Die erste Bestandsaufnahme unter normalen Bedingungen sollte das Rennen auf dem Phoenix International Raceway werden, doch bekommen haben wir ausgerechnet einen big one. Danach waren gefühlt nicht mehr genügend Autos im Feld, um die elendig langen Grünphasen unterhaltsam zu gestalten. Gewonnen hat am Ende verdient Jeff Gordon vor Kyle Busch.

66 Rennen musste Jeff Gordon warten, um nach seinem Texas-Erfolg von 2009 endlich wieder in die victory lane zurückzukehren und damit seine bisher längste sieglose Periode zu beenden. Die Crew-Chief-Rotation bei Hendrick Motorsports kurz nach dem Ende der letzten Saison scheint sich für das ganze Team gelohnt zu haben, zumindest sieht es bisher danach aus. Alle vier Fahrer platzierten sich auf den vorderen Rängen und nur Mark Martin schaute von Platz 13 in die Top10 hinein. Gordons Sieg ging aus insgesamt 138 Führungsrunden hervor und ist damit mehr als verdient, zumal der – von bösen Zungen bereits in Rente gewähnte – Pilot in den Schlussrunden seinen Erfolg gegen einen ebenfalls starken Kyle Busch selbst herausfuhr.

Neben Jeff Gordon kamen aber auch noch einige andere Piloten für einen Rennsieg in Frage, zumindest wenn man nach der signifikanten Anzahl ihrer Führungsrunden geht: Die übrigen 174 von 312 Runden teilten sich Tony Stewart (59), Kurt Busch (31), Kyle Busch (23), Carl Edwards (21) und Jimmie Johnson (19). Einzig Edwards landete am Ende nicht innerhalb der Top8, weil ihn ein früher Kontakt mit Kyle Busch aus dem Rennen nahm, wofür sich der sonst so hitzköpfige Fahrer aber später ausgiebig entschuldigte. Diese Aktion löste bereits in Runde 59 die vierte Gelbphase aus, nachdem zuvor Robby Gordon und Trevor Bayne mit Drehern das Feld zwei Mal zum Verlangsamen brachten. Die erste Caution war übrigens eine der so beliebten Debris-Ausgaben. Daytona-Sieger Bayne, auf den in den USA noch alle Augen gerichtet sind, startete mit seinem Mauereinschlag also denkbar schlecht in die weitere Saison.

Richtig fies wurde es dann in Runde 67, als sich die unruhige Startphase gleich mal potenzierte und Brian Vickers nach einem Dreher auf der Außenbahn einen enormen big one auf dem Shorttrack auslöste. 13 Autos waren in diesen eigentlich Superspeedway-üblichen Unfall verwickelt und konnten teils nur nach sehr weitreichenden Reparaturen das Rennen mit massivem Rückstand wieder aufnehmen. Der Tag war damit unter anderem für Clint Bowyer, Jeff Burton und Jamie McMurray gelaufen. Danach war der große Trubel vorerst vorbei, vermutlich auch, weil sich nur noch etwas mehr als die Hälfte der Starter im Rennen befanden. Der lange und nicht sonderlich spannende zweite Teil des Phoenix-Rennens erstreckte sich über zwei Drittel der Renndistanz, geprägt durch green flag stops und nur unterbrochen durch drei weitere Cautions.

In Runde 127 platzte bei David Ragan ein Reifen und sorgte für einen ziemlich heftigen Mauereinschlag, der äußerst schmerzhaft gewesen sein dürfte. An der Stelle des Einschlags befand sich an der Außenmauer keine SAFER-Barrier und Ragan machte beim Aussteigen ganz langsam und wirkte ein wenig angeschlagen. Die vorletzte Gelbphase löste Joey Logano oder besser dessen Motor aus, nachdem sich ein etwaiges Desaster schon über die gesamte Renndistanz ankündigte: In Runde 46 klagte Logano bereits über nachlassende Leistung und konnte seinen Toyota-Motor nicht mehr richtig über die 9000-Umdrehungen-Grenze bringen. In Umlauf 107 gab dann letztendlich ein Zylinder seinen Geist auf, bevor das Aggregat der #20 in Runde 218 sein letztes Leben aushauchte.

Die entscheidende Rennsituation entwickelte sich 30 Runden vor dem Ende als die letzten Boxenstopps unter Grüner Flagge für das Feld anstanden. Mit Ausnahme von Dale Earnhardt Jr. nutzten alle Piloten diese Gelegenheit, um das Spritfenster zu schließen. Junior war nämlich schon einige Umläufe zuvor mit einem losen Reifen zum Nachtanken gekommen, wodurch er allerdings aus der Führungsrunde flog. Diese Rotation brachte ihn auf die Lucky-Dog-Position. Direkt im Anschluss setzte Andy Lally seinen TRG-Motorsports-Chevrolet in die Mauer und sorgte für die letzte Zusammenführung des Feldes und ein Zurückrunden Earnhardts.

