im Sommer nicht, eine wirklich befahrbare zweite Rennlinie auf der Außenseite zu generieren, da der neue glatte Asphalt kaum Gummi annahm. Als Maßnahme zur Vorbereitung auf das Rennen am Sonntag mussten deswegen die ausrangierten Boliden der Richard Petty Driving Experience unzählige Runden in den Belag brennen, damit für das Cup-Rennen genug schwarzes Gold auf der oberen Spur vorhanden ist. Sollte dieser Kniff nicht gelingen, dann wird Track-Position eine verdammt große Rolle spielen. Es gibt am Wochenende also mehr Variablen als Konstanten.

Damit ist Phoenix in diesem Chase also vor allem eines: Die letzte große Wildcard 2011, wo grundsätzlich alles passieren könnte. Im Grunde genommen bleiben uns hier also nur die Daten und Fakten aus den letzten Jahren seit Einführung des CoT, um wenigstens ansatzweise eine Prognose wagen zu können. Schaut man sich die Ergebnisse seit 2007 an, dann springt einem Hendrick Motorsports förmlich mit dem nackten Allerwertesten ins Gesicht. Von den vergangenen neun Rennen konnte das Meisterteam nämlich satte sieben Ausgaben gewinnen, alleine Jimmie Johnson entschied vier Rennen davon für sich.

Jimmie Johnson ist in Phoenix sowieso ein Wunderknabe, denn in bisher 16 Auftritte dort, fuhr er nur zwei Mal nicht in die Top7. Diese Ausritte waren dann jedoch zwei 15. Plätze, was seine Stärke in den letzten Jahren allerdings nur untermauert. In den letzten zehn Phoenix-Rennen kam Johnson erstaunlicherweise jedes Mal in den Top5 ins Ziel. 2011 stagniert seine Performance ja das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit so sehr, dass ihn das sehr wahrscheinlich sogar die Meisterschaft gekostet hat. Im Hause Jimmie Johnson / Chad Knaus hängt zurzeit der Haussegen also etwas schief, was für das Wochenende keine Top-Resultate vermuten lässt. Wer will bei einer solchen Traum-Statistik aber schon gegen den Dauermeister wetten?

Die übrigbleibenden beiden Phoenix-Rennen seit 2007 gewannen Ryan Newman (Frühjahr 2010) für Stewart-Haas Racing und ausgerechnet Carl Edwards (Chase 2010) in seinem Run zum Jahresende, wo er anschließend auch in Homestead siegte und sich selbst nach einer zunächst miesen Saison zu einem großen Favoriten auf den diesjährigen Playoff-Titel krönte. Gute Voraussetzungen also für Edwards am Wochenende, denn er weiß wie man in Phoenix siegt; das Problem ist nur die Rekonfiguration. Liegt die neue Strecke dem alten Fahrer immer noch?

Der letzte Ford-Sieg liegt übrigens schon etwas zurück, 2005 gewann Kurt Busch noch in einem Auto von Jack Roush für den Hersteller mit dem blauen Oval. Bis zu Edwards’ Sieg haben ausnahmslos Chevrolets in der Victory Lane gestanden, so gewann zum Beispiel Kevin Harvick 2006 beide Phoenix-Ausgaben. Im Vergleich der Marken ist Ford aber trotzdem gleich auf mit Chevy (15:13), weil man vor 2003 sage und schreibe 11 von 15 Rennen gewonnen hat! Die Zeiten sind aber längst vorbei, doch natürlich darf man niemals nie sagen.

Trotzdem sehe ich Tony Stewart am Wochenende im Vorteil, denn er fährt ein Hendrick-Kundenauto und ist in diesem Chase super aufgelegt. Ein Kracher wäre natürlich, wenn Edwards jetzt auf der Chevy-Strecke siegen würde, nachdem Smoke zuletzt die Ford-Dominanz in Texas geknackt hatte. Dann kann ich mir das ganze Geklüngel in der Homestead-Vorschau auch sparen, weil es einfach zu kompliziert wäre, im Vorfeld mehr als nur ansatzweise etwas zu erahnen. Da kann man auch gleich das Saisonfinale in Las Vegas austragen und vor dem Meisterbankett dort im Casino den Titel ausspielen.

Die nächste Möglichkeit wäre natürlich ein Totalausfall eines oder sogar beider großen Meisterschaftskandidaten. Schauen wir uns also abschließend noch mal ein wenig die Punktesituation an: Carl Edwards führt knapp mit 3 Punkten vor Tony Stewart, die beiden trennen im Prinzip also nur drei Plätze auf der Rennstrecke zum Gleichstand. Andersherum könnte Edwards den Sack zumachen, wenigstens was Smoke angeht. Dazu müsste Stewart beispielsweise schon früh im Rennen ausfallen und die Top40 bei einem gleichzeitigen Sieg des Führenden in der Punktewertung verfehlen. Ziemlich unwahrscheinlich, aber warum sollte nicht mal ein Hendrick-Chevy das zeitliche segnen.

