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Der verdrängte Tod

Posted 20 Jul 2009 — by DonDahlmann
Category F2

Ein paar Gedanken zum Tode von Henry Surtees, über den Motorsport, die Sicherheit und unser Verhalten als Zuschauer

Das sind so Texte, die man nicht schreiben will. Es ist zwei Uhr morgens, ich kann nicht schlafen, weil ich mit einer Mittelohrentzündung rum kämpfe und weil mir die Bilder des heutigen, viel mehr jetzt gestrigen, Formel 2 Laufes noch durch den Kopf gehen. Es ist ja nicht der erste Tote, den ich im Motorsport erlebe. Ich habe seit meiner Jugend einige mitbekommen. Markus Höttinger, Rolf Stommelen, Manfred Winkelhock, Stefan Bellof, Ayrton Senna, Greg Moore, Dale Earnhard. Nur um mal die bekanntesten zu nennen. Doch seit ein paar Jahren ist es ja nicht mehr so schlimm mit den Toten. Früher konnte man pro Saison ein paar Seiten in jeder Zeitung für die Todesmeldungen freiräumen, heute liest man allerhöchstens, dass ein Fahrer aus den 50er oder 60er Jahren im hohen Alter eines natürlichen Todes gestorben ist.

Nach dem Tod von Senna und dem von Earnhard, nach vielen schweren Unfällen, in denen viele Sportler ihr Leben ließen oder schwer verletzt wurden, hat man die Sicherheit verbessert. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, dass sich die Fahrer nach einem Unfall aus ihren zerfetzten Karbon-Panzer schälen, sich kurz schütteln und nach dem Ersatzwagen verlangen. Wir lachen über “kleine Abflüge”, wie freuen uns, wenn es, wie auch gestern, in der WTCC rund geht, oder in der NASCAR jemand die Mauer entlang rutscht, weil uns das unterhält. Und weil diese Unterhaltung zum Motorsport gehört. Der Unfall, der scheinbar immer in der Luft liegt, weil die Fahrer an der Grenzen der Physik entlang rudern, gehört zum Motorsport, wie der K.O. zum Boxen. Und wir wissen, dass ein Boxer nach dem Niederschlag wieder aufsteht und wir gehen ebenso davon aus, dass man wenige Sekunden nach einem Unfall sieht, wie jemand ärgerlich sein Lenkrad aus dem Wagen wirft.

Motorsport ist gefährlich, das ist eine Binsenweisheit, weil das Leben gefährlich ist. Jeder Sport hat seine Gefahren. Egal ob ich auf einen Berg klettere, mit dem Segelboot aufs Meer fahre oder mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springe. Aber das sind Dinge, die ich alleine zu meinem Vergnügen mache. Da sind keine Kameras, keine Zuschauer und keine Journalisten, die darüber schreiben oder ihre Fotos machen.

Im Motorsport ist das anders. Sicher, die Fahrer machen es vor allem, weil sie Ruhm, Ehre und Geld haben wollen. Aber sie machen es auch, weil wir zuschauen, weil wir Geld dafür bezahlen. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber vielleicht ist eine Sache aus dem Gleichgewicht geraten: wir erwarten zu viel. Und das auch, weil Unfälle, wie der von Kubica 2007 in Kanada oder von McDowell 2008 in Texas immer glimpflich ausgegangen sind. Wir haben uns erschrocken, wir haben danach, als wir hörten das der Fahrer ok sei, gedacht: “Wow, das war ja mal ein Abflug”. Man muss ehrlich sein: wir mögen diesen Reiz. Am Fernseher.

Wer einmal einen Unfall an einer Rennstrecke erlebt hat, der weiß wie anders so ein Unfall dort ist. Wie es sich anhört, wenn Reifen quitschen, man den Fahrer verzweifelt am Lenkrad rudern sieht, wenn das dumpfe Geräusch von eines Aufschlags erfolgt, wenn Glas zerbricht oder Kohlefaser zerstört wird. Man sieht die Geschwindigkeit, man kann sie fast fühlen und der Magen krampft sich zusammen. “Der hat aber Glück gehabt” sagt man selbst dann, wenn der Fahrer aus seinem nur leicht verbeulten Wagen taumelt. Im Fernsehen sieht und hört man das alles nicht. Man sieht nur, man spürt nicht. Und vielleicht ist das auch ein Grund, warum man Unfälle mit einem leichten Schulterzucken abtut. Warum man abgestumpft ist und einen Unfälle meist kalt lassen.

