BMW steigt also aus der Formel Eins aus. Ganze neun Jahre hat man es ausgehalten, Erfolge hat man nur wenige erringen können. Aber kommt der Ausstieg nicht etwas voreilig?
Als Dienstag Abend von BMW recht kurzfristig eine Pressekonferenz für den heutigen Tag zum Thema “Motorsport” angekündigt wurde, konnte man sich schon denken, was da kommen würde. Man fährt sicher keine zwei Vorstände auf, wenn man der WTCC den Rücken kehren will. Also nun der Rückzug aus der Formel Eins, der wohl extrem kurzfristig beschlossen wurde. Offenbar hat es gestern eine Vorstandssitzung gegeben, auf der man diesen Schritt beschlossen hatte. Und zwar so überraschend, dass es absolut keine Vorwarnung gab. Weder für das Team noch für Mario Theissen selber, dessen Gesicht heute auf der Pressekonferenz eine Mischung aus totalem Schock, Unverständnis und Frust offenbarte. Nicht mal die Mitarbeiter in Hinwil hatte man vorab informiert. Laut der MSA erfuhren einige vom Ausstieg erst, als die ersten Journalisten angerufen haben. Es gibt weder einen Plan, was man mit den Anlagen in Hinwil machen kann, noch, wie man mit dem Team umgeht. Die gesamte Aktion wirkt fast, als habe man in totaler Panik gehandelt. Man hat nur die Entscheidung getroffen, dass man die Formel 1 komplett verlässt und auch nicht mehr als Motorenhersteller arbeiten möchte. Wie man das umsetzen will und welche Konsequenzen dies auch für BMW haben wird, hat man nicht bedacht. Die Frage ist natürlich nun, warum BMW so plötzlich den Stecker gezogen hat.
Die Antwort könnte in einem Datum liegen: 04.08.2009. Am nächsten Dienstag veröffentlicht BMW die letzten Quartalszahlen und die scheinen nicht schön auszusehen. Schon im ersten Quartal gingen die Verkäufe um über 20% zurück. In den Monaten April bis Juni dürfte man noch mal verloren haben, denn von der Abwrackprämie profitiert man ja bei den Preisen des Herstellers nur kaum. Da Daimler gestern schon rabenschwarzen Zahlen hatte, kann man sich vorstellen, was bei BMW kommt. Und da die Experten die Schwierigkeiten für die Hersteller, zumindest in Europa, erst ab 2010 kommen sehen, kann man sich denken, dass man auch bei BMW nach Einsparungspotential gesucht hat.
Und das ist nun mal das Formel Eins Team. Denn so etwas will man in wirtschaftlich schweren Zeiten bis Ende 2012 sicher nicht am Bein kleben haben. Egal ob man für die Saison 2010 nur noch die Hälfte ausgibt, es wären immer noch rund 150 Millionen Euro gewesen. Und BMW versenkt die Summe fast komplett und bekommt über die FOM Gelder nur einen Teil wieder. Im Gegensatz zu Mercedes, die aus ihrem Motorsport-Engagement auch Geld rausziehen. Die geben zwar auch Geld in ins McLaren Team, aber das ist nur ein geringer Teil. Denn zum einen verdient McLaren mit seinen Tochterunternehmen (die zB. die Standardelektronik für die F1 herstellen) wieder Geld, zum anderen hat man mit dem McLaren High Performance Center einen sehr profitablen Bereich aufgebaut. Dort werden die F1 Motoren gebaut, die McLaren, Force India und Brawn bezahlen. All das hat BMW nicht, dort ist die Formel Eins nur ein Kostenpunkt, den man unter dem Punkt “Branding und Marketing” abgehakt hatte.
