Formel Eins: Was ist los in der Formel Eins?

5 Kommentare
Von DonDahlmann 07 Nov 2009 um 14:55 in Motorsport

Honda weg. BMW weg. Bridgestone weg. Toyota weg. Und Renault wackelt dramatisch. Was ist gerade los in der Formel Eins? Ist sie zu teuer? Zu unattraktiv?

Vier wichtige Hersteller haben die Formel Eins in den letzten 11 Monaten verlassen. Ein fünfter wackelt. Williams konnte nur mit einer Finanzspritze von Bernie Ecclestone in die Saison starten und bei Force India möchten Gläubiger angeblich sogar das Motorhome pfänden, weil man nicht bezahlt wird. Das sind nicht mehr nur Anzeichen einer Krise. Selten muste die Serie so viel Rückschläge hinnehmen, wie in diesem Jahr. Noch nie sind so viele “big player” gleichzeitig ausgestiegen, aber auf der anderen Seite war es noch nie so teuer ein Formel Eins Rennen sehen zu wollen. Die Formel Eins lebt in ihrer eigenen Realität und die Strecke in Abu Dhabi ist das perfekte Beispiel dafür.

Eines der Dinge, die mich bei meinem diesjährigen Besuch am Nürburgring am meisten erschrocken hat, war das völlig abgeschottete Fahrerlager. Da kommt man nicht mal rein, wenn man sich für 3000 Euro ein Paddock Club Ticket kauft, sondern nur, wenn man dann auch noch zusätzlich ein Ticket hat, welches vom Gastgeber ausgestellt wird. Also von einem Team oder Hauptsponsor. Ansonsten bleibt man draussen. Das Fahrerlager ist eine kleine Stadt und ähnelt den abgeschlossenen Wohnbezirken von Millionären. Jemand von Mobil, einen Hauptsponsor, mit dem ich zwischen dem 27sten Häppchen ein paar Worte gewechselt hatte, war geradezu schockiert, dass man nicht mal in die Nähe der “echten” Formel Eins kommt. In Abu Dhabi ist man dann konsequent einen Schritt weiter gegangen: da hat man gleich ein ganzes Areal so gebaut. Eine Blase, ein in sich geschlossenes System, in dem Kurzsichtigkeit und Dummheit regiert.

Die Autohersteller haben die Serie in den letzten 15 Jahren maßgeblich geprägt. Als die nach und nach eingestiegen sind, brach der Krieg aus und es wurde hochgerüstet. Die Hersteller haben die Preise und die Ansprüche an das Umfeld so weit nach oben getrieben. Und nun geht einem nach dem anderen die Luft aus. Die Anlage von Abu Dhabi ist in seiner Künstlichkeit ein Spiegelbild der Formel Eins. Es sieht gut aus, aber es hat keine Seele. Es besteht aus Geld aus einer hübschen Oberfläche, aber dahinter verbirgt sich nichts mehr. Es zieht Menschen an, denen es nicht um Sport sondern um das eigene Ego und vor allem ums Geld geht. So lange, bis eben keins mehr da ist. Mal abgesehen von den Fahrern, Mechanikern und einigen übrig gebliebenen “Petrol Heads” geht es keinem mehr um den Sport.

Und deswegen können sich die Werke auch so leicht wieder verabschieden. Die Entscheidung, ob man einen Sport betreibt, wird nicht mehr von denjenigen getroffen, die ihn betreiben, sondern von Vorständen, von Rechnungsprüfern, die mit einem Blick auf die Zahlen eine Entscheidung treffen. Eine, aus ihrem Blickwinkel, sicher gerechtfertigte Entscheidung, denn bevor man ein paar Arbeiter entlässt, sollte man lieber vorher woanders sparen.

Doch in die Falle sind die Hersteller selber gelaufen, in dem sie die Kosten haben explodieren lassen. Statt sich, wie von Max Mosley vermutlich Jahre zu spät gefordert, auf eine gesunde Kostenbeschränkung zu einigen, hat man jahrelang hunderte von Millionen Euro verpulvert. Und weil man so viel Geld in die Serie steckte, hat man die Ansprüche an das drumherum der Formel Eins erhöht. Silverstone steht seit Jahren nicht nur auf der Abschussliste, weil der BRDC und Ecclestone eine herzliche Feindschaft pflegen, sondern auch weil den Sponsoren das Ambiente nicht mehr passt. Abu Dhabi ist halt schicker.

Der größte Witz an all dem ist noch, dass die Hersteller im Sommer damit gedroht haben, dass sie eine Piratenserie geründen wollten. Wie viel Substanz die gehabt hätte, sieht man nun, wo sich alle schmallippig verabschieden. Man wäre jetzt schon nicht mehr in der Lage, ein Starterfeld voll zu bekommen.