Der gestrige Unfall war eine Verkettung von unfassbar unglücklichen Umständen. Wer sich die Aufzeichnung anschaut, der kann sehen, wie Surtees noch versucht einen Haken zu schlagen um den Trümmerteilen auszuweichen. Und wie der Haken die Fahrtrichtung seines Wagens genau so ändert, dass der Reifen genau auf seinem Helm landet. Der Unfall ist auch deswegen so tragisch, weil er aus einer scheinbaren nicht aufzulösenden Kette von Zufällen bestand, dass man fast hilflos zum Wort “Schicksal” greifen möchte.

Markus Höttinger starb am 13. April 1980 in Hockenheim. Derek Warwick war abgeflogen, ein Rad hatte sich gelöst und dies traf den Österreicher am Kopf. Knapp 30 Jahre später erleben wir erneut einen solchen Unfall. All die Verbesserungen der Sicherheit haben in diesem Fall nur wenig gebracht, weil der Kopf eines Fahrers in einem Monoposto weiter ungeschützt ist. Natürlich kann und muss man darüber diskutieren, ob und was nun verändert werden muss. Ist die Strecke von Brands Hatch noch zeitgemäß? Sollte man vor der bekannt schwierigen Stelle von Westfield Bend eine Schikane einbauen? Sollte man unerfahrene Nachwuchsfahrer überhaupt auf diese Strecke lassen? Soll man nur noch auf Strecken fahren wie in Istanbul, wo 3 Quadratkilometer Auslaufzone hinter jeder Kurve warten? Vielleicht muss man auch darüber nachdenken, ob man nicht, wie zum Beispiel bei den US-Dirttrack Rennwagen üblich, einen Schutz über dem Fahrer installiert, von dem Teile oder eben auch ein Reifen abprallen können. Das mag im ersten Moment lächerlich erscheinen, aber in den 50er Jahren verspotteten einige Fahrer die Kollegen, die plötzlich einen Sicherheitsgurt anlegten.

Ich weiß auch keine Antwort auf die Fragen. Es wird eine Untersuchung geben, man wird vermutlich die Stahlseile, die die Reifen eigentlich am Wagen halten sollen, versuchen zu verstärken. Vielleicht denkt man ja wirklich über eine Art Käfig über dem Fahrer nach oder hat sonstige Ideen. Ich weiß nur, dass ich die Rennen in der nächsten Zeit wieder mit etwas anderen Augen sehe. Stirling Moss wird heute bei MS-total.com mit folgenden Satz zitiert:

“Das wichtigste Rennen ist immer das, das ich heute bestreite. Heute kann ich getötet werden, heute kann ich gewinnen oder verlieren. Aber heutzutage ist die WM wichtiger, als Rennen zu gewinnen. Das gefällt mir nicht, das ist kein Rennsport mehr.”

Vielleicht sollte man sich diesen Satz im Gedächtnis verankern und sich wieder einmal vergegenwärtigen, dass jedes Rennen gefährlich ist und mit einem Unfall wie dem gestrigen enden kann. Und das man als Zuschauer und Fan die Gefahren des Sports wieder deutlicher sehen sollte. Es gibt eben keine totale Sicherheit im modernen Motorsport, auch wenn wir das angesichts der vielen glimpflich verlaufenden Unfälle in den letzten Jahren immer wieder gerne so geglaubt haben.

P.S: Keine Analyse der Rennen vom Wochenende in dieser Woche. Es erscheint mir nicht angebracht über “spannende” Rennen zu berichten. Einen DTM-Rennbericht von mir gibt es morgen beim p1mag.de.