Die nachfolgenden Fahrer Kevin Harvick (-33) und Matt Kenseth (-38) haben bei gleichbleibendem Rückstand auf Edwards auch in Homestead noch eine Außenseiter-Chance auf den Titel. Dann dürfen sie aber nicht mehr als 48 Punkte Differenz auf ihrem Konto haben, wenn sie aus Phoenix abreisen. Ein Abschneiden um mehr als 10 bzw. 15 Plätze hinter Carl Edwards wäre also das Ende ihrer verbliebenen schmalen Titelhoffnungen. Ein Harvick-Sieg wie 2006 brächte bei gleichzeitigem Ankommen der beiden großen Contender außerhalb der Top10 also noch einen weiteren Kandidaten zurück ins Boot nach Florida.

Anders sieht es dagegen bei Brad Keselowski (-49) und Jimmie Johnson (-55) aus, die erstmal unter die Marke von 48 Zählern kommen müssten. Dazu wäre ein Ankommen von einem bzw. sieben Plätzen vor Carl Edwards nötig. Bei allen Rechenspielen bezüglich Harvick, Kenseth, Keselowski und Johnson ist natürlich vorausgesetzt, dass nicht plötzlich Stewart vor Homestead die Tabelle anführt. Dann ändern sich alle Zahlen noch ein weiteres Mal. Die vier Piloten benötigen aber eh ohnehin ein Wunder, wenn sie noch den Titel holen wollen.

Und wenn diese beiden Fahrer schon höheren Beistand brauchen, dann müsste bei Dale Earnhardt Jr. (-79), Jeff Gordon (-81) und Kurt Busch (-87) schon der Herrgott persönlich aus den Wolken hinabsteigen und die Top2 persönlich in die SAFER-Barrier schicken. Aber das wäre natürlich unfair und würde von NASCAR sofort mit Abzug von Owner-Punkten und einer Geldstrafe geahndet. Gott dürfte das vermutlich wenig stören, genauso wie Kyle Busch seine Rambogebühr über wahnsinnige 50.000 US-Dollar.

Schlecht sieht es für Busch derzeit nur in Punkte restliche Saisonrennen und 2012 aus. Sein Sponsor Z-Line hat sich für Homestead schon jemand anderes im Nationwide-Rennen gewünscht, daher wird Denny Hamlin seinen Teamkollegen dort in der #18 vertreten. Auch geistert das Gerücht umher, Kyle Busch würde von M&Ms mal mindestens bis zum Ende des Jahres aus dem Cockpit geworfen. Möglicherweise steige man auch komplett bei Joe Gibbs Racing aus, sodass Busch für die nächste Saison vor ernsthafte Probleme gestellt würde. Ich habe so einen Move ja im Podcast noch für unwahrscheinlich gehalten, doch mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Aber das sind eben wie gesagt im Moment nur Gerüchte.

Hamlin, Busch und auch Ryan Newman sind mathematisch übrigens schon vor dem Rennen in Phoenix aus der Entscheidung draußen. Interessant werden könnte es dagegen aber noch in der Owner-Wertung, wo die #38 von Front Row Motorsports nur winzige elf Zähler vor der #71 von TRG Motorsports liegt. Hier geht es immerhin ja auch um eine feste Qualifikation für das nächstjährige Daytona 500 und ein Jahresende in den Top35 wäre für Andy Lally sicherlich wertvoller als der kampflose Gewinn des Titels Rookie-of-the-Year.

Wie gewohnt folgen an dieser Stelle noch die Links zu den aktuellen Ständen in der Fahrer- und Owner-Wertung sowie ein Zeitplan für das Wochenende und jetzt ganz neu mit dabei die Entry-List:

Ausstrahlungsdaten

Freitag, 11.11.
19:30 Uhr, Sprint Cup Series Practice, ESPN2
21:40 Uhr, Nationwide Series Final Practice, nicht im TV
23:30 Uhr, Sprint Cup Series Final Practice, ESPN2

Samstag, 12.11.
18:00 Uhr, Nationwide Series Qualifying, SPEED
19:30 Uhr, Sprint Cup Series Qualifying, SPEED
21:30 Uhr, Nationwide Series Rennen (Wypall 200), ESPN2

Sonntag, 13.11.
21:00 Uhr, Sprint Cup Series Rennen (Kobalt Tools 500), ESPN

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