Wer vor dem Wochenende auf eine Pole von Fisichella gewettet hatte, ist nun, je nach Einsatz, vermögend. 150:1 standen die Wettenquoten.
Wie gut, dass ich für Wetten nichts übrig habe. Ich hätte am Wochenende zwar den richtigen Sieger getippt, aber beim zweiten Platz wäre ich schon wieder raus gewesen. Aber wer konnte ahnen, dass Force India auf einer der anspruchvollsten Strecken des gesamten Kalenders derartig aufdrehen würden? Jene Force India, über denen angeblich der Pleitegeier schwebt, die ewigen letzten der Vor-Badoer-Zeit, die mit einem talentierten, aber nervösen Sutil und einem sich schon im halb Ruhestand befindlichen Fisichella jetzt auch nicht gerade die Cremé an Fahrern im Rennstall haben? Tatsächlich ist der Sprung von Force India bei näherer Betrachtung noch unglaublicher, als er ohnehin erscheint.
Dafür muss man einen Blick auf die Qualizeiten des Teams werfen. Die Rundenzeiten eignen sich nur bedingt für einen Vergleich, weil man man im Hinterfeld meist feststeckt und selten eine freie Runde hat. Wenn man also einen Blick auf die Qualifikationen des Jahres 2009 wirft, dann stellt man erstaunliches fest. Alle Zeiten beziehen sich auf Q1, wo Force India immer leer fährt, weil man (bisher) sonst keine Chance hatte:
Australien: + 1.671sek
Malaysia: + 1.227sek
Shanghai: + 2.136sek
Bahrain: +1.042sek
Barcelona: +1.258sek
Monaco: +0.969sek
Türkei: +0.948sek
Silverstone: +1.272sek
Nürburgring: + 0.758sek
Ungarn: +1.014sek
Valencia: +0.614sek
Man hat sich, grob gesagt, zwischen Australien und Valencia um rund eine Sekunde verbessert. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die anderen Teams ja auch nach gelegt haben. Nimmt man Brawn, die im Moment wohl eher nur in kleinen Schritten weiterentwickeln, dann kann man sehen, dass die im Laufe des Jahres rund eine Sekunde verloren haben, obwohl sie auch schneller geworden sind. Der wahre Fortschritt von Force India dürfte also bei mindestens zwei Sekunden liegen.
Das sind enorme Zahlen und man fragt sich dann: wie geht das? Sutil und Fisichella sind nicht über Nacht so schnell geworden, also muss es etwas mit dem Wagen zu tun haben. Da hilft sicher der Deal mit Mercedes, denn man bekommt nicht nur den Motor, sondern auch die Hydraulik und das Getriebe. Aber das ist nur eine Seite. Force India hilft das neue Reglement. Denn offenbar liegen hier noch enorme Entwicklungsmöglichkeiten vergraben. Die Aerodynamik war so ausgereizt, dass man nur noch im Hunderstelbereich weiter kam. Ein Sprung von zwei oder drei Zehntel war schon eine kleine Sensation. Die neuen Regeln erlauben aber wieder viel größere Sprünge, wenn man die richtigen Ingenieure, bzw. Ideen hat. Woran man sieht, dass man das vermutlich alle drei bis fünf Jahre so machen sollte.
Vijay Mallya hat Ende letzten Jahres Mike Gasconye raus geworfen und die gesamte Aerodynamik-Abteilung umgekrempelt. Statt erfahrener Ingenieure sitzen da jetzt junge Menschen, die mit frischen Ideen an die Sache ran gehen. Es kann gut sein, dass man halt mit einer etwas anderen Denkweise plötzlich etwas gefunden hat, was den Wagen so nach vorne gebracht hat.
