Auf dem schicken, neuen Statdkurs in Baltimore geht es in die viertletze Meisterschaftsrunde. Ob man dort überholen kann, muss sich noch zeigen.

Mit dem Auftritt in der größten Stadt des Bundesstaates Maryland geht die IndyCar Series zum zweiten Mal nach Edmonton auf einem Kurs an den Start, auf dem alle Teams bei Null anfangen müssen. Das heißt nicht zwingend, dass es nicht auch hier zu einer Top-Team Dominanz wie vor ein paar Tagen in Sonoma kommen kann – von der Papierform her sollte der Kurs den Autos von Penske und Ganassi sogar ziemlich gut liegen. Dass es sich bei der Strecke um Neuland handelt, könnte es aber für clevere Teams und talentierte Piloten etwas einfacher machen, den arrivierten Mannschaften einen Schritt voraus zu sein. Auch für die Fans ist das Rennen eine Überraschungstüte. Der Kurs sieht interessant aus, und führt an einigen pittoresken Sehenswürdigkeiten vorbei. Ganz rund liefen die Vorbereitungen an der Strecke aber nicht. Für die IndyCar Series sollte sich der Ausflug aber trotzdem lohnen: Angeblich sind bereits alle 90.000 110.000 Tribünenplätze verkauft.

Doch auch, wenn “Full House” ist: Wichtig wäre es schon, nach dem recht langatmigen Rennen in Sonoma wiedermal ein etwas interessanteres Rennen zu produzieren. Die Streckenplaner haben sich ganz offensichtlich bemüht, einige Überholstellen zu schaffen: Es gibt einen 180-Grad Turn, und einige scharfe Kurven, die auf Geraden folgen. Ihnen waren aber auch Grenzen gesetzt: Denn mitten durch den Stadtkurs verläuft eine Straßenbahnlinie. Um ein San Jose-eskes Rennen mit abhebenden Autos und womöglich einigen defekten Radaufhängungen zu vermeiden, wurden auf zwei der Geraden langsame Schikanen eingebaut, so, dass die Autos nicht mit hoher Geschwindigkeit auf die Schienen treffen.

Das ganze ist eine recht kurzfristige Änderung. Grund: Irgendjemand hat den Planern erzählt, dass die IndyCars auch in Toronto problemlos Schienen überfahren würden: Der Haken: Diese Information ist falsch, der Kurs von Toronto kreuzt nicht mal eine Straßenbahnstrecke. Das hat man in Baltimore zu spät bemerkt, weshalb man die Schienen nun nicht mehr, wie eigentlich üblich, zubetonieren kann. Stattdessen hat man den Asphalt rundum so abgeschliffen, dass sie nun zumindest flach mit der Strecke abschließen. Und eben die Schikanen eingebaut, um die Geschwindigkeit zu reduzieren, mit der das passiert. Die Schikanen bestehen, wie am Bild zu sehen, aus eilig angebrachtem Asphalt, und stehen mitten auf der Strecke. Die Gefahr, dass sie sich irgendwann im Laufe des Wochenendes aufzulösen beginnen, scheint groß.

Leider gibt es eine solche Schikane auch auf der Start- und Zielgeraden, knapp nach der eigentlichen Zielkurve. Das könnte sich für die Rennspannung als tückisch erweisen, denn die Schikane sieht dort nicht nur reichlich uninspiriert aus, und lässt gerade mal Platz für ein einzelnes Auto – sie verkürzt die Gerade auch von rund 800 auf nur noch 650 Meter. Ein Unterschied, der es deutlich erschweren wird, dort aus dem Windschatten heraus an einem Konkurrenten vorbeizufahren.

Nach der ersten Kurve führt eine etwas kürzere Gerade die Piloten am ansehnlichen “Inner Harbour” vorbei zur schon angesprochenen 180-Grad Kehre, die sich womöglich als eine der besseren Überholmöglichkeiten des Kurses erweisen könnte. Oder aber auch zu Chaos-Aktionen á la Edmonton führen mag, sofern die Fahrer die dort auf hartem Wege erlernten Lektionen schon wieder vergessen haben. Ähnlich wie am Formel 1-Kurs in Shanghai folgt auf die Kehre eine relativ flotte Linkskurve, die noch einmal auf eine kurze Gerade mündet. Danach beginnt ein enges und ziemlich Crash-verdächtiges Kurvengeschlängel, das unter anderem auch die zweite Querung der Straßenbahnschienen beinhaltet.