Ein Fehler, wie sich jetzt rausgestellt hat, den Hinwil wäre durchaus in der Lage, etwas ähnliches wie McLaren aufzubauen. Auch hätte man schon seit einigen Jahren (und damit auch noch für viel Geld) den eigenen Motor vermarkten können, aber das hat man bekanntermaßen nicht gemacht. Ich kann BMWs Argumentation oberflächlich verstehen. Egal ob 150 Millionen oder 100 oder nur 50 Millionen Euro. Man muss das Geld, was man ausgibt, irgendwie verargumentieren können. Vor allem dann, wenn man vielleicht Arbeiter auf die Strasse setzen muss.
Auf der anderen Seite – BMW hat es verpasst aus seinem Rennteam ein profitables Unternehmen zu machen. Was in so fern doppelt unverständlich ist, weil sie es mit der “BMW Motorsport” Abteilung ja vormachen, in dem sie den nach Super2000 Reglement aufgebauten 3er BMW in alle Welt verkaufen.
Die Art und Weise, wie die Entscheidung zum Rückzug getroffen wurde, erinnert schwer an die von Honda. Eine technokratische Entscheidung, keine, die mit Herzblut getroffen wurde. Motorsport scheint dem Vorstand egal zu sein, es ist nur ein Instrument. Wer sagt, man habe festgestellt, dass sich eine “Premium-Marke” in Zukunft über die Begriffe “Nachhaltigkeit” und “Energieeffizienz” definiert, gleichzeitig aber einen Wagen wie den BMW X6 freudestrahlend auf den Markt wirft, der macht sich ein wenig unglaubwürdig. Gerade das kommende Jahr, in dem das Nachtanken in der Formel Eins verboten wird, hätte für die Motorenbauer von BMW eine große Herausforderung sein können, denn im nächsten Jahr gewinnt der Motor, der am wenigsten verbraucht, weil man dann mit weniger Gewicht los fahren kann. Auch wenn man KERS im Moment vom Tisch ist, die Formel Eins ist immer noch die beste Bühne für die eigene Technologie. Es sei denn, es reicht einem, dass man in der WTCC ab und an einen spanischen Dieselmotor schlagen kann.
Nein, BMW hat keine Lust mehr gehabt. Teils aus den richtigen Gründen, weil es sich nicht gehört, Angestellte zu entlassen, und gleichzeitig Partys in der Formel Eins zu feiern, teil aber auch, weil BMW wenig “Freunde am Fahren” hat und zumindest von Seite der obersten Entscheider, den Motorsport recht seelenlos betrachtet. Man hat die Notbremse gezogen, bevor man das Concorde-Agreement unterschrieben hat. Ein späterer Ausstieg wäre BMW richtig teuer gekommen.
Nach dem BMW sich nun kleinlaut aus der Formel Eins zurück gezogen hat, ist die Frage, was mit dem Team geschieht. Man hat in München nicht den Hauch eines Plans. Man weiß nicht, ob man verkaufen kann und will, oder ob man den Laden einfach dicht macht. Peter Sauber gehören noch 20% des Teams, er könnte vermutlich gegen kleines Geld alles übernehmen, aber eine Finanzierung hinzubekommen dürfte schwer sein. Er müsste schon Petronas überreden, doch dem Öl-Konzern geht es aufgrund der Flaute auch nicht so gut. Es wird schwer, einen “Brawn” zu machen. Im Gegensatz zu Honda hat BMW die Schließung rechtzeitig angekündigt. Gegen Ende des Jahres dürften etliche Verträge auslaufen, also wird es nicht so teuer wie bei Honda. Vielleicht kann Sauber seinem ehemaligen Partner aber dazu überreden, die Rennstall für 2010 abzusichern. Motoren bekommt man günstig, Nick Heidfeld bleibt vermutlich auch, bleibt das Problem, dass BMW eine Krücke gebaut hat. Man wird ein komplett neues Chassis brauchen, und das ist teuer.
Man wird die nächsten Tage und Wochen abwarten müssen. Peter Sauber ist sicher der Typ, der den Laden wieder übernehmen kann, zumal im Team noch viele Leute arbeiten, die er eingestellt hat. Es ist sein Lebenswerk, er wird es nicht einfach ein paar Technokraten überlassen, die den Motorsport nicht verstehen.