Weil die Reifen auf dem alten Streckenbelag von Phoenix eine erheblich größere Rolle spielten als noch vor einer Woche auf dem frisch asphaltierten Daytona International Speedway, kamen alle Piloten nun noch ein letztes Mal an die Boxen. Der Phoenix International Raceway bekommt übrigens direkt nach dem Frühjahrsrennen ebenfalls eine Neuasphaltierung verordnet. Der folgende Link zur offiziellen Webseite der Strecke befasst sich mit den Details des Projekts, welches auch eine leichte Neukonfiguration inklusive variablem Banking und verändertem Dogleg umfassen wird. Dort lässt sich ein pdf-File runterladen, in welchem das geänderte Streckenlayout eingesehen werden kann. Aber zurück zur finalen Phase des Rennens:

Weil Tony Stewart auf nur zwei neue Reifen setzte, gelangte er für den Restart in Führung des Feldes, verpokerte sich mit diesem Strategiezug aber immens. Bis auf Rang 7 musste der Teambesitzer sich am Ende durchreichen lassen. Jeff Gordon verlor beim letzten Stopp noch einen Platz an Kyle Busch, mit dem er in den verbleibenden 22 Runden den Sieger des Rennens ausmachen sollte. Buschs Wagen war zuvor im Rennen noch enorm gut auf den long runs unterwegs, was er vermutlich der Streckenerfahrung mit den Siegen in Nationwide und Truck Series an den vorangegangen beiden Tagen zu verdanken hatte. Die Luftveränderung in Gordons Reifen beim letzten Boxenstopp brachte den vierfachen Meister aber direkt in Schlagdistanz, was die Leistung seines Chevrolets gegen den Toyota von Joe Gibbs Racing anbelangte.

Durch einen guten Restart konnte Kyle Busch zunächst eine gute Führung aufbauen und es sah wieder einmal danach aus, als würde Gordon das ewige Problem mit den schlechten Neustarts in der Schlussphase, wenn es darauf ankommt, nicht los. Innerhalb von 12 Runden war die #24 aber wieder am Heck der #18 zu finden. In Turn 3 und 4, wo Gordon zuvor die meiste Zeit aufholen konnte, war es dann soweit: Mit einem typischen Shorttrack-Rempler komplementierte der erfahrenere Fahrer den frischverheirateten Piloten beherzt beiseite. Dabei schien sich die Ehefrau von Kyle Busch überraschenderweise wesentlich mehr aufzuregen, als der Angetraute selbst, denn Busch bleib im Anschluss fair.

Nebeneinander fuhren die beiden Duellanten über die Start- und Ziellinie und entschieden das Rennen zehn Runden vor Schluss in Turn 1, als Jeff Gordon übersteuern bekam und sich an die #18 anlehnte. Busch brachte das derart aus dem Konzept, dass er die #24 ziehen lassen müsste. Ich freute mich schon ein wenig hämisch auf die wüsten Kommentare von Kyle Busch nach dem Rennen in Richtung Jeff Gordon, aber zu meiner Überraschung blieben diese aus. Der sonst so hitzköpfige Fahrer blieb erstaunlich ruhig, erkannte Gordon als den besseren Mann mit dem besseren Auto an und entschuldigte sich sogar noch ausgiebig bei Carl Edwards für den Streifschuss früh im Rennen. So ein Kyle Busch kann Meister werden, wenn er wie in Phoenix einen kühlen Kopf behält und die Punkte mitnimmt. Erfrischend…

Im Großen und Ganzen empfand ich das Rennen in Phoenix aber nicht als spannungsgeladenen Knüller. Lediglich der actionreiche Beginn und die sehr spannende Schlussphase nach der letzten Gelbphase konnten einigermaßen für die nahezu dauergrüne Mittelstrecke entschädigen.

Während sich die Truppe von Hendrick Motorsports gute Platzierungen sicherte und im ersten relevanten Stärketest als beste Mannschaft entpuppte, konnte zum Beispiel Juan Pablo Montoya nicht auf ein so erfolgreiches Rennen zurückblicken. Über das gesamte Wochenende hinweg bekam Montoya nicht die richtige Abstimmung ins Auto und landete mit einer Runde Rückstand auf Platz 19, nachdem er in den Jahren zuvor eigentlich recht gut in Phoenix unterwegs war und regelmäßig in die Top10 fuhr.

Positiv erwähnen möchte ich noch die Top10-Resultate von Kasey Kahne (6.) und AJ Allmendinger (9.). Vor allem Kahne sieht 2011 wohl nicht nur als ein Übergangsjahr vor dem Sprung zu Hendrick Motorsports an. Auf eine weitergehende Analyse der Teamstärken verzichte ich vorerst, da der big one ja doch für einige Unruhe im Rennen sorgte und ein Rennen auf einem 1-Meilen-Oval nicht unbedingt den Großteil einer NASCAR-Saison wiederspiegelt. Zumindest aber habe ich in diesem Jahr bisher kein Team der üblichen Verdächtigen gesehen, dass hoffnungslos hinter die allgemeine Pace zurückgefallen ist.

Die gesamten offiziellen Ergebnisse können hier inklusive weiterer Statistiken noch einmal bei Jayski.com nachgeschaut werden.

Eine Übersicht zu den immer noch nicht ganz so relevanten Punkteständen bei den Fahrern und in der Owner-Wertung ist hier noch mit verlinkt. Am kommenden Wochenende macht der Sprint Cup in Las Vegas Station. Danach folgt schon recht früh das erste Off-Weekend der noch jungen Saison, anstatt wie bisher erst nach dem vierten Rennen.

Bevor ich es erneut vergesse: Im Rahmen des Daytona 500 bin ich auf zwei sehr interessante Artikel auf NASCAR.com gestoßen, die ich leider erst gestern lesen konnte. Diese beschäftigen sich mit den Sicherheitsinnovationen in den vergangenen 60 Jahren NASCAR, sowie mit der Entwicklung des HANS-Device als solches. Wirklich sehr interessant und gut zu lesen, obwohl sie recht lang sind. Lohnt sich!

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