Die erste Hälfte der F1 Saison ist vorbei und man kann schon mal ein kleines Zwischenfazit ziehen.
Das die Saison einiges an Überraschungen bereit halten würde, war schon vorher klar. Es gab viele Veränderungen über den Winter. BMW weg, Toyota weg, Kubica bei Renault, die ihrerseits nur noch den Namen Renault führen, aber mit dem Werk nur noch den Motor teilen. Mercedes ist aufgetaucht, ebenso Michael Schumacher, während Ferrari sich mit Alonso den Wunschfahrer der letzten Jahre an Land gezogen hat. Und doch kam mal wieder alles anders, als gedacht. Eine kurze Einzelkritik der Teams.
Die Reihenfolge ergibt sich aus der momentanen Konstrukteurswertung.
McLaren:
Jahr Eins nach dem überraschenden Ausstieg von Mercedes, die ihre 40% Beteiligung wieder an die McLaren Gruppe verkauft haben. Ich habe durchaus damit gerechnet, dass McLaren vor allem in der ersten Halbzeit der Saison vorne halten würde. Dazu ist man zu gut aufgestellt und hat zu viel Erfahrung. Die Frage war aber, wie man sich dann ab Juni schlagen würden, wenn es darum geht mit den finanziellen Ressourcen die Updates am Wagen zu entwickeln. Da sollte man den Einfluss und vor allem die Möglichkeiten von Mercedes nicht unterschätzen. Aber McLaren hat wohl gut vorgebaut. Ron Dennis hat den Einfluss von Mercedes immer versucht so klein wie möglich zu halten und alle wichtigen Entwicklungsabteilungen im Haus gehalten. Ein weiser Entschluss. Auch das Duo Button/Hamilton funktioniert richtig gut. Man ist sich nicht immer einig, aber Duelle wie in der Türkei werden absolut fair ausgetragen. Auch die Stimmung zwischen beiden scheint gut zu sein. Das Hamilton in der Quali schneller als Button sein würde, war klar, aber Button zeigt seine Klasse im Rennen und liegt deswegen zu Recht noch in aussichtsreicher Position in der WM.
Fazit: WM Favorit mit beiden Fahrern
Red Bull:
Adrian Newey hatte bei der Präsentation des diesjährigen Wagens schon klar gemacht, dass man auf eine Evolution gesetzt habe. Das war wohl eine leichte Übertreibung, denn man hat das Chassis komplett geändert. Das man es geschafft hat, nicht nur eine Eintagsfliege zu sein, ist für manche schon mal die erste Überraschung. Allerdings zaubert Adrian Newey auch gerne mal aus der Wundertüte. Die Anfälligkeit seiner Wagen in Sachen Überhitzung hat sich zwar verbessert, vom Tisch ist sie aber noch nicht so ganz. Offenbar ist in diesem Jahr das Getriebe der Knackpunkt. Erstaunlich ist, dass Red Bull in Sachen Entwicklungsgeschwindigkeit mithalten kann. Klar – man zehrt vom Vorsprung, aber es gelingt immmer wieder den Vorsprung zu verteidigen. Nicht zu letzt auch wegen der mysteriösen Schnelligkeit der Wagen in der Quali. Das Knackpunkt bei Red Bull sind die Fahrer. Webber und Vettel respektieren sich, sind aber spätestens seit dem Unfall in der Türkei nicht besten Freunde. Sollte sich das Duell im Herbst zuspitzen, möchte ich nicht in der Haut von Christian Horner stecken.
Fazit: WM Favorit mit beiden Fahrern
Ferrari:
Die Italiener hatten nach der katastrophalen Saison 2009 die Ziele für 2010 hoch gesteckt. Beide Weltmeistertitel sollten es sein und die Saison fing mit dem Doppelsieg in Bahrain ja auch gut an. Doch von da an ging es dann nur noch bergab. Der F60 ist nicht schlecht, aber eben auch nicht gut genug. Das etwas zurückhaltende Design ohne Experimente hat sich nicht bewährt, man konnte das Ruder auch nicht schnellm rumreißen. Stattdessen musste man eine B-Version bauen, die erst in Valencia fertig war. Alonso macht was er kann, obwohl er manchmal etwas enttäuscht und demotiviert wirkt. Entweder hat schon im Winter gemerkt, dass da wenig geht, oder er hat sich seinen Traum in Rot etwas anders vorgestellt. Die Performance von Ferrari steht unter einem noch schlechteren Licht, wenn man bedenkt, dass sie nach dem Massa Unfall das Jahr 2009 praktisch abgeschrieben hatten und schon im September neue Teile für die kommende Saison getestet hatten. Schwachpunkt des Teams ist neben der Entwicklung auch Felippe Massa. Ich hab mich lange dagegen gewehrt, dass es an seinem letztjährigen Unfall liegen soll, aber mittlerweile sieht die Sache doch anders aus. Alonso bügelt ihn regelmäßig in der Quali und im Rennen und Massa wirkt vor allem beim Überholen merkwürdig gebremst. Um so erstaunlicher, dass man seinen Vertrag schon so früh in der Saison verlängert hat. Mit Kubica hätte man eine starke Alternative, aber vielleicht wollte Alonso den ja nicht als Teamkollege.