Ehrlich gesagt, lässt mich der Rückzug von BMW aus der Formel Eins eigentümlich kalt. Ich hatte nie viel Sympathien für den Rennstall, dafür war er mir einfach zu kühl, zu technokratisch. Man hatte selten das Gefühl, dass denen das alles auch Spaß macht, sondern dass man einen Punkt nach dem anderen abhakte, als ob man eine Einkaufsliste durchging. “Q3? Check. Punkte? Check. Podium? Check… usw”. Gepunktet haben sie bei mir im letzten Jahr, als man Nick Heidfeld nicht einfach vor die Tür setzte, sondern ihm half, den Wagen besser zu verstehen. Andere Teams (Renault z.B) hätten einen Fahrer längst abserviert.
Aber trotzdem fehlte bei BMW immer etwas. Atmosphäre, Charisma, irgendetwas in die Richtung war nicht da, oder ging im glatten und peniblen Auftritt des Teams unter. Da hat selbst Renault dank Flavio Briatore mehr zu bieten gehabt. Aber wer weiß, was aus den Trümmern des BMW-Rennstalls nun entsteht. Aus Honda ist am Ende ja auch noch was geworden.





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So sehe ich das nicht unbedingt. Ich denke, mit einem solchen “typisch deutschen” Modell hätten sie mehr Erfolg haben können. Wenn ich aber Entscheidungen wie beim Thema KERS oder die faktische Aufgabe des Kampfes um den WM-Titel im letzten Jahr sehe, entsteht eher der Eindruck, als hätte man oftmals eben nicht sehr rational entschieden. Wer weiss, von wie vielen kleineren Fehlentscheidungen wir gar nichts gehört haben.
sauber könnte den laden schon übernehmen, wenn er noch an vorderster front mitwirken wollte. aber das bezweifle ich.
Alles nicht falsch, aber den vorgebrachten Argumentationen von wegen “Nachhaltigkeit” und “Energieeffizienz” kann man ruhig mehr Plausibilität zugestehen. Das sind keine vorgeschobenen Gründe, sondern da ist schon was dran. Beides sind wichtige Elemente für die Zukunft der Automobilentwicklung, und wenn das Umfeld in der Königsklasse des Motorsports den eigenen Vorstellungen dabei nicht gewogen ist, dann ist das ein Faktor (von vielen, natürlich), der gegen ein weiteres Engagement spricht. Es geht da ja nicht nur darum, etwas zu entwickeln und auszureifen (das geht auch allein im Ingenieurbüro, auch wenn es mit Konkurrenzdruck schneller und besser vorangeht), sondern auch um die öffentlichkeitswirksame Präsentation der Technologie, und um die Vermarktung des ganzen. KERS ist konzeptionell eine grossartige Sache, und Energierückgewinnungssysteme werden über kurz oder lang bestimmt weitläufigen Einzug in Strassenfahrzeuge halten. Aber es war ein Riesenfehler, KERS nicht zur Pflicht für alle Teams zu machen – BMW war nicht umsonst der stärkster Fürsprecher eines Pflicht-KERS. Ohne Pflicht-KERS hatte (hat) man die dumme Situation, dass andauernd öffentlich um ein Für und Wider diskutiert wird, Gewichtsverteilung, einbauen, ausbauen, wer ist wann wo schneller mit oder ohne, was kostet das ganze, usw. – insgesamt ein furchtbares Durcheinander aufgrund der halbherzigen Einführung, das KERS unnötig und unfair schlecht aussehen lässt. Es stimmt schon, dass die F1 als solches in der Tat nicht dazu bereit war, entschlossen für die Hinwendung zu solchen “grünen” Konzepten einzustehen, mit allen Konsequenzen (sprich: mit Nachteilen, die allen Teams gleichmässig zu schaffen machen, und die sie eben *nicht* dadurch umgehen können, das System auf manchen Strecken einfach nicht einzusetzen).
Stattdessen malen sie lieber grüne Streifen auf die Reifen…