Gut möglich, dass das Feld diese Stelle im Rennen wegen Aufräumarbeiten ein paar Mal meiden muss – was zum Glück möglich ist, weil in diesem Bereich die Boxengasse von der Strecke abbiegt. Die ist übrigens auch etwas ungewöhnlich: Im Anfangsbereich werden angeblich auf beiden Seiten der Bahn (!) Boxenstopps stattfinden. Das letzte Drittel des Kurses besteht dann wieder aus recht flotten, aber dennoch leicht gewundenen Passagen: Eine Überholmöglichkeit könnte es allenfalls noch in der Anfahrt auf die 90-Grad Ecke vor Start- und Zielgerade geben. Hier das ganze in der virtuellen Onboard-Version (in der allerdings die letzte Schikane fehlt):

In der Meisterschaft könnte das Rennen eine weitere Chance für Will Power werden, den zuletzt geschmolzenen Rückstand auf Dario Franchitti weiter zu verkürzen, bevor es wieder auf die Ovale geht. Nur noch 26 Punkte trennen den vor kurzem nach so abgeschlagen zurück liegenden Australier von Franchitti. Das ist das, was man zum Beispiel für einen siebten Platz bekommt – oder auch das Abstand zwischen einem Sieg und Rang sieben.

An den Start gehen in Baltimore die gleichen 28 Piloten wie vor einer Woche in Sonoma. Eine Änderung gibt es nur bei HVM Racing: Simona de Silvestro hat das “Missverständnis” mit der US-Einreisebehörde offenbar überwinden können, und wird am Wochenende wieder im Grid stehen.

Auch Pechvogel Giorgio Pantano wird wieder Justin Wilson ersetzen. Nachdem er ja nun Zeit hatte, sich etwas intensiver mit den “Blocking”-Regeln in der IndyCar Series zu befassen, könnte er in Baltimore einer jener eingangs erwähnten Fahrer sein, die mit etwas Glück an der Spitze mitkämpfen können.

Neben den IndyCars gehen in Baltimore auch die Indy Lights wieder an den Start. Dort sieht die Meisterschaft schon fast entschieden aus. 68 Punkte trennen den Führenden Josef Newgarden von seinem Verfolger Esteban Guerrieri, dem unbelohnten Star der vergangenen Formel Renault 3.5 Saison. Baltimore ist der letzte Rundkurs der Saison, danach folgen noch die beiden Ovale von Kentucky und Las Vegas, die beide wohl eher gegen den Oval-Rookie Guerrieri sprechen. Stefan “Brunde von Justin” Wilson hat auf Rang drei der Meisterschaft schon 106 Zähler Rückstand auf Newgarden.

Interessant ist das Rennen aber aus einem anderen Grund: Willy T. Ribbs, IndyCar Rennlegende und erster schwarzer Rennfahrer mit einem Formel 1 Test (Brabahm 1986) und Indy 500 Qualifikation (1991) kehrt ins Cockpit zurück. Hintergrund: Ribbs unterhält in diesem Jahr gemeinsam mit Geschäftspartner Chris Miles von Starting Grid, Inc, einer Initiative, die es ich zum Ziel gesetzt hat, mehr Angehörige von Minderheiten zum Motorsport zu bringen, ein Indy Lights Team. Im Mai – zum zwanzigjährigen Jubiläum von Ribbs’ erstem Antreten beim Indy 500 – hat das Team dem dunkelhäutigen Talent Chase Austin einen Start beim Freedom 100 ermöglicht (Austin wurde damals zum Debut Neunter von 18 Startern). Ribbs Antreten in Baltimore mit seinem großen afroamerikanischen Bevölkerungsanteil soll dabei helfen, Begeisterung für den Motorsport zu schaffen. Der 56-jährige Ribbs selbst ist allerdings schon seit zehn Jahren nicht mehr im Rennauto gesessen – man darf gespannt sein, wie er sich gegen die jungen Talente schlägt. Mutig ist sein Start in jedem Fall.

Im TV

Auch das Rennen in Baltimore wird von Versus übertragen – man darf sich also auf ausführliche Vorberichte freuen. Um Mitternacht zwischen Samstag und Sonntag zeigt der Sender eine Aufzeichnung des Qualifying, am Sonntag beginnt die Übertragungsstrecke um 18:00 Uhr mit dem Lauf der Indy Lights. Um 20:00 Uhr startet die eigentliche Übertragung des IndyCar Rennens. Der Rennstart ist aktuell für 20:45 Uhr geplant (alle Zeiten MESZ).

Foto: INDYCAR

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