Fazit: Mit Alonso hat man noch eine kleine WM-Chance, doch dafür müssten die Italiener schon arg aufs Entwicklungstempo drücken.
Mercedes GP:
Ross Brawn, Nico Rosberg, Michael Schumacher und der beste Motor im Feld. Was soll da schon schief gehen? Wie man sieht kann eine ganze Menge daneben gehen. Der neue Wagen von Ross Brawn funktioniert hinten und vorne nicht (im wahrsten Sinne des Wortspiels), Michael Schumachers Lernphase ist länger als gedacht und Mercedes hat offenbar keine Lust, willenlos Geld ins Team zu stecken. Allerdings – man muss zumindest Brawn in Schutz nehmen. Die Übernahme durch Mercedes geschah erst nach der Saison, vorher steckte er im Titelkampf. Dazu kam, dass er zwar die Saison dank Honda durchfinanziert hatte, aber noch kein Geld für 2010 hatte. Er konnte allein aus finanziellen Gründen die Entwicklung des 2010er Wagens nicht so forcieren, wie das Red Bull, McLaren oder Ferrari getan haben. So ist der neue Wagen nur eine Evolution des 09er Wagens und mit einer B-Variante kommt man auch nicht weiter. Die Probleme liegen einfach darin, dass auf die kurze Distanz keine Temperatur in die Reifen bekommt. Ist die im Rennen da, so nach vier, fünf Runden, geht es recht ordentlich voran. Michael Schumacher sieht deswegen auch nicht sonderlich gut aus. Die drei Jahre waren wohl doch etwas länger, als er dachte. Ich glaube nicht, dass es ihm an Speed oder Kampfgeist fehlt, aber er versteht das Auto nicht so, wie er das gerne würde. Die 10%, die ihm fehlen machen halt viel aus. Ich vermute mal, dass Mercedes die Saison bald abhaken wird, und sich auf 2011 konzentriert. Das wird dann auch das entscheidene Jahr für Schumacher, denn 2011 kommen neue Reifen, die keiner kennt. Damit fällt dann die letzte Entschuldigung weg.
Fazit: Wenn kein Wunder geschieht, passiert da nichts mehr. Man wird den vierten Platz in der Team-WM halten.
Renault:
Die Überraschung des Jahres. “Renault” steht ja nur außen drauf, in Wahrheit gehört das Team einer Kapitalgesellschaft. Das schient dem Rennstall gut zu tun. Trotz des sehr eigenen Weges, den man in Sachen Design gegangen ist, ist der Renault nicht schlecht. An guten Tagen kann Kubica am Podium kratzen, an schlechten muss er sich mit Platz 6 zufrieden geben. Man liegt ungefähr auf Augenhöhe mit den Mercedes. Das hätte man so nicht erwartet, auch nicht, dass Renault über das Jahr weiter mit guten Updates um die Ecke kommt, die das Team vorne dabei sein lassen. 2010 soll ein Übergangsjahr sein, 2011 soll es weiter nach vorne gehen. Das scheint nicht unrealistisch. Wenn man den Kubica halten kann. Der hat nur einen Ein-Jahres-Vertrag und hat sich bisher noch nicht zu seinen Plänen geäußert. Allerdings sind bei den Top Teams alle Cockpits belegt und verschlechtern will er sich wohl nicht. Vitaly Petrov hat mir in den ersten gut gefallen, aber seit Mai ist nichts mehr gekommen. Vor allem seine Quali-Leistung ist so miserabel, dass die Gerüchte um seinen Vertrag für 2011 hoch kochen. Aber wen sollte Renault nehmen? Aus der GP2 bietet sich nicht zwingend jemand an, die einzige Alternative wäre Sutil von Force India weg zu locken.
Fazit: Besser als erwartet, mal sehen, was da noch so kommt.