Muss man der FIA und Ecclestone eine Mitschuld geben? Sicher muss man das, aber mit Beschränkungen wären die Hersteller gar nicht erst gekommen. Sie wollten völlig Freiheit in der Entwicklung, sie wollten selber bestimmen, was sie ausgeben. Die FIA hat mit der Beschränkung der Motoren immerhin eine Notbremse gezogen. Zu wenig, zu spät für den Sport.

Nun sind erst mal alle weg. Die Privatteams scheinen wieder die Oberhand zu bekommen, zumindest jene, die über gute Sponsoren verfügen. Ich bin nicht böse darum. Es ist schön, Hersteller in der Serie zu haben. Sie sind das Salz in der Suppe, weil sie erst den “David gegen Goliath” Effekt möglich machen. Auf der anderen Seite: ohne die Hersteller werden die Fahrer wieder wichtiger. Ohne die Hersteller gibt es vielleicht weniger Zwänge, weil man nicht mehr für die Vorstände fährt. Vielleicht öffnet sich die Formel Eins wieder ein wenig und lernt, dass nicht Vostände eine Serie groß machen, sondern die Fans. Die “big player” schöpfen nur so lange den Rahm ab, wie er da ist. Die Fans bleiben auch dann, wenn es nicht so gut läuft. Eine Erfahrung, die einige Serien hinter sich haben und eine, die die Formel Eins (und auch die NASCAR) dringend machen müssen. Wer “Fan Befragungen” als Stilmittel einsetzen muss, der hat vom Sport offenbar keine Ahnung mehr und vergessen, was daran Spaß macht.

Die Formel Eins schrumpft. Und sie schrumpft hoffentlich auf ein gesundes Maß. Ohne Hersteller hat die FIA nun die einmalige Gelegenheit Regeln festzuschreiben und Budget-Limits zu setzen. Ich hoffe, man nutzt die Chance.

Ähnliche Artikel

  • No Related Post

4 Comments

  1. Keke

    Toller Artikel Don! Du schreibst genau das was viele denken.

    Ich hoffe die Formel 1 nützt diese Chance und die Geldgier wird wieder etwas eingedämmt. Obwohl ich mir nicht sicher bin ob das unter Ecclestone möglich ist…

    Reply  |  Quote
  2. Christoph

    Danke Don, grossartig verfasst! Bringt die Stimmung auf den Punkt.

    BRAVO!

    Reply  |  Quote
  3. @ Keke: Stimme dir zu, unter Ecclestone wohl nicht mehr möglich. Dafür ist er zusehr aufs Geld und auf ein Event fixiert und nicht aufs Racing. Schade. Aber um Geld zuscheffeln, muss man wohl heute ein Event machen und das Rennen als “Nebensache” irgendwie darstellen können.

    Bei Toyota und Honda ist das die Erfolgslosigkeit, keine Geldprobleme wegen Wirtschaftskrise. Das ist eine faule Ausrede, die sicherlich auch ein wenig mit reingespielt hat, würde es aber laufen, wäre es völlig egal. Die bei Honda beißen sich doch mächtig in den allerwertesten.

    Bridgestone kann durch die Formel Eins nichts gewinnen. Es gibt halt keinen Konkurrent und so ist man immer der Sieger und es interessiert keine sau (ja ich sehe das ähnlich das ein Hersteller besser ist – aber eben nicht für den Reifenhersteller).

    Bei Renault tu ich mir schwer. Die sind mittlerweile für mich ein Teil der Formel Eins, sei es durch ihre Jahrelange Motorenpartnerschaft mit Benetton oder jetzt mit dem Werksteam. Sicherlich leichter ersetzbar, vergessbar als Ferrari oder McLaren, trotzdem traurig sollte Renault gehen. Aber Renault ist mit BMW der Hersteller, dem ich die Finanzkrise abnehmen, auch wenn bei BMW natürlich auch die Punkte wie bei Honda+Toyota reinkommen.

    Solange die Formel Eins nicht in eine Einheitsserie ausartet, sind mir Privatteams auch lieb. Aber sollten wir eine Einheitsserie bekommen, sehe ich schwarz. Die F1 lebt durch Entwicklungen neuer Technologien etc…

    Reply  |  Quote
  4. Stefan

    Ich finds hervorragend wenn die Hersteller verschwinden! Die große Promi-Show a’la Dubai braucht doch keiner von uns – am TV hatte ich den Eindruck, die fahren in ‘nem großen Kühlschrank. Wann kommt die erste überdachte Rennstrecke, mit künstlichem Regen zur Rennmitte, damit wieder alle wachwerden?

    Reply  |  Quote

1 Trackbacks/Pingbacks

  1. Bookmarks for November 8th through November 9th « LostFocus 09 11 09

Add Your Comment