85-71-69 sind am Wochenende die magischen Zahlen. Nein, das ist nicht meine Prognose fürs Samstagslotto, sondern der Stand in der Formel 1-WM. Das – wie meistens in dieser Saison – ungewisse Kräfteverhältnis und der mögliche Regen dürften aus dem Grand Prix von Brasilien eine spannende Angelegenheit machen.
Korrektur: Rennstart ist um 18 Uhr unserer Zeit, die Quali startet heute um 19 Uhr!
Jenson Button hat 85 Punkte; holt er sechs Punkte, ist er Weltmeister, holt er vier Punkte, wird auf jeden Fall einer der Brawns. Man sagt sich „Klar, das wird er schon schaffen…“, aber in nur drei der letzten acht Rennen hat er vier oder mehr Punkte geholt (wobei sich das „oder mehr“ allein auf den zweiten Platz in Monza bezieht). Warum also sollte es an diesem Wochenende besser laufen? Holt er weniger als die angesprochenen vier bzw. sechs Punkte, hängt alles von den Ergebnissen der Konkurrenten ab.
Rubens Barrichello, 71 Punkte, kann seine Nichts-zu-verlieren-Stellung nutzen. Der ganze Druck lastet auf dem Teamkollegen, er selbst kann volles Risiko gehen und gerade vor dem enthusiastischen Heimpublikum wird er das mit Sicherheit tun. Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken bzw. Stop-and-Go-Strecken in Valencia und Monza hat er gewonnen, aber Sao Paulo fällt nicht unbedingt in diese Kategorie. Macht er das, was er auch in Spa, Singapur und Suzuka gemacht hat, nämlich zwei oder drei Pünktchen einsammeln, ist die WM für ihn gelaufen.
Dritter ist Sebastian Vettel mit 69 Punkten. Sollte er sich seine Titelchance aufrecht erhalten, wird er auf jeden Fall in Abu Dhabi ein Problem haben: der Bart wird das ganz schön unter der Balaclava kratzen. Denn rasieren will er sich ja erst wieder, wenn er rechnerisch kein Meister mehr werden kann. Aber, Spaß beiseite, Vettel kann und wird voll auf Sieg fahren und den traue ich ihm auch zu. Interlagos ist eine Strecke, die man schon lange eher Red Bull zugeordnet hat. Die Trainings geben nicht wirklich Aufschluss: Webber hat zwar eine Bestzeit geholt, aber auch Barrichello war beide Male vorn dabei und wie immer weiß man nicht, wer gerade was ausprobiert hat. Aber Webber hat bereits in Suzuka den Frontflügel für dieses Wochenende getestet und damit die schnellste Rennrunde hingelegt. Wenn das Ding also in Sao Paulo so gut funktioniert wie in Suzuka, sollten die Red Bull wie vermutet stark sein.
Entscheidenden Charakter wird aber vor allem auch haben, wie stark die übrigen Teams sind. Kann Hamilton mit KERS vorn reinfahren? Raikönnen? Alonso? Rosberg? Trulli? Und was macht Mark Webber, nachdem er fünf Rennen lang keine Punkte geholt hat? Was ist mit Sebastien Buemi, der im zweiten Training die zweitschnellste Zeit hingelegt hat? Jetzt hier allzu viele Mutmaßungen auf Basis der Trainingsergebnisse aufzustellen, macht wohl keinen Sinn, also warten wir am besten einfach die Quali ab.
Für den Sonntag könnte ich mir gut vorstellen, dass wir im Grunde ein ähnliches Rennen erleben werden, wie das Saisonfinale 2008. Dass also Button in den mittleren Punkterängen fährt und versucht, die nötigen Punkte für den Titel zu sichern, während Vettel vorn wegfährt. An einen siegfähigen Brawn glaube ich in Sao Paulo nicht, aber Barrichello wird um ein Podium mitkämpfen können. Das Wetter könnte in guter 2008er-Manier auch wieder eine Rolle spielen, denn die Regenwahrscheinlichkeit ist hoch: 60% für Samstag, 80% für Sonntag sind die aktuellen Vorhersagen von weather.com. Und da die Strecke in Interlagos sowieso meistens für gute rennen sorgt – das Senna-S nach der ewig langen Geraden ist wohl eine der besten Überholmöglichkeiten der ganzen F1-Saison – dürfen wir uns wohl auf eine spannende Weiterentwicklung des Titelkampfes freuen, und das auch noch zur besten Fernsehzeit (Start ist um 18 Uhr MEZ).
Im Hinterkopf sollte man außerdem das Finalrennen in Abu Dhabi behalten. Es handelt sich augenscheinlich um eine für KERS prädestinierte Strecke, auf der man auf jeden Fall einen möglichen Sieger Hamilton und einen starken Raikönnen einkalkulieren muss. Und genau diese KERS-Autos könnten dann Button zur WM verhelfen, indem sie seinen Konkurrenten die nötigen hohen Punktzahlen wegschnappen. Ein Portrait des brandneuen Yas Island Circuit werde ich nächste Woche schreiben.
Der nächste Neueinsteiger in der saison 2009 soll natürlich auch nicht unerwähnt bleiben: Kamui Kobayashi vertritt Timo Glock, der immer noch unter seiner Verletzung aus dem Suzuka-Unfall leidet. In den Trainings stellte er den Toyota auf die Plätze 18 und 13. Ich bin gespannt, wie sich der amtierenden GP2 Asia-Meister an diesem Wochenende schlägt.
Newssplitter
- Was Donington angeht, habe ich mittlerweile völlig den Überblick verloren. Einmal heißt es, die Deadline ist versäumt und einen neue gibt’s nicht, einen Tag später dann aber doch; mal sagt Ecclestone, er sähe keine Chance, dass es noch was wird, nur damit dann Herr Gillett dann erklärt, dass es selbstverständlich alles klappt. Oder so. Jedenfalls will Gillett jetzt Anteile an seiner Firma als Aktien verkaufen, um das nötige Geld anzuhäufen. Aber auch das wird schwierig, weil die Papiere laut Finanzexperten sehr risikoreich sein sollen…
- Das Fahrerkarussell dreht sich langsam weiter, und gleich mit das Motorenkarussell. Es sieht wohl so aus, als wenn Williams nächstes Jahr ziemlich sicher mit Hülkenberg, Barrichello und Cosworth antritt (mal wird’s von irgend jemandem so bestätigt, dann sagt wieder jemand was anderes usw.)
- Ich denke, Kamui Koboyashi wird nächstes Jahr als Stammpilot für Toyota fahren. Beide Fahrer stehen dort zur Diskussion und mindestens von einem der beiden wird man sich wohl trennen. Fest steht aber auch hier offiziell noch nichts.
- Lotus hat als erstes der neuen Teams Bilder von seinem Auto, bzw. von den ersten Modellen für ein solches, veröffentlicht. Sieht aber im Moment noch nicht nach viel aus, das wirkt alles noch sehr schlicht und wenig detailliert. Man wollte wohl einfach mal zeigen, dass die Entwicklung läuft und man wirklich vorhat, nächstes Jahr dabei zu sein. Die Bilder gibt u.a. hier.





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