Das bisher langweiligste Rennen des Jahres lieferte die NASCAR in Michigan am Sonntag ab. Nach 200 Runden und einer sehr späten Gelbphase, welche noch kurz etwas Spannung brachte, gewann am Ende Kyle Busch, obwohl es zunächst nach einem Ford-Tag aussah. Das zähe Rennen sorgte aber trotzdem für einigen Diskussionsstoff.

Wenn man sagen kann, dass beide Pocono-Rennen in diesem Jahr besser waren als die zweite Michigan-Ausgabe 2011, dann spricht das schon Bände. Natürlich ist der Michigan International Speedway auch nicht gerade für große Spannung bekannt, aber entgegen der Norm kam es weder zu einem Benzinkrimi noch zu einem interessanten letzten Rennviertel. Eine Caution kurz vor Schluss, ausgelöst durch einen Reifenschaden von Kurt Busch, den sich dieser vermutlich nach einigen Mauerkontakten durch Übersteuern abgeholt hatte, konnte trotzdem niemand dem komplettesten Auto im Feld von Kyle Busch noch gefährlich werden.

Der einzige ernsthafte Konkurrent war zu diesem Zeitpunkt Jimmie Johnson, der zuvor in der zweiten Rennhälfte auch einige Führungskilometer abspulen konnte. Allerdings beklagte Johnson ein markantes Übersteuern seiner #48 bei Clean-Air, was Busch letztendlich den Sieg brachte. Zusammengenommen waren die beiden Piloten aber nur 40 der 200 Runden in Front des Feldes zu finden, was bei Betrachtung der übrigen Leader für einigen Diskussionsstoff sorgt. Die erste Rennhälfte bestimmte nämlich Boxenstopp-bereinigt ausnahmslos Greg Biffle, welcher mit 86 Führungsrunden auch den entsprechenden Bonuspunkt gutgeschrieben bekam.

Zur Rennhalbzeit verabschiedete sich aufgrund eines Gewitters über Toronto dann kurzzeitig mein TSN-Stream und als ich etliche Werbepausen später wieder am Geschehen dran war, lag Biffle plötzlich außerhalb der Top10 und Kyle Busch bereits in Führung. Später fand ich heraus, dass die Ursache dafür an dreierlei Stellen zu finden war: Zunächst wurde Buschs Wagen im Rennverlauf immer stärker, sodass der Führungswechsel noch aus eigener Kraft kurz vor der Hälfte der Distanz erfolgte. Danach probierten einige Teams während einer Debris-Caution in Runde 105 mit der Reifenwahl herum, was etliche Wagen mit nur zwei neuen Pneus an die Spitze spülte und diese dort sogar konkurrenzfähig beließ.

Busch und auch Biffle mussten sich an dieser Stelle von hinten wieder durchs Feld kämpfen, um vorne die nun tonangebenden Fahrer Jeff Gordon (50 Führungsrunden) und Matt Kenseth (15) abzufangen. Während es Kyle Busch und z.B. Jimmie Johnson jedoch gelang, erneut an die Spitze vorzustoßen, musste (und das ist der dritte erwähnte Grund) Greg Biffle die Segel streichen, weil sein Auto ganz einfach nur in Clean-Air gut funktionierte. Desweiteren spekulierte man im Team mit der #16, dass Biffle wohl einen Satz schlechter Reifen erwischt haben könnte, der bei weiterer Abstimmungsarbeit dann das Setup total durcheinanderbrachte.

Bei Jimmie Johnson kommt noch hinzu, dass ihn ein günstiger Fall der vorletzten Caution nach längerem Aufenthalt um die Top5 herum in Führung brachte, da er seinen Boxenstopp unter grüner Flagge just zu dem Zeitpunkt absolvierte, als Dave Blaney auf der Strecke ausrollte. Im Oval bedeutet solch eine Situation im Gegensatz zur Rundstrecke einen unschätzbaren Vorteil, weshalb Johnson auch während der Boxenstopps der Konkurrenz unter Gelb die Führung übernahm. Bleibt die Frage, ob dies schon der Beginn des bekannten „Late-Season-Lucks“ der #48 ist. Da Johnsons Chevrolet in der Clean-Air jedoch nicht funktionierte, war Kyle Busch wie erwähnt schnell zur Stelle und gab die Führung bis zum Rennende trotz einer Green-White-Checkered-Verlängerung, welche noch kurz für ein wenig Spannung sorgte, nicht mehr ab.