Was mich, wie vermutlich alle, in Spa aber am meisten überrascht hat, war nicht mal die Pole von Fisichella, sondern sein Rennspeed. Er blieb scheinbar locker an Räikkönen dran, man sah kein stehendes Rad, kein Rutschen oder Anzeichen dafür, dass da jemand seinen Wagen bis zur Neige auspresst. Das hat mich schwer beeindruckt. Auch das Rennen von Sutil lief blendend. Er profitierte von Ausfällen vor ihm, aber immerhin wurde er, der am Ende der ersten Runde letzter war, am Ende noch elfter, nur knapp hinter Glock.
Wird Force India die Performace in Monza wiederholen können? Die Chancen stehen nicht schlecht. Der Wagen ist auf der Geraden am schnellsten, und in Monza geht es nur geradeaus. Er mag anscheint schnelle Kurven, da hat man mit den Lesmo und der Parabolica auch was in petto. Könnte also gut sein, dass das kein Ausreißer war. Und schön wäre das auch, denn Force India wäre es ja durchaus zu gönnen.
Das Räikkönen am Ende gewinnen konnte hat meine Vorhersage, dass die KERS-Wagen in Spa schwer zu schlagen sein werden, dann immerhin noch einigermaßen gerettet. Ferrari hat eine ulkige Strategie im Moment. Schwer in die Quali, guter Start und sehen, dass man aufs Podium kommt. So was hat man ja auch lange nicht mehr gehabt und McLaren hätte das sicher gerne kopiert, wäre man nicht so unterirdisch langsam gewesen. Und da sieht man es wieder: in diesem Jahr versteht kaum einer, welches Auto wo schnell ist. Es heißt, dass der McLaren keine schnelle Kurven mag, aber davon hab es in Ungarn ja auch ein paar. Trotzdem hat man da gewonnen.
Selbiges gilt für Toyota, denen man den Sieg so langsam schon aus Mitleid schenken würde. Da hat man Trulli auf der zwei, da ist es voll getankt und dann geht wieder alles in die Hose. Der Fahrer pennt beim Start, rasiert sich den Flügel ab und später stellt ein Problem mit den Bremsen fest. Vielleicht wollte man aber auch nicht, das der offenbar völlig frustrierte Trulli noch weitere 40 Runden hinter Badoer hängen bleibt. Da hat man gerne mal ein “Problem”. Und dann versemmelt man sich auch noch die Punkte, weil bei Glock die Tankanlage streikt. Klar – da war viel Pech bei. Der Unfall mit Heidfeld, die Tankanlage – da kann man wenig machen. Oder doch? Ich glaube, dass Toyota nicht viel zum Schritt nach ganz vorne fehlt – wenn sie einen Schumacher oder Alonso ins Team bekommen könnten – der Laden würde nach einem halben Jahr anders aussehen. Aber vielleicht ist ja Kubica so eine Variante, der ja auch als einer gilt, der ein Team um sich herum formen kann. Oder mal Ron Dennis fragen…
Größter Gewinner am Wochenende war zweifelsohne Sebastian Vettel. Der profitierte zwar auch von den Problemen von Barrichello, Trulli und Glock, aber seine restliche Fahrt war durchaus sehenswert. Ausser Webber und Button haben keine Punkte geholt und die gelten ja als härteste Konkurrenten im Titelkampf, der jetzt wieder völlig offen ist. Wobei Red Bull Webber um den dritten Platz gebracht hat, als man ihn nach seinem Stopp zu früh rausfahren ließ. Diese kleine Unsicherheit und die Probleme mit den Motoren lassen die WM-Chancen von Red Bull nicht so groß erscheinen. Denn auch wenn Brawn ein schlechtes Wochenende gehabt hat, die kommen wieder. Schwächeperioden von Meisterschaftsteams sind bekannt, und ebenso ist bekannt, dass die irgendwann vorbei gehen. Allerdings war es schon erstaunlich, dass man Barrichello nur mit einer Pfütze im Tank so gerade auf Platz vier bekommen hat.
Monza wird wieder anders werden. Und vermutlich noch enger. McLaren wird wieder dabei sein, ebenso Brawn und Red Bull. Wenn Ferrari weiter so gut ist, Toyota die Fehler beseitigt und Force India wieder mitmischt, dann wird das mit den Vorhersagen wieder richtig schwer.