Force India:
Nach dem man in 2009 neben BrawnGP das Überraschungsteam war, hat die Inder in diesem Jahr wieder der Allag eingeholt. Man hat sich etablieren können, aber nach vorne geht dann auch nicht viel. Realistiischerweise sollte man vielleicht aber auch sagen, dass mehr wohl nicht drin ist. Fraglich ist aber, wie es mit dem Team weiter geht. Der Weggang von Chefentwickler James Key zu Sauber wiegt schwer, vor allem weil die Nachfolger von Key auch schon wieder das Team verlassen haben. Aber Vijay Mallya hat ein sehr gutes Händchen für den Nachwuchs, das gilt nicht nur für die Fahrer. Das man trotz der Turbulenzen im Team immer noch im vorderen Mittelfeld mitschwimmt zeigt, dass die Aero-Abteilung gut besetzt ist. Sutil macht in diesem Jahr einen besseren Job als zu vor, was wohl mit seiner Erfahung zu tun hat. Liuzzi ist zu unbeständig um ein echter Kandidat für 2011 zu sein. Da wartet zwar Gary Paffet, den Mercedes gerne im Force India sehen möchte, aber Mallya ist auch klar, dass er zwei gute Fahrer braucht, die 2011 die Punkte sammeln sollen. Ob Paffet das kann, ist dann wieder eine andere Frage. Sollte Mallya Sutil verlieren, steht er vor einem großen Problem.
Fazit: Es läuft gut, aber es wird nicht leicht sein, die Position im vorderen Mittelfeld zu verteidigen
Williams:
Kleines Quiz: Letzter Sieg eines Williams? Letzter Podestplatz? Ist länger her, als man denkt. Brasilien 2004 markiert den letzten Sieg eines Williams (Montoya), das letzte Mal auf ein Podium kletterte Nico Rosberg beim Australien GP 2008. Das Team hat schwere Zeiten hinter sich, das ist klar. Aber – die starren Strukturen des Teams haben bisher auch dramatische Änderungen verhindert. Es gibt viele Bereiche, in denen man vermuten könnte, dass Williams eine Frischzellenkur benötigen könnte, zuvorderst die Aerodynamik-Abteilung, die in den letzten Jahren nicht wirklich gut funktioniert hat. Da kann auch der glückliche vierte Platz aus Valencia hinweg täuschen. Natürlich nagt Williams, verglichen mit den großen Teams, am Hungertuch. Aber das man sich von Force India seit zwei Jahren düpieren lassen muss, die nominell bei den Fahrern auch nicht gerade perfekt besetzt sind, ist dann schon fast ärgerlich. Wie üblich wird Williams gegen Ende der Saison weiter nach hinten rutschen.
Fazit: Das Ziel muss heissen: Force India schnappen, Toro Rosso hinter sich halten.
Toro Rosso:
Der Lack ist etwas ab bei Toro Rosso, seit dem Gerhard Berger und Sebastian Vettel das Team verlassen haben. Weitere Schwierigkeit: man muss seit diesem Jahr zum ersten Mal ein eigenes Chassis bauen. Wobei “eigenes” Chassis etwas übertrieben ist. Man fährt praktisch mit einem verbesserten Vorjahresmodell, dass noch Adrian Newey gebaut hat und offiziell gibt es ja keinen Datenaustausch mehr. Ob sich inoffiziell mal der ein oder andere Techniker mit einem Kollegen von Red Bull in einem Café trifft? Immerhin scheint Toro Rosso zur Mitte der Saison deutlich besser aufgestellt. Die Plätze 8 bis 10 sind durchaus drin, wenn denn die Fahrer nicht ihre Aussetzer haben. Buemi und Alguersuari haben wenig Erfahrung und das merkt man dem Team an. Ein Fisichella wäre vermutlich hilfreich, aber man möchte lieber mit zwei neuen Piloten starten, weil man die Nachwuchsarbeit für Red Bull macht.
Fazit: Nach vorne wird wenig gehen.
Sauber:
Eine Krücke sei der C29, hat Peter Sauber laut und deutlich gesagt. Die Schuld für die lahme Kiste schob der Unternehmer dann Richtung BMW, die sich letzten Jahr eher unrühmlich verabschiedet hatten. Man muss Sauber zumindest in einem Punkt in Schutz nehmen – durch das Chaos im Winter wurde am neuen Chassis vermutlich nicht mit dem Nachdruck gearbeitet, den es gebraucht hätte. Die guten Zeiten aus dem Tests rührten vermutlich daher, dass Sauber alle Karten auf den Tisch gelegt hatte, während der Rest Welt mauerte. Erschwerend kamen in diesem Jahr die unerklärlich hohe Anzahl an geplatzen Ferrari-Motoren hinzu. Aber immerhin gelangt es dem kleinen Team die schlimmsten Mängel auszumerzen und man erreichte in der Türkei und in Valencia ein paar Punkte. Am Wagen selber kann man wohl nur wenig machen, auf der anderen braucht man dringend weiter gute Ergebnisse, sonst sieht es mit der Sponsorensuche für 2011 sehr schlecht aus. Man kann Peter Sauber und seiner Mannschaft nur die Daumen drücken. Erstaunt war ich dann über Pedro de la Rosa – er liegt auf Augenhöhe mit Kobayashi, dessen Talent deutlich sichtbar ist. de la Rosa hatte ich nach seiner langen Pause als Einsatzfahrer viel schlechter eingeschätzt.