Kommen wir nun also zum angekündigten Diskussionsbedarf:

Auffällig war die Performance von Roush-Fenway Racing, denn nachdem man im Juni noch weitere Teile des Rennens als am Sonntag dominierte, war wieder kein Sieg für die Ford-Truppe drin. Jahrelang ging ein Sieg in Michigan nur über die Fahrzeuge der Marke mit dem blauen Oval, doch mit dem Wechsel zum CoT und der verspäteten Ankunft des FR9-Motors leitete Ford eine Wachablösung ein und überließ der Konkurrenz das Feld. Auch in diesem Jahr fand man bei RFR noch nicht wieder zur alten Stärke zurück, das unterstrich vor dem Verblassen des eigentlichen Siegkandidaten Greg Biffle schon der frühe Motorschaden des Meisterschaftsführenden Carl Edwards.

Nach nur ca. 35 Runden musste sich Edwards in die Garage verabschieden und konnte nach einer umfangreichen Reparatur am Aggregat der #99 nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Platz 36 am Ende des Rennens kommt dabei aber einem Totalausfall gleich und ließ ihn durch den Sieg von Kyle Busch auch gleich 39 Punkte verlieren, was in der Punktetabelle einen Sprung von Rang 1 auf 4 knapp vor den Teamkollegen Matt Kenseth bedeutete. Eine Chase-Qualifikation von Edwards gilt jedoch nahezu als gesichert, was das Drama zwar etwas kleiner macht, aber eine Wiederholung darf sich natürlich trotzdem nicht ereignen.

Auf der anderen Seite steht der siegreiche Toyota von Joe Gibbs Racing mit Kyle Busch am Steuer und auch hier dürfte die unterschiedliche Performance innerhalb des Teams die Ausprägung von zusätzlichen Sorgenfalten noch fördern: Man steckte wie in der Vorschau erwähnt Denny Hamlin einen Motor von Toyota Racing Development unter die Haube, weil sich die Aggregate aus dem eigenen Hause als zu unzuverlässig erwiesen und dann läuft ausgerechnet beim Teamkollegen Busch alles glatt. Letzterer sicherte sich übrigens mit den eigenen Toyota-Motoren nun schon vier Rennsiege und hat somit auch mathematisch seine Playoff-Teilnahme gelöst.

Hamlin landete nach aufwändigen Reparaturen an seinem defekten Frontsplitter leider nur mit Rundenrückstand auf Platz 35, was seinen verbliebenen Chancen auf die Chase-Qualifikation erheblich schadete. Ein zweiter Saisonsieg im Anlauf auf eine Wildcard ist schon fast zur Pflicht geworden und könnte sich auf den beiden Shorttracks von Bristol und Richmond realisieren lassen, denn dort ist Hamlin traditionell sehr stark unterwegs. Schade eigentlich, dass er die gute Möglichkeit in Michigan auslassen musste, denn nach seinem Sieg im Juni-Rennen auf derselben Strecke wäre eigentlich mehr drin gewesen. Das bewies ja auch der Teamkollege…

Brad Keselowski holte sich unterdessen einen starken dritten Platz, der ihn nun schon auf Platz 12 in der Meisterschaft und damit sogar in die Nähe einer regulären Chase-Qualifikation gebracht hat. Eng wird es derweil für alle Fahrer hinter Clint Bowyer und Keselowski in der Meisterschaft, denn mit mehr als 50 Punkten Rückstand auf Platz 10 kann man in drei Rennen nur schwerlich was werden. Siege müssen her, so der allgemeine Tenor in der Garage. Das gilt auch für Tony Stewart, der sich nach dem Rennen in Michigan über die verpassten Chancen der letzten Wochen ärgerte und auf Platz 10 nur 24 Zähler vor dem Abgrund schwebt.

Die gesamten offiziellen Ergebnisse können hier inklusive weiterer Statistiken noch einmal bei Jayski.com nachgeschaut werden. Zum Abschluss folgt wie gewohnt die Übersicht zu den Punkteständen bei den Fahrern und in der Owner-Wertung.

An den nächsten drei Wochenenden stehen wieder ausnahmslos Nachtrennen im Kalender, in denen die letzten Fahrkarten für den Chase gelöst werden. Dabei folgt als erstes das spektakuläre Bristol. Die Woche drauf steht Atlanta an, wo ausnahmsweise in der Nacht von Sonntag auf Montag gefahren wird, weil die Amis wieder ihren Labor Day feiern. Das letzte Rennen vor den Playoffs ist dann Richmond. Bristol und Richmond werden sogar mal wieder auf ServusTV übertragen. Dazu schreibe ich in den entsprechenden Vorschauen dann noch etwas mehr.

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