Noch ein paar Worte zu Renault. Ein brasilianischer Sender hat verkündet, man habe Beweise, dass Renault Nelson Piquet 2008 beim Rennen in Singapur “befohlen” habe, den Wagen in die Mauer zu setzten. Die FIA hat immerhin beschlossen, sich die Sache näher anzusehen, aber das ist bei der Vorgeschichte zwischen Briatore und Mosley nicht weiter verwunderlich. Ich glaube nicht, dass da was dran ist. Zum einen war Unfall nicht ohne, wie man (leider nur sehr kurz) hier sehen kann:
Zum anderen: ich traue Briatore jeden Trick zu, aber wenn, macht er das eleganter. Piquet hätte den Wagen auch irgendwo auf der winkligen Strecke parken können ohne das halbe Chassis zu zerstören. Und selbst wenn Briatore so einen merkwürdigen Befehl gegeben hätte – er hat dann wohl dafür gesorgt, dass es keine Beweise gibt. Das ist nämlich besser, bei solchen Aktionen, und er ist schlau genug das zu wissen.
- Fisichella zu Ferrari? Ich weiß nicht. Sicher – mit Badoer macht man sich in Italien lächerlich, Gené zu nehmen ist auch keine Lösung, Piquet und Bourdais will man nicht, Senna usw. ist auch keine Lösung. Fisico wäre auf Anhieb sicher schneller als Badoer, keine Frage. Die Gerüchte meinen, dass Force India bei Ferrari noch in der Kreide steht und man einen Tausch vor hat. Erlass der Schulden gegen Fisichella, wenn Force India den auch weiter bezahlt. Die könnten dann ja Senna nehmen, der Geld mitbringt. Oder es mit Liuzzi versuchen. Fisico hätte sicher nichts gegen einen Einsatz in einem Ferrari (welcher Fahrer wäre schon dagegen) aber warum sollte Mallya gerade den Mann los werden, der ihm fast ein Rennen gewonnen hat, der nun auf einer Endorphinwelle surft und vermutlich in Monza ähnlich schnell ist?
Und sonst?
Die Woche wird das mit Updates wieder etwas dünner, da ich zur IFA muss und am Wochenende in Oschersleben zur WTCC weile. Allerdings nicht auf den Tribünen, sondern zum arbeiten. Irgendwie muss der Server ja hier bezahlt werden :)





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Force India hätten mit im Rennen geänderter Strategie eventuell an Raikkönen vorbei kommen können. Beide Fahrer an der Spitze sind jedenfalls perfekt gefahren (bis auf Raikkönens Verbremser in der Schikane, durch den Zusammenstoß hätte sein Rennen nämlich auch schon vorbei sein können).
Was ein bisschen unterging waren die wie ich finde schönen Überholmanöver von z.B. Heidfeld und Barichello sowie allgemein die Anzahl an Überholvorgängen. Sicher der Strecke geschuldet und zeigt wieviel mehr Spannung Rennen haben könnten…
@spookyt: da stellt sich die frage ob man nicht einfach mehr spa-like rennstrecken braucht statt exprtengremium was den autos an den flügeln rumschustert. wobei die verschiebungen von wegens kers/doppeldiffusor uns auch ne spannende saison gegeben haben…
Mich würde die Liste von Spa-like Rennstrecken interessieren… ;-) Spa ist einzigartig und das ist auch gut so, sonst bräuchten wir uns nicht mehr so drauf zu freuen. Hoffentlich kriegen die es hin, weiter jährlich im Kalender zu bleiben.
Das Rennen war ganz großes Tennis, es ist Wahnsinn, wie eng die F1 trotz der ganzen technischen Entwicklung und der unterschiedlichen Budgets ist. Die letzte MSa (vor Spa) sprach übrigens sogar von drei Sekunden Zeitgewinn bei Force India.
@Prometheus: auf anhieb fällt mir da nur suzuka ein.