Fazit: Mutige Strategien, viel Fernsehzeit und viele Punkte müssen her
Lotus:
Mike Gasconye ist ein streitbarer Mensch, der schon bei so einigen Arbeitgebern angeeckt ist (Renault, Toyota, Force India usw.) Als ich das Design des neuen Lotus gesehen habe, wollte mir auch kein Schrei der Entzückung über die Lippen huschen. Kantig, eckig, langweilig – fast ein Retro-Design. Gasconye begründete die Entscheidung für das maue Design mit zwei Argumenten. 1. Man habe keine Zeit gehabt. 2. Man wolle auf Zuverlässigkeit setzten, nicht auf Experimente. Bis muss man ihm Recht geben, den Lotus macht von den drei neuen Teams tatsächlich den besten Eindruck. Die leidigen Probleme mit der Hydraulik sind allerdings ein dicker Minuspunkt. Dennoch hat man sich im Laufe der Saison stark verbessert und mittlerweile fehlt nur noch rund 1 Sekunde um mal in selbständig in Q2 zu kommen. Auch die Fahrerpaarung hat sich gelohnt. Kovalainen fährt durchaus ansprechend, Trulli wirkt manchmal etwas gebremst. Aber die Erfahrung beider Piloten tut dem Team mehr als gut.
Fazit: Ein Punkt muss her!
Virgin:
Aus Virgin werde ich nicht so recht schlau. Das reine CFD-Design von Nick Wirth ist nicht schlecht, es funktioniert aber auch nicht besser, als die Holzkiste von Mike Gascoyne. Man hat im Laufe der Saison zwar nach gelegt, aber langsam aber sicher scheint Lotus weg zu ziehen. In Valencia waren es 1.2 Sekunden, was etwas viel war, aber eine halbe Sekunde dürfte es schon sein. Offenbar ist Richard Branson nicht so richtig gewillt, noch mehr Geld ins Team zu stecken, was aber auch niemanden hilft. Kontraproduktiv sind auch die übermotivierten Fahrer. Glock und di Grassi sehen schlechter aus, als die Kollege von Toyota, was aber auch an der Fahrbarkeit des stets nervös vor sich hin rutschenden Virgin liegt. Vielleicht sollte man doch mal einen Windkanal aufsuchen.
Fazit: Sie müssen den Anschluss an Lotus finden
HRT:
Die Spanier können einem fast ein wenig leid tun und man muss sie durchaus auch bewundern. Colin Kolles hat eine Ruine übernommen und ist mittlerweile bis auf ein paar Zehntel an Virgin dran. Das ist aller Ehren wert. Die Schuld am miesen Auftreten schiebt man Dallara in die Schuhe, die das Chassis gebaut haben. Allerdings – Dallara hat die Arbeiten am Wagen im Dezember 2009 eingestellt und erst im März ging es weiter. HRT hat den Deal mit Dallara gekündigt und man entwickelt nun selber. Damit kommt man zwar voran, aber Quantensprünge gelingen damit natürlich auch nicht. Und ob die Fahrer die allerbesten sind, bleibt auch eine offene Frage. Immerhin überrascht Chandok mit Zielankünften und das er Senna zwischendrin immer wieder das Heck zeigt. Das größte Problem des Teams sind aber wohl weiter die Finanzen. Der Eigentümer, José Ramón Carabante, musste sich neulich wohl schon mal Geld für seine Geschäfte besorgen und Bernie Ecclestone wurde mit dem Worten zitiert, dass er nicht an ein Überleben des Teams glauben würde.
Fazit: Wackelkandidat für 2011, ohne bessere Fahrer wird sich auch wenig bewegen.





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Update nur kurz nachdem dieser Eintrag gepostet wurde (zu dumm aber auch :) – Kubica hat bis Ende 2012 bei Renault verlängert. (Für 2011 hätte er natürlich eh praktisch nirgends hinwechseln können, wo man seinen Ambitionen gerecht würde – alle grossen Teams sind dicht, die silly season dieses Jahr wird dürr werden.)
Du hast dein Quiz falsch bewantwortet ;-) Rosberg kam für Williams auch beim Skandalrennen in Singapur 2008 nochmal auf Podium, da sogar auf den zweiten Platz.